Landwirte in Ostrach errichten einen Milchviehstall in neuer Größenordnung. Sie streben eine kombinierte Rendite aus Milch, Fleisch und Strom an. Foto: dpa/Maurizio Gambarini

Bei Ostrach wird der größte Milchviehstall Baden-Württembergs gebaut – gleich neben einer Biogasanlage. Naturschützer klagen. Im Gemeinderat gibt es nur eine kritische Stimme. Im Ort herrscht sonst Ruhe – scheinbar.

Ostrach - Ein Treffen, nein danke. Irgendwann vielleicht, sagt Georg Rauch kurz und knapp am Telefon. Erst dann, wenn der 1000-Kühe-Stall, den er mit drei landwirtschaftlichen Mitunternehmern zu bauen begonnen hat, fertig ist. „Ihr kommt nicht drumrum, über das Hahnennest positiv zu schreiben“, schiebt er in einem verletzten Tonfall hinterher.

 

Das geschäftstüchtige Bauernquartett aus Ostrach im Kreis Sigmaringen hat seine Offenheit von 2015, als noch freimütig über den geplanten größten Milchviehstall in Baden-Württemberg geredet wurde, gründlich abgelegt. Zu viel schlechte Resonanz. Ihre Pressearbeit hat jetzt etwas vom Format börsennotierter Konzerne, in denen Berichte selbst geschrieben und gezielt an Redaktionen adressiert werden. Diesen Juni inszenierten sie einen Spatenstich, machten ein Selfie, schrieben einen hübschen Text dazu und gingen damit zu den beiden Zeitungsredaktionen in Pfullendorf. Darüber hinaus, sagt Bauer Rauch, „fahren wir U-Boot“.

Jahrelange Proteste haben nichts genützt

Das Dörfchen Hahnennest, aus vier beieinander liegenden landwirtschaftlichen Höfen bestehend, liegt wie eine Exklave im Ostracher Gemeindegebiet. Wälder und Felder säumen den Weiler in alle Richtungen, hinter Baumwipfeln ragen die runden Kuppeln einer Zwei-Megawatt-Biogasanlage hervor. Nicht weit davon entfernt lärmen Bagger, ist ein großes Stück Grasnabe schon abgetragen für den neuen Stall. Die „Hahnennester“, wie die Bauern von den Ostrachern genannt werden, halten schon immer Kühe und Schweine, doch die Zukunft sehen sie auf dem Strommarkt, im Wachstum ihrer gemeinsam betriebenen Energiegesellschaft. Ohne die Biogasanlage, die vor allem mit Gülle gefüttert wird, wäre der 1000-Kühe-Stall wohl nie gedacht worden. Dann hätte es die jahrelange öffentliche Empörung auch nie gegeben.

Faktisch genutzt hat sie nichts. Auf Landesebene sind Rechtsbedenken gegen den Großstall abgeräumt. „Die rechtliche Prüfung gab keinen Anhaltspunkt für fehlerhafte Genehmigung“, beschied die Vorsitzende des Petitionsausschusses, Beate Böhlen (Grüne), im Dezember 2018. Damit wurden Bürgerbeschwerden gegen den Megastall abgewiesen, das Landratsamt Sigmaringen als Genehmigungsbehörde war entlastet. Der Stall wird nach Fertigstellung 220 mal 58 Meter messen, jede Kuh soll einen eigenen Fressplatz haben. Entmistet wird maschinell per Schieber, gemolken mittels eines vollautomatischen 36er-Karussells. Die Investoren erwarten einen Gülle-Ertrag von rund 20 000 Kubikmetern pro Jahr. Das sagten sie in den frühen Planungstagen der frohen Erwartungen jedenfalls der „Badischen Bauernzeitung“.

Der Bürgermeister sieht keinerlei Probleme

Den Ortskern von Ostrach prägen fein herausgeputzte Häuser, an der Hauptstraße steht das Rathaus, das einmal ein Schulhaus war. Marmortreppen führen hinauf zum Amtszimmer von Bürgermeister Christoph Schulz (CDU), einem Mann mit kraftvollem Timbre und dynamischen Bewegungen. Ein „gefühltes Unwohlsein bei dieser schieren Stallgröße“, habe er in seiner Gemeinde durchaus erlebt in den vergangenen vier Jahren, sagt der 49-jährige Rathauschef. Aber es sei „nicht mit rationalen Argumenten unterfüttert“.

Ostrach ist der Inbegriff baden-württembergischer Ländlichkeit: Auf 11 000 Hektar Fläche verteilen sich 6800 Einwohner, viele mit Bezug zur Landwirtschaft. „Biogas ist eine der wenigen erneuerbaren Energien, die konstant zur Verfügung steht“, merkt Schulz an, und schließlich handle es sich bei den Hahnennestern um einheimische Familien. „Bei einem holländischen Großinvestor hätte der Gemeinderat wohl nicht zugestimmt.“ Der ganze Ärger und Protest sei immer von außerhalb gekommen, von Tierschützern, Veganern oder Umweltverbänden. Folgerichtig segnete der Rat 2017 den nötigen Bebauungsplan für den neuen Großstall mit großer Mehrheit ab. Dem Gremium gehört seit Jahren auch Simon Rauch an, Freier Wähler und Spross einer der Investorenfamilien.

Der einzige kritische Gemeinderat ist Stimmengewinner

Jeder kennt jeden in Ostrach, sagt Annamaria Waibel. „Viele hier haben Angst, offen zu reden.“ Sie nicht. Mit ihrem gestreiften Shirt, der Rundbrille und den silberfarbenen, kurz geschnittenen Haaren sieht sie aus wie eine Naturschützerin aus dem Bilderbuch. Aber mit technischen Prozessen kennt sie sich aus. Bevor sie Vorstandsfrau des BUND Pfullendorf wurde, arbeitete sie als Informatikerin. Vom Vereinsbüro aus, neben hohen Stapeln von Apfelsaftkanistern, organisiert sie den Widerstand gegen den 1000-Kühe-Stall. Das seien keine Bauern vom klassischen Schlag mehr, sondern industriell orientierte Agrarunternehmer.

Einen Hinweis, dass die Geschlossenheit in Ostrach in Sachen Riesenstall durchaus Risse hat, lieferte die Kommunalwahl im Mai. Zu den Hauptgewinnern gehört der SPD-Gemeinderat Wolfgang Frey. 1900 Stimmen hat der örtliche Partyservice-Unternehmer bekommen, rund 800 mehr als in der Legislatur zuvor. Frey war immer der Einzige im Rat, der seine Ablehnung gegenüber der Hahnennest-Erweiterung artikuliert hat. Der Stall selbst stört ihn dabei gar nicht so sehr. „Die Kühe haben es bestimmt schön. Da wird jeder Standard eingehalten.“ Was er anprangert, ist der Einsatz von Tieren zugunsten der Stromherstellung. Jeder wisse, dass mit der Produktion von Milch und Fleisch nirgendwo mehr Marge zu machen sei. „Die Hahnennest-Bauern brauchen die Scheiße und sonst gar nichts. Die wollen Strom und Gas verkaufen.“ Die 1000 Kühe, mutmaßt Frey, würden vermutlich mit billigstem Futter ernährt. „Und wir alle essen das nachher wieder. Um das geht’s mir.“

Die Grenzwerte für Nitrat sind immer wieder überhöht

Den Großstall, sagt Naturschützerin Waibel, lehne sie aus mehreren Gründen ab. Wegen der völligen ökonomischen Unterwerfung von Lebewesen. Weil „die kleinbäuerlich strukturierte Kulturlandschaft umgedreht“ werde. Vor allem aber wegen des Grundwassers. „Wir müssen unser Wasser verteidigen“, sagt sie. Seit Jahren kommt es in der Gemeinde wegen der flächendeckenden Ausbringung von Gülle immer wieder zu Überschreitungen der Nitratgrenzwerte. Das Statistische Landesamt listet für Ostrach, Stand 2014, insgesamt 2189 gehaltene Kühe auf, schon jetzt ein landesweiter Spitzenwert.

Die Hahnennest-Investoren würden wohl bald nach allen zusätzlichen örtlichen Pachtflächen greifen, die sich böten, glaubt Waibel. Nicht wegen des Zusatzfutters für die 1000 Kühe – das ließe sich zukaufen, sondern wegen der Gärreste, die aus der Biogasanlage kommen. Der Prozess der Gasgewinnung vermindert die Nitratanteile der Gülle nicht. Das Substrat aber muss wieder auf die Felder, irgendwo. Nach der verschärften Düngeverordnung aus dem Jahr 2017 gilt für landwirtschaftliche Betriebe, bezogen auf alle organischen Dünger, eine Obergrenze von 170 Kilogramm Gesamtstickstoff je Hektar und Jahr.

Der nächste Großstall ist schon in Planung

Mit einer Klage beim Verwaltungsgericht Sigmaringen gegen die geplanten Gewässerschutzmaßnahmen des Landratsamts wollen die BUND-Aktivisten den Großstall doch noch stoppen. Mit Handzetteln haben sie dafür Geld gesammelt; auch die Landes-Grünen haben 1000 Euro zugeschossen. Eine auf Umweltthemen spezialisierte Berliner Kanzlei macht die juristische Detailarbeit. Mit Bezug auf dieses Verfahren vermeidet der baden-württembergische Umweltminister Peter Hauk (CDU) ein grundsätzliches Statement zu den Vorgängen in Ostrach. Man werde „nicht durch Auskünfte in das laufende Gerichtsverfahren eingreifen“, teilt ein Sprecher auf Anfrage mit.

Komme der Großstall von Ostrach, sei das auch ein „Türöffner“ für andere Landwirte im Südwesten, warnt Waibel. Tatsächlich ist der nächste Riesenstall schon in Planung. In Ellwangen-Hintersteinbühl im Ostalbkreis plant eine Landwirtsfamilie die Erweiterung ihres Kuhbestandes auf 1500 Tiere. Der zuständige Ortschaftsrat hat seine Zustimmung bereits erteilt.