Nathalie Wollmann ist Referentin für Migration, Vielfalt und Demokratie beim Paritätischen Wohlfahrtsverband und organisiert eine Schreibwerkstatt im Remstal-Gymnasium in Weinstadt. Es geht ums Anderssein, um Ausgrenzung und ums Tolerieren.
Es sind nur drei Buchstaben, aber sie haben eine große Bedeutung: RGW. Die Abkürzung steht für Remstal-Gymnasium Weinstadt, aber sie steht auch für Respekt, Gemeinschaft und Weltoffenheit. Zum Schuljahr 2023/24, als die Unruhen der Pandemie sich gelegt hatten, wurden die Begriffe als neues Leitbild des Weinstädter Gymnasiums eingeführt, und sie passen für Matthias Wenzke ziemlich gut, wenn nicht sogar perfekt zu einem Angebot, das demnächst für die Sechstklässler seiner Schule ansteht – eine Demokratie-Schreibwerkstatt. „Diese Begriffe sollen nicht nur in unserem Leitbild verankert sein und im Klassenzimmer existieren, sondern sie sollen gelebt und in konkrete Bausteine überführt werden, dabei hilft eine Projektarbeit natürlich sehr“, sagt der Schulleiter. Er ist gespannt auf das mehrstündige Projekt, das im November mit Nathalie Wollmann an den Start gehen wird.
Die Schüler sollen zu Ausgrenzung und Vielfalt sensibilisiert werden
Und was die Mutter einer Schülerin und Referentin für Migration, Vielfalt und Demokratie beim Paritätischen Wohlfahrtsverband zum Ablauf verrät, lässt Spannendes erwarten. Denn die 43-Jährige wird spezielle Geschichten mitbringen, die die Schüler fortschreiben sollen. Dabei wird es unter anderem um einen Jungen gehen, der mit Nagellack in die Schule kommt. Ein anderer Anfang thematisiert die Geschichte eines Mädchens, das nicht immer die neuesten Klamotten trägt. Ein weiterer Handlungsansatz beschäftigt sich mit dem Thema Migrationshintergrund. „Alles Themen, die die Vielfalt und den Umgang mit ihr sowie mit Ausgrenzung thematisieren. Die Schüler sollen darüber nachdenken, wie sie den Konflikt lösen würden, die Handlung weiterschreiben und mit Bildern präsentieren“, erklärt die Referentin, die selbst zweifache Mutter ist.
Die aktuellen Entwicklungen machen der Referentin Sorgen
Dabei betont die Frau aus Kernen, dass Ausgrenzung meist klein anfange, unter anderem vielleicht schon mit dem Neid auf eine Geburtstagseinladung, weil man selbst nicht eingeladen sei. „In der sechsten Klasse ist noch dazu die Pubertät im Gange, also eine spezielle Zeit. Deshalb gelte es einmal mehr, die Kernbotschaft und die Werte der Demokratie vor Augen zu führen, um Ausgrenzung zu verhindern, sagt die Referentin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands und betont, dass Demokratie in diesen Zeiten großgeschrieben werden müsse. „Wir erleben aktuell eine Entwicklung in Politik und Gesellschaft, die mir große Sorgen bereitet. Die Hemmschwelle, menschenverachtende Aussagen zu treffen, sinkt immer mehr.“
Der Paritätische ist ein Verband von eigenständigen Organisationen, Einrichtungen und Gruppierungen der Wohlfahrtspflege, die soziale Arbeit für andere oder als Selbsthilfe leisten – getragen von der Idee der Parität, das heißt der Gleichheit aller in ihrem Ansehen und ihren Möglichkeiten. „Mit den Prinzipien der Toleranz, Offenheit und Vielfalt will der Paritätische Mittler sein zwischen Generationen und zwischen Weltanschauungen, zwischen Ansätzen und Methoden sozialer Arbeit, auch zwischen seinen Mitgliedsorganisationen“, heißt es in der Beschreibung über den Verband, dem es darum geht, dass alle Menschen gleich wichtig sind und sich in ihrer Unterschiedlichkeit frei entfalten dürfen. In ihrer Funktion beim Paritätischen Wohlfahrtsverband ist es Nathalie Wollmann wichtig, die Themen unabhängig von Büchern oder Schulstoff zu behandeln und eine Plattform zu bieten, sich aktiv mit den Themen Vielfalt, Ausgrenzung und vor allem mit Würde auseinanderzusetzen. „Im Rahmen der Schreibwerkstatt sollen Geschichten, Diskussionen und auch Lösungen entstehen, die einen respektvollen und friedlichen Umgang ermöglichen.“
Ein wichtiger Ansatz für Schulleiter Matthias Wenzke: „Ausgrenzung ist hochaktuell. Das fängt im Klassenzimmer an, wenn ein Schüler über einen anderen sagt, dass er ihn nicht leiden kann. Wir sagen dann immer, ihr müsst euch ja gar nicht leiden können, aber eben respektvoll miteinander umgehen.“ Das Ganze sei ein Dauerthema im menschlichen Zusammenleben.
Umso besser findet es der Schulleiter des Remstal-Gymnasiums, wenn so ein wichtiges Thema nicht im Unterricht, sondern in Form eines Projektes von einer externen Person vermittelt werde. „Es findet ohne Noten statt, und die Schüler müssen selbst aktiv werden und etwas schreiben. Machen wir uns nichts vor, da wird mehr hängen bleiben, als wenn das nur im normalen Unterricht thematisiert werden würde“, sagt Matthias Wenzke vom Remstal-Gymnasium.
Werte gelten für alle gleich, das soll vermittelt werden
Und das ist auch das Ziel von Nathalie Wollmann. „Mit den Geschichten will ich den Schülern vermitteln, dass Werte für alle gelten. Jeder hat das Recht, so zu sein, wie er will, solange er nicht das Recht eines anderen missachtet“, sagt Nathalie Wollmann. Bei Vielfältigkeit gehe es darum, dass eben auch ein Junge mit Nagellack oder ein Mädchen mit uncoolen Klamotten nicht ausgelacht, sondern toleriert werde. „Das möchte ich den Schülern in der Schreibwerkstatt, die eine Premiere ist, vermitteln.“
Bei Schulleiter Wenzke ist sie dabei auf offene Ohren gestoßen. „Wenn es irgendwie möglich ist, sage ich bei solchen Anfragen nicht nein. In meiner Abi-Rede gebe ich den scheidenden Schülern auch immer mit, dass man in der Gesellschaft nur durch gegenseitiges Zuhören zusammen leben kann. Man muss die Dinge eines anderen nicht übernehmen, aber man muss sie tolerieren.“