Viele Interessierte verfolgen den Vortrag von Anne Sudrow zur NS-Vergangenheit von Ernst Sigle. Foto: Andreas Essig

Welche Rolle spielte Ernst Sigle zur NS-Zeit in Kornwestheim (Kreis Ludwigsburg)? Die Gutachten-Vorstellung am Montag stößt auf großes Interesse, doch nicht alle sind überzeugt.

Als großer Unternehmer, der Kornwestheim dank Salamander Wohlstand und Arbeitsplätze gebracht hat, ist Ernst Sigle weithin bekannt. Das örtliche Gymnasium trägt sogar seinen Namen. Über sein Wirken zur Zeit des Nationalsozialismus war bislang aber kaum etwas bekannt, erst vergangenes Jahr hat die Stadt Kornwestheim ein Gutachten in Auftrag gegeben, um Sigles Rolle während der NS-Diktatur zu klären. Die Ergebnisse, die Ernst Sigle schwer belasten, wurden nun in einer öffentlichen Veranstaltung vorgestellt. Viele standen der Beauftragung des Gutachtens und dem Ergebnis positiv gegenüber, doch nicht allen gefiel das Ergebnis. Der Gemeinderat wird demnächst darüber entscheiden, ob das Ernst-Sigle-Gymnasium (ESG) umbenannt werden soll.

 

Seit Langem ist unter anderem bekannt, dass bei Salamander schon früh die sogenannte „Entjudung“ vorangetrieben und die Familie des jüdischen Mitbegründers Max Levi aus der Firma gedrängt wurde. Auch dass zahlreiche Zwangsarbeiter in den Werken arbeiten mussten. In die Einrichtung der Schuhprüfstrecke im KZ Sachsenhausen, bei denen sich Häftlinge in Schuhen wortwörtlich zu Tode laufen mussten, war das Unternehmen Salamander aktiv eingebunden und profitierte stark davon. Wie groß die Verantwortung von Ernst Sigle dabei war, sollte die Historikerin Anne Sudrow herausfinden.

Wichtige Dokumente fehlen

Die Recherchen beschreibt sie als schwierig, vor allem, da wichtige Dokumente des Unternehmens aus der NS-Zeit „verschwunden“ sind. Sie musste daher viele unterschiedliche Quellen zu einem Gesamtbild zusammensetzen. Dabei wurde deutlich, dass Ernst Sigle als Aufsichtsratsvorsitzender „in die Vorgänge im Unternehmen und die Entscheidungen eingebunden war“.

Besonderes Augenmerk legte Sudrow auf seine unmittelbare Entscheidungsgewalt im technischen Bereich, wo er nach Alternativstoffen zu Leder suchte. Als technischer Leiter arbeitete Ernst Sigle eng mit dem Leiter der Schuhprüfstrecke in Sachsenhausen zusammen. Darüber hinaus habe es nie irgendwelche Bestrebungen gegeben, die Situation für die Zwangsarbeiter zu verbessern, selbst innerhalb der gegebenen Spielräume.

Das Publikum an diesem Abend ist bunt durchmischt. Unter den rund 150 Gästen sind viele ältere Kornwestheimer, aber auch einige jüngere Besucher verfolgen aufmerksam die Ausführungen der Historikerin. Bei der anschließenden Fragerunde zeigt sich, dass die Meinungen über den Umgang mit dem Gymasium auseinandergehen. Während viele dem Thema offen gegenüberstehen, sehen manche sogar das Andenken von Ernst Sigle in Gefahr. Andere werden zum ersten Mal mit der Frage konfrontiert, wie viel ihre eigenen Angehörigen wussten.

So wundert sich ein Zuhörer, dass sein Vater und Großvater als Bäckermeister stets Brote an Salamander ausgeliefert „und nie erzählt haben, dass dort eine Zweiklassengesellschaft geherrscht hat“. Ein anderer berichtet von Erzählungen seiner Großmutter, nach der die Arbeiter in Wohnungen untergebracht waren. Tatsächlich mussten die Zwangsarbeiter aber im Wesentlichen in Massenunterkünften leben, erklärt Sudrow.

Das Bestehen von mindestens drei Baracken auf dem Firmengelände sei belegt, die übrigen lebten vermutlich in großer Zahl in umgenutzten Gasthäusern oder ähnlichem. Über die Wohnbedingungen sei wenig bekannt, allerdings lägen Beschwerden von „oben“ über Wanzen- und Läuseausbrüche in den Unterkünften vor. „Die hygienischen Voraussetzungen waren also schlimm.“

Zudem kommt die Frage auf, wie es in der Zeit nach 1945 weiterging, zum Beispiel mit Blick auf die Prozesse zur Entnazifizierung. „Ernst Sigle konnte glaubhaft darlegen, dass er dem Nationalsozialismus kritisch gegenüberstand“, so Sudrow. Dafür waren allerdings lediglich einige Zeugenaussagen notwendig. Tatsächliche Vorgänge im Unternehmen wurden damals nicht untersucht, „die Verbindung zum KZ Sachsenhausen war zu dem Zeitpunkt auch noch gar nicht bekannt, weil das in der sowjetischen Zone lag“.

Persönliche Aussagen von Ernst Sigle nach 1945 liegen aufgrund des – bisher zumindest – fehlenden Nachlasses nicht vor. „Ich war jedoch überrascht, wie lange und mit welcher Kälte prozessiert wurde, als es um die Wiedergutmachungen ging“, sagt Anne Sudrow. Wie groß die Rolle von Ernst Sigle persönlich dabei war, darüber gebe es keine Belege.

Ein älterer Herr wirft dem Gemeinderat vor, dass dieser ein „moralisches Gericht“ gegen Ernst Sigle auffahre, ohne, dass dieser sich verteidigen könne. „Alles, was Ernst Sigle gemacht hat, wird herabgewertet, beurteilt und bestraft“, beklagt er. Ein anderer Zuhörer widerspricht: „Die Grundannahme ist schon falsch. Es geht nicht um eine Bestrafung, man kann Ernst Sigle nicht mehr bestrafen. Es geht darum, ob man diesen Mann als Vorbild präsentieren soll.“

OB Lauxmann: „Wir urteilen nicht“

Auch Oberbürgermeister Nico Lauxmann (CDU) verwehrt sich gegen den Vorwurf. „Wir urteilen nicht“, betont er. Die Stadt sei immer wieder mit Anfragen zu Ernst Sigle konfrontiert worden, auch aus der Schülerschaft, welche Rolle ihr Namensgeber damals gespielt hat, und man habe nie eine Antwort geben können. Deshalb sei das Gutachten in Auftrag gegeben worden, um Klarheit zu haben.

„Dieses Gutachten ist keine Anklage, das sind Fakten. Und eine politische Diskussion kann man nur auf Basis von Fakten führen“, so Lauxmann. Es gehe bei alldem nicht darum, zu vergessen, was das Unternehmen Salamander der Stadt ermöglicht habe. „Diese Erinnerung bleibt, aber wir müssen sie erweitern durch die Erinnerung an den Nationalsozialismus, aus Respekt vor den Opfern.“