In ihrem Debüt „Das Blaue vom Himmel“ überblendet die österreichische Autorin Magdalena Schrefel Klima-Fiktion und familiäres Kammerspiel zu einem eindrucksvollen Zeitbild.
Früher haben Hannah und ihre zwei Jahre ältere Schwester Weltuntergang gespielt, sie nannten es Atomkrieg. Über eine Landschaft aus Lego, Playmobil und Bauklötzen ließen sie nach einem Countdown einen dicken Daunenschlafsack niedergehen. Zufrieden betrachteten sie danach ihr Werk.
Heute, viele Jahre später geht es nur um eine Hauhaltsauflösung. Die Schwester, eine Biologin, hat einen Ruf nach China bekommen. Hannah hilft ihr beim Ausräumen ihrer Wohnung, dem Sichten von Erinnerungen, Bewahren und Aussortieren. Ein Lebensabschnitt geht zu Ende. Die Situation könnte einen Möbelwagen nahelegen, doch Magdalena Schrefels Roman-Debüt „Das Blaue vom Himmel“ gleicht eher einer Arche.
Der Klimawandel ist fortgeschritten, soweit, dass sich die Staatengemeinschaft auf eine Maßnahme verständigt hat. Um die Sonneneinstrahlung zu regulieren und den überhitzten Planeten abzukühlen, sollen erst Schwefel-, dann Kalkpartikel in die Stratosphäre ausgebracht werden. Wieder schwebt über den Köpfen etwas Ungewisses. Keine Daunendecke, kein zorniger Gott, sondern die zerstörerische Folge menschlichen Handelns, die immer weitere, fatalere Eingriffe nach sich zieht.
Man staunt, was Magdalena Schrefel alles unterbringt
Was der Roman über die drohende Verlusterfahrung eines Zeitenwechsel zu retten versucht, erweist sich mindestens so vielgestalt wie die Fauna, die Noah einmal vor dem atmosphärischen Strafgericht himmlischer Gewalten geborgen hat. Und man kann nur staunen, was sich im Stauraum von gut 250 Seiten unterbringen lässt.
Die äußerste Schicht bildet Klimafiktion, den Kiel leicht in die unmittelbar bevorstehende Zukunft verschoben. Die Welt versinkt nicht in Wasserfluten, sondern in fahlen Farben. Und der blaue Himmel über ihr wird zu einem Gegenstand des Erinnerns. Die Ich-Erzählerin Hannah hat sich für ein Ausstellungsprojekt beworben, das den sich verdunkelnden Horizont im Licht individueller Erfahrung und kultureller Bedeutung bewahren will.
In Interviews befragt sie verschiedene Leute nach ihren Blau-Erlebnissen. Darunter eine Film- und Videokünstlerin, deren Großmutter in ihrem Bergdorf ein Freiluftkino betrieben hat. Eine Szene hat sich ihr eingeprägt, die Eröffnungssequenz eines Films, in der ein tiefblauer Nachthimmel auf der Leinwand mit dem sich darüberwölbenden Firmament verschmilzt. Seither ist sie auf der Suche, welcher Film das gewesen sein könnte.
Kulturgeschichte der Farbe Blau
Geschichten wie ihre, in der Kunst und Leben ineinandergleiten, finden ebenso Platz wie eine kleine Kulturgeschichte der Farbe Blau: angefangen bei den Ägyptern, die als erste ein Wort dafür hatten, über den Cyanometer, mit dem der Genfer Naturforscher und Mont-Blanc-Erstbesteiger Horace Bénédict de Saussure die verschiedenen Farbnuancen klassifiziert hat, bis weit über die schöne blaue Donau hinaus, wo man mittels Blaupausen die Baupläne rasant wachsender Städte vervielfältigt hat.
Aber dann ist da noch die Lücke. Dem Bewahren korrespondiert der Verlust, der inhaltlichen Verdichtung die Leerstelle. Hannahs Abschlussarbeit an der Universität trug den Titel „Die unvorhersehbare Lücke als zentrales Element der theatralen Aufführung“. Und auch im Roman führt sie ins dunkle Zentrum der Erzählung. Hannah und ihre Schwester sind ohne Mutter aufgewachsen.
Warum sich die Eltern getrennt haben, blieb immer im Verborgenen. Die beiden Schwestern wurden von ihrem Vater aufgezogen, einem Meteorologen. Als Kind glaubte Hannah, er würde das Wetter machen. Der Allmachtsfantasie folgt die Ernüchterung in Form der Frühverrentung auf den Fuß. Der Computer ersetzt die statistischen Berechnungen des Vaters. Der nie thematisierte Verlust der Mutter belastet ihr Verhältnis und erzeugt ein latentes Grundgefühl der Verunsicherung, als könnte alles von einem auf den anderen Moment verschwunden sein.
- Magdalena Schrefel: Das Blaue vom Himmel
- Suhrkamp Verlag
- 268 Seiten, 24 Euro
Und plötzlich kippt die Umweltgeschichte in ein psychologisches Kammerspiel. Wie sich Hannahs Name vorwärts wie rückwärts lesen lässt, spiegelt sich eines im anderen, als wären die Folgen menschlichen Handelns am Himmel nur eine Metapher für zwischenmenschliche Versäumnisse und Generationenkonflikte. Und umgekehrt.
Hannahs Kollegin, mit der zusammen sie das Ausstellungsprojekt realisiert, mahnt dazu, auch Lücken zu lassen, in denen das Abwesende sichtbar wird. Was durch die Leerstellen des Lebens in den Roman dringt, sind Fragmente des Scheiterns einer Liebe und des Versuchs, dem Lauf der Dinge eine bessere Wendung zu geben. Und wie in Hannahs Interviews verweist eine Geschichte auf die andere als Missing Link, „um zu verstehen, warum es so ist, wie es ist, und wie es auch anders hätte sein können.“
Das neueste Vorhaben jener Filmemacherin ist der Nachbau einer Arche, auf die keine Tiere, sondern Kunstwerke kommen sollen, weil es nicht sicher sei, ob die zu ihrem Schutz notwendigen klimatischen Bedingungen aufrechterhalten werden können. Magdalena Schrefels Roman-Kunstwerk ist eine Arche für sich. In ihr überdauert ein von der Furie des Verschwindens beherrschtes Zeitempfinden.
Schließlich beginnt der Countdown vor der Maßnahme. „Und als wäre es das Logischste auf der Welt, fängt er dann einfach wieder hochzuzählen an.“ Auch darin spiegelt sich dieses eindrucksvolle Debüt: Es führt weit über alles hinaus, was die gerade im Kurs stehenden Dystopien erwarten lassen.
Info
Autorin
Magdalena Schrefel, 1984 geboren, studierte Europäische Ethnologie in Wien und Literarisches Schreiben in Leipzig. Sie schreibt Theaterstücke, Hörspiele und Erzählungen, für die sie vielfach ausgezeichnet wurde, zuletzt mit dem Robert Walser-Preis 2022 für ihren Erzählungsband „Brauchbare Menschen“.