In ihrem Film „Niemand ist bei den Kälbern“ seziert die Regisseurin Sabrina Sarabi die Perspektivlosigkeit auf dem ostdeutschen Land – mit einer brillanten Saskia Rosendahl.
Stuttgart - Die Tage kommen und gehen auf dem platten Land irgendwo in Mecklenburg. Christin (Saskia Rosendahl) lässt sich ziellos treiben, wann immer sie sich nicht um die Kälber kümmern muss auf dem elterlichen Bauernhof ihres Freundes Jan (Rick Okon). Der ist lieblos wie die gesamte Szenerie – keine Perspektive, nirgends.
Die Regisseurin Sabrina Sarabi macht das schmerzhaft spürbar in ihrem Kino-Spielfilm „Niemand ist bei den Kälbern“. Wie in Zeitlupe verrinnt Christins Leben, Sarabis Blick auf das Elend in der ostdeutschen Provinz ist schonungslos. Viele Frauen fliehen, zurück bleiben einsame Männer, die glauben, nicht mehr auf ihre Manieren achten zu müssen: Säufer, Schläger, Neonazis. Nur Caro (Elisa Schlott) hält mit Christin die Stellung.
Saskia Rosendahl ist ein Wucht
Die Schauspielerin Saskia Rosendahl ist eine Wucht. In „Werk ohne Autor“ spielte sie die exzentrische Tante Elisabeth, die von den Nazis umgebracht wird, in der dritten Staffel der Serie „Babylon Berlin“ trat sie als renitente Generalstochter auf, in der Erich-Kästner-Verfilmung „Fabian oder der Gang vor die Hunde“ verkörpert sie eine lebensfrohe junge Frau in der Weimarer Republik, die in der Wirtschaftskrise in einen tiefen Zwiespalt gerät.
Bravourös spielt sie nun die frustrierte Christin, in der es unterschwellig brodelt. Oft zieht sie eine Schnute, zur Aufhellung trinkt sie schon tagsüber Billig-Likör, und sie provoziert mit knappen Hemdchen und Höschen, als wollte sie rufen: Ich bin ein Mensch, nehmt mich doch wahr! Natürlich bewirkt sie genau das Gegenteil. Ärger ist auch vorprogrammiert, wenn Christin zwischendurch ausbricht. So gerät sie an den Hamburger Windkrafttechniker Klaus (Godehard Giese), der in ihr ein Feuer entfacht, aber nichts zu bieten hat außer unschönen Sex.
Die Regisseurin mutet dem Publikum einiges zu
Sarabi bleibt permanent dicht an ihrer Protagonistin Christin, Rosendahl ist in jeder Einstellung zu sehen, oft aus der Nähe und bei intimen Verrichtungen – die Regisseurin mutet ihren Zuschauern einiges zu. Und je länger man dieser jungen Frau zuschaut, desto seltsamer erscheint es, dass sie so passiv bleibt und rein gar nichts unternimmt, um sich aus dem Sumpf zu ziehen.
Das hat auch mit der Hauptdarstellerin zu tun, die sich bald als viel zu intelligent entpuppt: Saskia Rosendahl kann noch so trotzig schauen, ihr Blick wird dadurch nicht leerer – sie ist zu klug, um wirklich Christin zu sein. Der hätte man am Schluss zumindest eine kleine Erleuchtung gewünscht, die Sarabi ihr verweigert.