Ein Stuttgarter Architekt kauft 1977 ein Schloss nahe Reutlingen. Wie ist es für die Familie dort zu leben - und das Anwesen jetzt für drei Millionen Euro zu verkaufen? Ein Besuch.
Drei Zimmer, Küche, Bad, ein offener Wohn- und Essbereich, das ist der leicht überblickbare Wohnstandard heute, in dem es sich praktisch und ohne Haushaltshilfe leben lässt. 14 Zimmer und 2 Plumpsklos, ein Schlosskeller und ein parkähnlicher Garten hingegen– was macht man damit?
Ein Schloss auf dem Lande ist ein Traum für viele eingebildete Prinzessinnen und Prinzen, doch zugleich ist so ein Gebäudeensemble teuer im Unterhalt und irgendwo ist immer etwas zu tun.
Stuttgarter Architekturprofessor kauft ein Schloss
Mutige Leute, die alte Fachwerkhäuser, Landhäuser, Schlösser kaufen und erhalten, gibt es aber, obwohl solche Unternehmungen oft ruinöse Unterfangen sind, sofern man nicht weiß, was damit zu tun ist. Wolfgang Stadelmaier, Professor für Architektur und Design, der neben seinem Architekturbüro einen Lehrstuhl an der Kunstakademie in Stuttgart hatte, wusste und wagte es.
Und so waren die Stadelmaiers also plötzlich in Besitz eines denkmalgeschützten Schlosses mit einer hohen Mauer und einem prachtvollem Rundbogentor, das noch aus der Zeit des Bauherrn Levin von Kniestedt stammt – der Herr war seit 1670 in württembergischen Diensten, ab 1698 Württembergischer Rat, Oberstallmeister und Obervogt zu Leonberg. Die Portale datieren auf 1710.
Schon schön, aber: riesiger Sanierungsbedarf, an jeder Ecke des zweistöckigen Baus im Fachwerkstil zieht es. Kleine Kämmerchen, kein richtiges Bad, dafür eine Jauchegrube im Garten, Stallungen und jede Menge Land. Dazu Nachbarn, die öfter am Hauseingang entlang marschieren und schauen, was „die vom Schloss“ mit dem Anwesen vorhaben.
Der Herr reiste einst aus Stuttgart an und inspizierte sein Anwesen
1977 war das. An einem Wintertag 2025 sperren Jörg Stadelmaier und seine Schwester Christiane die Haustür auf, und später in dem herrlichen Garten mit Teich und Birkenallee stehend, sagt er: Obwohl meine Mutter bis kurz vor ihrem Tod den Garten pflegte, vor dem Haus selber kehrte, sind wir doch ,die vom Schloss’ geblieben“. „Na ja“, sagt seine Schwester, das Verhältnis zu den Leuten im Dorf war aber immer sehr gut und alle wussten, dass wir keine elitären Schlossherren sind.“
Ja, das stimmt, antwortet der Bruder, die Nachbarn hätten auch rasch gesehen, dass alle auch selbst viel Hand angelegt haben beim Umbau. „Aber es sind doch immer wieder neue Leute nach Rübgarten gezogen, die das eben noch nicht wussten.“
Recht herrschaftlich ging es einst auch nur selten zu im Schloss, das ursprünglich der Untertan des württembergischen Königs zugesprochen bekommen hatte – samt Ländereien. „Der kam dann einmal im Jahr zur Abrechnung, schoss ein paar Rehe und fuhrt wieder zurück an den Hof nach Stuttgart“, sagt Jörg Stadelmaier. „Die restliche Zeit lebte dort ein Gutsverwalter.“
Lothar Späth feierte mit den Stuttgarter Architekten
Einige hundert Jahre später war immerhin einmal der damals amtierende, demokratisch gewählte baden-württembergische Landeschef Lothar Späth zu Gast. Gefeiert wurde in der umgebauten Scheune der Geburtstag von Stadelmaiers Büropartnerin, der Innenarchitektin und Möbeldesignerin Herta-Maria Witzemann. Ihr Büro verantwortete die Raumgestaltung vieler öffentlicher Gebäude, unter anderem das Neue Schloss und den Landtag in Stuttgart (sowie den Umbau des Bonner Kanzlerbungalows für Kurt Georg Kiesinger).
Von Partys von damals zeugen die zahlreichen Tischplatten und 120 stapelbare Stühle. „Eine Feier für hundert Personen konnten meine Eltern aus dem Stand organisieren“, sagt Christiane Stadelmaier. So heimelig und hell es in der Scheune ist mitsamt dem von Wolfgang Stadelmaier eingebauten Atelierfenstern und dem Kamin, mit all den antiken Kutschen (die der Hausherr sammelte)– die Hauptarbeit wartete auf den Stuttgarter Architekten doch im Schloss.
Der Stuttgarter Professor hatte Erfahrung mit dem Sanieren
Das war erst einmal wohnlich zu machen, noch dazu in Abstimmung mit dem Denkmalamt. Wolfgang Stadelmaier hatte Erfahrung, als Professor an der Kunstakademie hatte er, wie sein Sohn berichtet, mit Studierenden schon 1968 das Schloss Bronnen nahe Beuron im Donautal umgebaut. Eine der wichtigsten Änderungen war die bürgerliche Adelung des Lieferanteneingangs: Die Tür, die eigentlich nur in den Kohlenkeller führte, wurde zum Haupteingang.
Das Schloss betritt man also von der Straße aus. Dort, im kleinen Eingangsbereich, wurden Wände versetzt. Dank zweier alter verzierter hölzerner Treppen-Blätter, die sich auf dem Dachboden fanden, konnte eine Treppe originalgetreu hergestellt und eingebaut werden. Sie führt hinauf ins Erdgeschoss – man steht in einem Gang, so breit, dass zwei Damen mit ausladenden Reifröcken nebeneinander Platz hätten.
Aus kleinen Kämmerchen wurden großzügige Rückzugsräume
Das Fachwerk an den Wänden wurde freigelegt, Stichwort: Materialehrlichkeit. Das ist heute Maß aller Architekten, die auf sich halten, sie existierte auch schon in den 1970ern. Im Keller ist das Mauerwerk zu sehen, „da haben wir viel und fest gefeiert“ , sagt Jörg Stadelmaier, der bis 1992 in Rübgarten im Schloss daheim war und inzwischen in Überlingen am Bodensee lebt. Auf der kleinen Bar liegen noch ein Lederbecher und Würfel, Kerzen im Glas.
„Im Obergeschoss gab es lauter kleine Kämmerchen“, sagt Jörg Stadelmaier. „Mein Vater hat in einigen Fällen zwei oder drei Zimmer zusammengelegt.“ So etwa das Elternschlafzimmer mit einem angeschlossenen Badezimmer. Kinderzimmer, Arbeitszimmer. „Es ist ein Schloss, fühlte sich aber nie pompös an“, sagt Christiane Stadelmaier. „Wenngleich es damals schon ein Luxus war, dass jedes von uns vier Kindern ein eigenes Zimmer hatte.“
Küche mit Siebziger-Jahre-Flair
Den Stadelmaiers gefiel, was sie gestaltet hatten. Und so spaziert man heute im Haus durch zwei Zeiten. Die Zeit der Entstehung, das 18. Jahrhundert – hohe Räume, ein Kamin, der von der Diele aus zu befeuern war, damit die Dienstboten einst nicht ins gräfliche Herrenzimmer latschten, um ihren Chefs einzuheizen.
Und die Zeit des Umbaus, die 1970er. Fußbodenheizung, Veloursteppichboden. Das Badezimmer ist holzvertäfelt, Badewannenaußenseiten sind mit Veloursstoff eingekleidet. Dunkelrote quadratische Fliesen mit hölzerner Einbauküche – die Schlossherrin schabte dort eigenhändig Spätzle. „Meine Mutter war Sport- und Hauswirtschaftslehrerin, sie hat den Haushalt bestens organisiert und auch den Garten gestaltet und gepflegt bis ins hohe Alter“, sagt Christiane Stadelmaier.
Der böse Puter Kurt
Tiere hatte die Familie jede Menge, Fische im Teich, Hühner, Enten. Das Schlachten aber haben sie einem Nachbarn überlassen. Der aggressive Puter Kurt, der den Kindern hinterherjagte und die Schlossherrin nur noch mit Besen als Schutz durch den Garten eilen ließ, schmeckte dann 22 Leuten im Kirchengemeinderat, berichten die Geschwister.
Im 67 Quadratmeter großen Wohnsalon mit offenem Kamin, der in den Garten hinausführt, steht noch die Sofagarnitur von Knoll und ein Couchtisch, Bauernschränke, ein Flügel. Bilder hängen an den Wänden, Kinderbetten sind noch vorhanden. „Wir haben vieles verschenkt und verkauft“, sagt Jörg Stadelmaier. „Wenn ich den Stundenlohn zusammenrechne fürs online stellen, einpacken, verschicken, komme ich nicht mal an den Mindestlohn. Das lohnt sich alles natürlich nicht, aber wir können die Sachen nicht einfach wegwerfen.“
Da alle Kinder selbst ein Zuhause haben, steht nach dem Tod der Mutter im Jahr 2024 – der Vater ist 2015 gestorben – der Verkauf an. „Es hängen viele Erinnerungen an dem Haus, es tut schon weh“, sagt Christiane Stadelmaier, die an diesem Tag wieder einmal aus Stuttgart in die alte Heimat angereist ist.
Sechs Fakten zum Anwesen in Rübgarten
- 1710 ist das Jahr der Erbauung des Schlosses im Landkreis Reutlingen
- 1977 erwarb die Familie Wolfgang Stadelmaier das Anwesen
- 3760 Quadratmeter groß ist das Schlossgrundstück, zum Anwesen gehören weitere Bauplätze (über 2000 Quadratmeter)
- 461,16 Quadratmeter Wohnfläche hat das Schloss
- 510 Quadratmeter groß ist die Nutzfläche der Scheune
- 6 verkäufliche Kulturdenkmale sind aktuell im Landkreis Reutlingen auf der Homepage des Landes gelistet
Die Familie hofft auf Menschen, die den Charme des Anwesens erkennen
„Wir hoffen, dass wir Menschen finden, die etwas mit dem besonderen Charme des Anwesens anfangen können.“ 3,2 Millionen sollen das Schlossgrundstück mit Herrenhaus, Garten, Scheuer, Waschhäusle kosten. Für die sich anschließenden, bisher unbebauten Grundstücke kommen Kosten obendrauf, falls jemand das komplette Anwesen haben möchte.
Der ehemalige Pferdestall (die Familie hatte zwei Pferde) ist längst blitzblank. In der Stube nebenan stehen Rohrgeflecht-Stühle und Tischchen, sie sehen aus als würden sie sich als Mobiliar für ein hübsches Dorfcafé bewerben.
Hinten im Garten gackern ein paar Hühner auf der Wiese. Auf dem Reitplatz ganz am Ende des Anwesens ist schon lange niemand mehr geritten. Diese hinteren Grundstücke könnten einzeln gekauft und bebaut werden.
Schade wäre das schon, noch bilden die 30 Birken, die der neue Schlossherr pflanzen ließ, eine schöne Allee und verbinden alles miteinander. Der moosbesetzte Brunnen im Garten spendet seit vierhundert Jahren Wasser, inzwischen nur noch fürs Blumen- und Heckengießen. Ein Schloss liegt im Schlaf. Es wartet auf mutige Liebhaber, die das Anwesen erneut wachküssen.
Weitere Fotografien finden sich in der Bildergalerie.
Info
Wolfgang Stadelmaier
Der Schlossbesitzer, 1927 in Reutlingen geboren, studierte nach seiner Schreinerlehre von 1951 bis 1955 unter anderem an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart das Fach Innenarchitektur. 1958 wurde er in den Deutschen Werkbund aufgenommen und trat fünf Jahre später der Architektenkammer bei. „Professor Wolfgang Stadelmaier hat an der Akademie mehr als drei Jahrzehnte lang, von 1961 bis 1992, zunächst als künstlerisch-technischer Lehrer für Möbeltechniken, dann als Professor für Ausstellungsarchitektur und Montagebau so vielfältig wie verdienstvoll gewirkt“, ist in dem Nachruf auf der Homepage der Akademie zu lesen. Von 1955 bis 1957 war Stadelmaier als Mitarbeiter im Architekturbüro von Herta-Maria Witzemann tätig und wurde 1958 zum Mitinhaber des Büros, mit dem er in den Sechzigerjahren unter anderem den Wiederaufbau des historischen Wilhelmspalais und den Bau des Reutlinger Rathauses begleitete.
Denkmalgeschützte Anwesen
Das Land Baden-Württemberg listet auf seiner Homepage nach Regionen aufgeteilt verkäufliche Kulturdenkmale, denkmalgeschützte Höfe, Schlösser, Villen, die zum Verkauf stehen.