Erst ein Leben als Party, dann der Absturz. In „Die Welt im Rücken“ im Schauspiel spielt Paulina Alpen den manisch-depressiven Thomas Melle - und zwar grandios!
Er hat sogar eine Nacht mit Madonna verbracht. Plötzlich tauchte sie in seiner Wohnung auf, um ihm „Oralsex zu verpassen“. Thomas Melle staunt, wie gut der Popstar noch in Schuss ist, „fast so wie auf den Aktbildern aus den späten Siebzigern.“ Am nächsten Morgen ist sie weg, ohne ihre Nummer hinterlassen zu haben. „Madonna halt“, konstatiert er.
Thomas Melle hat schon viele Promis getroffen. Picasso hat er sogar mal Rotwein in den Schoß gekippt. Der größte Star ist er selbst: Er ist der Messias – zumindest so lange, bis der Absturz folgt. Denn Thomas Melle ist manisch-depressiv. Und was es mit einem Menschen macht, wenn im Gehirn die Neuronen außer Rand und Band feuern, kann man nun im Schauspiel Stuttgart miterleben bei der so grandiosen wie intensiven Neuproduktion „Die Welt im Rücken“.
Ganze Wucht einer bipolarer Störung
Thomas Melle, 1975 geboren, ist ein erfolgreicher Schriftsteller. Wie aus heiterem Himmel spürte er eines Tages, dass mit seinem Gehirn etwas nicht stimmt. Es war die erste manische Phase, die ein Jahr dauerte, „zur blanken Tragödie“ wurde und „die Anker“ seiner Existenz komplett wegriss. 2016 erschien sein Buch „Die Welt im Rücken“, in dem Melle so akribisch wie schonungslos Einblicke in sein „hirnverbranntes Oberstübchen“ und das Leben mit einer bipolaren Störung gibt. Der Roman, der eigentlich keiner ist, war ein großer Erfolg und wurde auch bald auf die Bühne gebracht. Im Stuttgarter Schauspielhaus steht nun aber kein reifer Mann, der im Wahn Freundschaften zerschlagen und auch sonst viel Porzellan zerstört hat, sondern ein drolliges Kerlchen. Mit einer Art rotem Spielanzug und großen Kulleraugen könnte es einem Märchen entsprungen sein, ist halb Kind, halb Erwachsener, Mann und Frau zugleich. Eine Kunstfigur, die Paulina Alpen spielt – und die schon mit ihren ersten Sätzen in den Bann zieht, mit ihrer enormen Präsenz und klaren Artikulation, die sie mit starker Mimik untermalt. Obwohl Melles Buch auf schlanke zwanzig Seiten gekürzt wurde, hat Paulina Alpen in diesen fast zwei Stunden komplexe Textmassen und poetische und sprachgewandte Wortkaskaden zu meistern – und bewältigt nicht nur das brillant. In keinem Moment versucht sie sich als Schauspielerin auf Kosten Melles und seiner „Abnormitäten und Lächerlichkeiten“ zu profilieren.
Ein leichter Abend ist es nicht. Dabei wirkt die Bühne (Paula Wellmann) mit den riesigen Vorhängen in Schweinchenrosa unschuldig, um umso überraschender an eine Gummizelle denken zu lassen. Dann wieder scheinen die fließenden Stoffe zum Schlund zu werden, der die traurige Kreatur kurzerhand einsaugt. Oder sind die eleganten Falten doch Hirnbahnen, in denen sich das Ich von Thomas Melle verirrt – und auf weitere Ichs trifft?
Es sind sechs Doppelgänger von Melle, die die Regisseurin Lucia Bihler ins Rennen schickt und die als eine Art Chor Situationen und Emotionen choreografisch umsetzen. Mal beobachten sie jede Geste Melles, mal machen sie sich mit vielsagenden Blicken Notizen wie Psychiater bei der Anamnese. Als er in der Psychiatrie die nächste Tabletten-Dosis erhält, beginnt die Doppelgänger-Truppe wiederum wie auf Gummibeinen zu schwanken – ruhiggestellt und benebelt. Es gibt viele Bilder an diesem Abend, die das Gefühlschaos ahnen lassen.
Intensives Spiel: Am Ende kommen die Tränen
Lucia Bihler ist derzeit eine der gefragtesten Regisseurinnen an den großen Theatern – und man versteht sofort, warum. Sie schlachtet die irrwitzigen Handlungen dieses Fehlgeleiteten nicht voyeuristisch aus, sondern lässt subtil Ambivalenzen und Abgründe anklingen, selbst wenn sich die manische Phase für den Kranken wie eine rauschende Party anfühlen mag, auf der er der Superstar ist.
Vielleicht liegt es daran, dass Bihlers Mutter Psychologin ist, dass sie in dem Stoff der menschlichen Tragödie nachspürt – und darin nicht nur eine interessante Bühnenvorlage sah. Trotzdem ist ein starker Theaterabend herausgekommen, dessen Figuren an die Commedia dell’Arte erinnern, wenn sie mit weißen, maskenhaften Gesichtern und ihren Tippelschritten wirken, als wären sie von fremden Mächten gelenkt. Immer wieder blitzt auch trauriger Humor durch, ohne die Hauptfigur in ihrem manischen Größenwahn lächerlich zu machen.
Eine bipolare Störung sei keine Krankheit, die Empathie hervorrufe, heißt es einmal. Dieser Theaterabend setzt sehr wohl auf Mitgefühl und berührt wie selten ein Stück, weil Melles Erzählung auf seinen eigenen authentischen Erlebnissen basiert – angefangen beim fantasierten Sex mit Madonna bis hin zum Absturz und der Erkenntnis, dass „alle meine Annahmen der letzten Monate falsch gewesen waren.“ Es folgen Scham, Depression und Selbstmordgedanken. Der härteste Moment dieses Abends ist, als Paulina Alpen gehortete Tabletten in sich hineinstopft, die sie aus einer Plastiktüte holt. Ein traurigeres Bild hätte man kaum finden können für diese letzte Hoffnung, die in einer blöden Vespertüte mit Zipper steckt.
Paulina Alpen kann beim euphorischen Schlussapplaus die Tränen kaum zurückhalten, so intensiv hat sie sich in die emotionale Tragödie eingefühlt, die eigentlich nur das Ergebnis fehlgeleiteter Botenstoffe und Neuronen ist. Immerhin, nachdem er inzwischen drei sehr lange manische Schübe überlebt hat, ist Thomas Melle hoffnungsvoll, dass er auch den nächsten überleben wird.
Der Krankheit literarisch auf der Spur
Shortlist
Wie sich bei Thomas Melle die Krankheit nach langer Zeit zurückmeldete, hat er in „Haus zur Sonne“ aufgeschrieben. Das Buch steht derzeit auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.
Info
Vorstellungen am 9., 12., 20., 26. Oktober und 12., 14. November. adr