Michaela Russ ist Geschäftsführerin von Russ Klassik der Stuttgarter Konzertdirektion SKS Russ Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Popstars haben Stuttgarts Litfasssäulen fest im Griff. Doch zeigt nicht auch die Klassik-Werbung neuen Rund-Schwung? Wir haben nachgefragt – bei Russ Klassik-Chefin Michaela Russ.

Allüberall zeigt die Konzertdirektion Russ derzeit mit ihrer Marke Russ Klassik Flagge – oder besser: Plakat. Steht das auch von Popstars neu entdeckte Werbemittel überlebensgroßes Plakat für ein neues Selbstbewusstsein außerhalb der digitalen Kanäle? Wir haben nachgefragt – bei Michaela Russ, Geschäftsführerin von Russ Klassik.

 

Frau Russ, haben Sie ein altes Werbeformat neu entdeckt?

Nein, in keiner Weise. In den vergangenen Jahren waren Plakate der Konzertdirektion Russ regelmäßig im Stadtbild präsent. In der laufenden Saison konnten wir die Sichtbarkeit – offensichtlich – steigern, was uns natürlich freut!

Michaela Russ: Das Besondere eines Konzertes erleben

Macht sich gut, dieses Russ Klassik allüberall. Heißt das, dass die Plakatsäule neudeutsch ,neuen Trust‘ , neues Vertrauen, gewonnen hat?

Danke für das Lob! „Neuer Trust“ ist ein gutes Stichwort: Als Veranstalter klassischer Musik sprechen wir natürlich eine Zielgruppe an, der das Plakat als Medium schon immer vertraut war. Aber eben nicht nur – denn auch neues Publikum nimmt die frisch gestalteten Motive positiv wahr.

Zugleich scheint diese Offensive auch eine Ansage in Sachen Bedeutung. Kommt die klassische Musik ,zurück‘?

War sie denn weg? Das war jetzt eine etwas polemische Gegenfrage. Aber richtig ist, dass wir trotz der unbezweifelbaren Relevanz klassischer Konzerte diese den Menschen im alltäglichen Leben wieder stärker ins Bewusstsein rücken und diese einladen wollen, das Besondere eines Live-Konzerts zu erleben.

Auffällig ist bei Ihnen zudem: Die Zeit betont cooler Fotos scheint vorbei. Positionieren Sie Klassik als das große Verlässliche in unterstellt wenig überschaubarer Zeit?

Das darf man ruhig pragmatisch sehen: die Gestaltung der Plakate soll schon Lust auf das versprochene Erlebnis „Konzert“ machen – jedoch ist unser Ziel natürlich nicht, Plakate zu verkaufen, sondern Konzertkarten. Also soll im Vordergrund die faktische Information stehen. Wenn wir dabei eine fast altmodische Verlässlichkeit rüber bringen, ist das durchaus in unserem Sinn und gilt nicht nur für die Musik.

Das Jahr 2025 erfüllte, wenn ich nicht ganz falsch liege, nicht alle Nachfrage-Erwartungen. Wie also werden Sie zum Jahresbeginn 2026 gegensteuern? Was soll das Publikum begeistern?

Ja, 2025 war in einigen Bereichen eine Herausforderung, aber das soll uns ein Ansporn sein, die „Fanbase“ der Klassik in der Zukunft weiter auszubauen! Dabei ist eines klar: das unmittelbare Erlebnis eines klassischen Konzerts lässt niemanden kalt. Nicht die jahrzehntelang geübten Besucherinnen und Besucher und ganz besonders nicht die „Ersttäter“. Diese können nämlich feststellen, dass die Hürde, ein Konzert im Mozart- oder Beethoven-Saal der Stuttgarter Liederhalle zu besuchen, überhaupt nicht existiert.

Michaela Russ: Es gibt eine Sehnsucht nach etwas Echtem

Aber vielleicht existiert die Hürde, nicht „online“ zu sein?

Ich wollte gerade sagen – auch die Jungen erleben, dass zwei Stunden ohne Handy, TikTok und Instagram wie im Flug vergehen, dafür aber lange nachhallen. Die Begeisterung des Publikums ist ganz offensichtlich auch Ausdruck der Erfüllung einer Sehnsucht nach etwas Echtem, nach etwas, das durch keinen Filter gegangen oder sonst wie manipuliert ist. Das Publikum – gerade unsere jungen Besucherinnen und Besucher – spürt das. Und sie kommen gerne wieder. Jetzt müssen sie alle nur noch ihre Freundinnen und Freunde mitbringen. Wir werden da sein – zuverlässig wie immer!