Melisa Melek Özel spielt die Nour im Stück „Die Optimistinnen“. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Melisa Melek Özel lebt einen gut kalkulierten Traum. Jetzt spielt sie ihre erste große Hauptrolle auf der Stuttgarter Theaterbühne.

Es ist die Stille, die den Moment erleuchtet. In der Wand verankerte Seilzüge geraten in den Blick, wenn das Licht angeht. Der Putz bröckelt, der eiserne Vorhang ist geschlossen, weil nur der Bühnenmeister ihn öffnen darf, der kommt um 10. Kulissen warten darauf, dass sie auf ihre Position geschoben werden. Ungeordnet stehen sie auf einem schwarzen Holzboden, der speckig ist, weil er schon viel Flüssigkeit aufgenommen hat, Schweiß und ganz sicher auch Tränen.

 

Melisa Melek Özel mag den Moment am frühen Morgen, wenn noch niemand da ist und sie die Bühne für sich hat. Hier wird sie am 12. Juni stehen, ausgelaugt, aber hoffentlich glücklich am Ende einer Premiere, die ein Meilenstein in ihrem Leben sein wird. Dann wird sie in der Bühnenfassung von Gün Tanks Roman „Die Optimistinnen“ zum ersten Mal die Nour gespielt haben. Nour ist ihre erste Hauptrolle in einem großen Stück an einem echten Schauspielhaus. „Für Musicaldarstellerinnen ist das wirklich selten“, sagt Melisa Melek Özel und weiß: Spätestens jetzt ist sie auch Schauspielerin.

„Eine spannende Biografie“

„Melisa hat eine spannende Biografie“, sagt Axel Preuß. Der Intendant der Schauspielbühnen Stuttgart ist ein Theatermann der sympathischen Art. Seinen Intellekt garniert er mit Bodenhaftung. Haltung und Unterhaltung begreift er nicht als Widerspruch, sondern als gemeinsamen Auftrag. Deswegen hat er Komödien im Programm, Musiktheater (wer erinnert sich nicht an die wunderbaren Comedian Harmonists vor ein paar Jahren?) und ebenso mitreißende wie nachdenkliche Stücke.

Drei Jahre ist es her, dass „Istanbul“ das Publikum begeistert hat. Regisseur und Autor Murat Yeginer erzählte am Alten Schauspielhaus die Geschichte des Gastarbeiters Klaus Grunder, der sich im Zuge des Anwerbeabkommens von Stuttgart aus nach Istanbul aufmacht, um mitzuarbeiten am Wirtschaftswunder in der Türkei – in der Hoffnung, selbst bescheidenen Wohlstand zu erlangen. „Istanbul“ war die bühnenreife Umkehrung der Gastarbeiter-Geschichten, zweisprachig aufgeführt, mit Texten und Liedern, die dem Publikum mit spielerischer Leichtigkeit den Spiegel vorhielten. „Eine Sensation“ sei das Stück, urteilte das Magazin „Theater der Zeit“, und beschrieb, wie Türken und Deutsche bei den Aufführungen mit- und übereinander gelacht haben.

„Die Optimistinnen“ könnte jetzt an diesen Erfolg anknüpfen. Im Mittelpunkt steht Nour. Sie trägt gerne Minirock und lässt sich nicht viel sagen. Mit 22 Jahren verlässt sie Istanbul und geht nach Deutschland. Sie landet als Gastarbeiterin in einem Wohnheim in der Oberpfalz, wo die Frauen Kopftuch tragen. Dort erfährt sie von einem Frauenstreik aus den 20er Jahren, der sie dazu ermutigt, ebenfalls aufzustehen und für die Rechte der Frauen zu kämpfen.

Die Rolle passt zu Melisa Melek Özel wie der Rock zum Roll. Geboren im Juli 1996 in Bietigheim-Bissingen, Mutter Deutsche, Vater Türke und laut der Tochter „die größte schwäbische Kartoffel, die rumrennt“. „Übel behütet“ sei sie aufgewachsen, erzählt sie im Jargon der Spät-Millennials. Die Eltern haben sie zweisprachig erzogen und ihr manches mitgegeben: einen Rufnamen, Melisa, der in beiden Kulturen klingt, einen Zweitnamen, Melek, der übersetzt Engel heißt und sie mit Liebe behütet, einen Familiennamen, Özel, der wie ein französisches Gedicht – „Ösell“ – ausgesprochen wird, was der gemeine Schwabe natürlich nicht weiß, weswegen Melisa Melek sich in den vergangenen 29 Jahren notgedrungen an die Ansprache „Frau Özzl“ gewöhnen musste.

Der Intendant Axel Preuß schätzt Özel für ihre „Frische und Bühnenpräsenz“. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Sie erträgt das, weil sie den Dialekt nicht nur kennt, sondern bisweilen so herrlich schwäbisch schwätzt, dass sie nicht nach dem Weg zur Toilette fragt, wenn sie muss, sondern nach dem Abort. Doch hinter der Fassade kämpfen die Kulturen. Sie beschreibt „dieses Gefühl, nicht so richtig zu wissen, wo man hingehört“, im Lied namens Drahtseilakt. Geschrieben hat sie es vor Jahren mit ihrer Band Semikolon. Zusammen mit den vier Jungs aus der Nachbarschaft ihrer Jugend macht sie seit der Pubertät kernigen Punkrock. In Drahtseilakt singt sie zu markanten Gitarrenriffs: „Balanciere zwischen zwei Welten / Drahtseilakt zerbrechliche Skulptur / Ankommen kann ich nur selten / Fühl’ mich zerrissen, bin ohne Kultur.“

Heute schreibt Melisa Melek Özel in einer Art von Selbstreflexion dazu: „Als wir damals mit Semikolon angefangen haben, eigene Songs zu schreiben, habe ich mich mit dieser Zerrissenheit und der Identitätsfrage immer mehr auseinandergesetzt. Die Musik und die Kunst haben mich auf jeden Fall mit dahin entwickelt, zu akzeptieren, dass ich nicht nur eine der beiden Kulturen sein kann oder muss. Im Gegenteil: dass ich beides in mir tragen kann und soll. Und irgendwo dazwischen mein Platz und sicherlich auch der vieler anderer Menschen mit Migrationshintergrund in welcher Generation auch immer ist.“

„Ich bin – sowas wie Heimat“

Mit diesem Lebensthema hat sie sich auch während der Ausbildung zur Musicaldarstellerin an der Jungen Akademie Stuttgart (JAS) befasst. Als Abschlussprüfung schrieb und spielte Melisa Melek Özel ein deutsch-türkisches Soloprogramm, das sie „Ich bin – sowas wie Heimat / Ben – memleket gibi bir seyim“ nannte. Weil sie von seiner Arbeit bei „Istanbul“ im Alten Schauspielhaus so begeistert war, lud sie Murat Yeginer zur Uraufführung ihres Stücks ein. Er konnte nicht. Trotzdem sind sie in Kontakt geblieben. Im Dialog der Textnachrichten hat sie ihn dann offenbar so überzeugt, dass er sie via Instagram zum Vorsprechen für sein neues Stück „Die Optimistinnen“ einlud. Jetzt hat sie die Hauptrolle.

Dabei hätte Melisa Melek Özel in Bulgarien, Rumänien oder Tschechien viel mehr Geld verdienen können. Obwohl sie schon als Schülerin gerne auf der Bühne stand, hat sie nach dem Abitur Betriebswirtschaftslehre studiert, Schwerpunkt Foodmanagement. Dualer Partner (und damit ihr Arbeitgeber) war McDonald’s. Nach dem Studium fing sie bei Kaufland an – mit dem Auftrag, neue Filialen in Osteuropa mit einer Systemgastronomie auszustatten. Ein ebenso sicherer wie anspruchsvoller Job war das, aber eben auch einer, von dem sie dachte: „Das kann ich auch später noch machen.“

Der Entschluss, den harten Schnitt zu vollziehen, reifte ausgerechnet in der Corona-Zeit. Zusammen mit ihren Bandkollegen von Semikolon war sie damals Teil einer bemerkenswerten Musicalproduktion.

Zum 250. Geburtstag des Dichters Friedrich Hölderlin war in dessen Geburtsort Lauffen am Neckar ein Musical entstanden, geschrieben von dem kongenialen Duo Götz Schwarzkopf und Volker Kießling sowie der Band Hölders Welt. Das Werk wurde im Februar 2020, wenige Tage vor dem Lockdown, in Lauffen uraufgeführt. Melisa Melek Özel spielte darin Lotta, eine Schülerin, die sich leidenschaftlich für die Poesie und gegen den Kommerz der Mächtigen engagiert. Musikalisch eine Wucht, schauspielerisch ein ebenso frischer wie energiegeladener Tornado, konnte sie seinerzeit nur von der Pandemie gebremst werden.

„Manchmal zweifle ich noch immer“, sagt sie.

Trotzdem spürte sie, dass die Bühne ihre Bestimmung sein sollte. „Ein Lebensträumchen“ nennt sie dieses Gefühl im Rückblick und ist dankbar für die moralische Unterstützung, die sie von der Familie und der Clique, die sie Band & Friends nennt, bis heute bekommt. „Sie sind mein Fels“, sagt Melisa Melek Özel und erzählt davon, wie sie, Ironie der Geschichte, ausgerechnet im Proberaum von Semikolon im Keller eines Einfamilienhauses in Kirchheim am Neckar erfahren hat, dass sie die Rolle der Nour bekommen würde: „Die Jungs haben das mindestens genauso gefeiert wie ich.“

Ihr früheres Leben aufzugeben, sei dennoch „keine Entscheidung von heute auf morgen“ gewesen, sagt sie. „Und manchmal zweifle ich noch immer.“ Abgesichert hat sie die Kehrtwende vor gut fünf Jahren mit einer Liste, auf der sie Vor- und Nachteile einer so wegweisenden Entscheidung notiert hat, und – ganz Betriebswirtin – einem Businessplan, in dem sie präzise kalkulierte, wie viel Geld sie für Ausbildung, Miete und feste Nahrung brauchen würde.

Bis heute lässt sie sich unter der Überschrift „herzundstimme“ auch als Sängerin und Rednerin bei Hochzeiten und anderen festlichen Anlässen buchen. „Man braucht viel Glück, viel Ausdauer und definitiv mehrere Standbeine“, sagt Melisa Melek Özel. Die Alternative wäre vermutlich ein Leben in gesicherter Armut. Laut einer Studie des Bundesverbands Schauspiel (BFFS) verdienen rund 55 Prozent der deutschen Schauspielerinnen und Schauspieler weniger als 20 000 Euro jährlich. Höchstens fünf Prozent können von ihrer Kunst leben.

Melisa Melek Özel könnte in diese Minderheit eintreten. „Sie ist eine fantastische Künstlerin, die uns mit ihrer Frische, Bühnenpräsenz und Gesangskraft von Anfang an überzeugt hat“, sagt Intendant Axel Preuß. Gleichzeitig sei es „ein Ausweis ihrer Klugheit“, dass sie sich um weitere Einnahmequellen kümmere. Als Schauspielerin müsse man bereit sein, so Preuß, ins Risiko zu gehen und die Last einer ungewissen Zukunft zu ertragen. „Aber das gilt inzwischen ja auch für Daimler, Porsche und Bosch.“