In Aidlingen fehlen Pflegeplätze. Ein Projektentwickler plant neben der Sonnenbergschule ein Wohn- und Pflegequartier. Dagegen regt sich jetzt Widerstand.
Es war eine heiße Debatte am 24. Juli und das lag nicht nur an den hochsommerlichen Temperaturen im Aidlinger Ratssaal. Als Peter Kemmer, Geschäftsführer der KIAG Grundbesitz GmbH in Stuttgart, die Pläne für ein Wohn- und Pflegequertier namens „Südöstlich der Sonnenbergschule“ vorstellte, stieß er dabei nicht nur auf uneingeschränkte Begeisterung. Nach längerer Diskussion über Dimension und Standort stimmte der Gemeinderat aber dennoch mit deutlicher Mehrheit zu.
Mittlerweile regt sich im Ort jedoch Widerstand. Auf Initiative einer Anwohnerin formiert sich eine Bürgerinitiative, die sich gegen die Baupläne an diesem Standort stemmt. Am 4. Dezember hat die Anwohnerin eine Online-Petition auf der Plattform openpetition.de gestartet. Knapp zwei Wochen vor Weihnachten haben bislang fast 50 Menschen die Petition unterschrieben.
Hauptkritikpunkt sind die erwarteten Belastungen für die Anwohnerschaft. Die Initiatorin des Bürgerprotests fürchtet unter anderem Verkehrs-, Parkplatz- und Lärmprobleme, vor allem aber passe das Projekt wegen der aus ihrer Sicht überdimensionierten Bauweise nicht in ein Wohngebiet. „Ein Gebäude an der Straße ist 20 Meter breit, 30 Meter lang und sechs Stockwerke hoch – doppelt so hoch wie alle anderen Häuser der Straße“, fürchtet sie und dass ein solcher Bau ihr Sicht und Sonnenlicht rauben könnte.
Kritiker empfinden den geplanten Bau als „zu wuchtig“ für ein Wohngebiet
Mit ihrer Kritik steht die Anrainerin nicht alleine da. Grünen-Rätin Elke Anders hatte den Entwurf in der Julisitzung ebenfalls schon als „zu wuchtig“ bezeichnet. Weitere Ratsmitglieder unterschiedlicher Fraktionen äußerten sich ähnlich, am Ende überwog aber für die Mehrheit die Tatsache, dass in Aidlingen schon jetzt mehr als 50 Pflegeplätze fehlen.
Hinzu kommt, dass der Gemeinde keine Baukosten entstehen. Das Grundstück gehört dem Aidlinger Diakonissenmutterhaus. Die KIAG möchte es erwerben und dort für geschätzte 30 Millionen Euro auf rund 6150 Quadratmetern ein Areal mit 66 Wohneinheiten, 60 Pflegeplätzen und einer Tiefgarage darunter bauen.
Den akuten Pflegeplatzbedarf im Ort erkennt auch die Anwohnerin an. „Wir unterstützen den Bau von Pflegeeinrichtungen ausdrücklich – aber nicht um jeden Preis“, formuliert sie in einem Infoblatt.
Da sie Repressalien fürchtet, organisiert sie ihre Aktion anonym. Ihre Hoffnung ist jetzt, dass die Petition genug Widerstand in der Bevölkerung mobilisiert, um das Projekt noch zu verhindern. Auf Unterstützung vom Aidlinger Diakonissenmutterhaus sollte sie dabei jedoch nicht hoffen. Da man das Gelände nur verkaufe und das Projekt nicht selbst plane und verantworte, sei man der falsche Adressat, teilt man dort auf Nachfrage dieser Zeitung mit.
Bürgermeisterin Österle: „Es handelt sich hier um ein privates Projekt.“
Bürgermeisterin Helene Österle betont, dass es sich hier um ein privates Projekt handle und die Gemeinde das Verfahren lediglich im Rahmen der kommunalen Planungshoheit begleite. „Eigentümer und Investor haben sich bereits privatrechtlich über den Verkauf verständigt, das ist ein wichtiger Punkt, der in der öffentlichen Diskussion oft übersehen wird“, sagt die Rathauschefin.
Man nehme die Sorgen der Anwohnerschaft durchaus ernst, versichert Österle, dass man Themen wie Bauhöhe, Geländesituation, Verkehr und Einbindung ins Ortsbild sorgfältig prüfen wolle. Allerdings sei das Projekt ein wichtiger Baustein für Aidlingens künftige Pflegeversorgung. „Entscheidungen dürfen deshalb nicht allein von Lautstärke, sondern müssen von Fakten, Gutachten und einer sorgfältigen Abwägung geleitet sein“, erklärt sie.