Rechtsextremismusaffäre bei der Bundeswehr Hitlergruß oder „Ave Caesar“-Geste?

Von Matthias Schiermeyer 

Soldaten des Kommandos Spezialkräfte trainieren den Häuserkampf. Foto: dpa
Soldaten des Kommandos Spezialkräfte trainieren den Häuserkampf. Foto: dpa

In der Rechtsextremismus-Affäre beim Kommando Spezialkräfte tun sich massive Widersprüche auf. Die Bundeswehr sieht den zentralen Vorwurf gegen die KSK-Soldaten bisher nicht bestätigt. Auch zur Hauptzeugin gibt es unterschiedliche Angaben.

Stuttgart - Erst Rechtsextremismus und geschmacklose Gelage, jetzt noch Frauenfeindlichkeit? Die Vorwürfe gegen das Kommando Spezialkräfte (KSK) häufen sich. „Spiegel Online“ zufolge will die Bundeswehr den Vizekommandeur aus der Eliteeinheit entfernen. Eine Zivilangestellte hätte den Oberst verbaler Entgleisungen und frauenfeindlicher Sprüche beschuldigt. Daraufhin sei entschieden worden, den zur Zeit in Kur befindlichen Mann zu versetzen. Eine Sprecherin des Heeres bestätigt „Ermittlungen aufgrund eines anonymen Schreibens gegen den Stabsoffizier“, macht aber keine näheren Angaben.

Nur soviel: Es gebe keinen Zusammenhang zur Abschiedsparty für einen Kompaniechef am 27. April, die seit Donnerstag bundesweite Aufregung verursacht. Wegen des Verdachts auf verfassungswidrige Handlungen hat die Staatsanwaltschaft Stuttgart den Fall übernommen. In ihrem Zuständigkeitsbereich, der Standortschießanlage Im Bernet nahe der A8 zwischen Stuttgart-Vaihingen und Sindelfingen, hatte sich die Feier zugetragen. „Wir stehen in Kontakt mit der Bundeswehr“, sagte der Behördensprecher Jan Holzner. Die Ermittlungen könnten sich Monate hinziehen.

Zu betrunken für den Sex

Die Staatsanwaltschaft wird auch die Hauptzeugin vernehmen müssen, die den Fall ans Licht gebracht hat – angeblich weil sie rechtsextreme Umtriebe in der Truppe ablehnt. Um diese Frau gibt es Widersprüche: Nach ARD-Recherchen handelt es sich um die Bekanntschaft eines KSK-Soldaten über ein Datingportal. Demnach stehe die Frau auf „freiwilligen Sex mit harten Jungs“ und sei offen gewesen für den Plan, mit dem Kompaniechef, einem auffällig tätowierten Kampfsportlertypen, im Zelt nebenan Sex zu haben. Dazu sei sie nach Stuttgart geflogen und zur Anlage gebracht worden. Soldaten hätten sie auf Schultern zum Lagerfeuer getragen, an dem Oberstleutnant Pascal D. gesessen hätte. Zum Sex sei es aber nicht gekommen, weil er „viel zu betrunken“ gewesen sei. Ein Sprecher des Heeres gibt jedoch an, dass die Frau für einen Escort-Service arbeite.

Einen bizarren Parcours, unter anderem mit Schweinskopfwerfen, bestätigt er – nicht aber den gravierenderen Part möglicher rechtsextremer Ausfälle: Den Schilderungen der Frau zufolge wurde Rechtsrock der Band „Sturmwehr“ gespielt, die auch auf NPD-Veranstaltungen auftritt. So sei bei einem Lied mit dem Refrain „Armes Deutschland, was ist aus Dir geworden?“ mitgegrölt worden. Das Stück verherrlicht den Nationalsozialismus. Dazu hätten vier der etwa 60 anwesenden Soldaten, auch der Kompaniechef, die Hand zum Hitlergruß erhoben. Im Nachgang habe die Frau von dem ihr bekannten KSK-Soldaten eine indirekte Bestätigung per Messanger-Dienst für die rechtsextremen Gesten bekommen: „Ich wusste nicht, wie der Hase läuft.“

Bundeswehr sieht noch keinen Gesetzesverstoß

Den seit Mitte Juli ermittelnden Wehrdisziplinaranwälten sagten Beteiligte der Party laut „Spiegel Online“, sie hätten gemäß dem Partymotto „Römische Spiele“ den rechten Arm zum „Ave Caesar“-Gruß erhoben. So sieht die Bundeswehr bisher kein strafrechtlich relevantes Verhalten. Bei einer verschworenen und auf Geheimhaltung bedachten Gemeinschaft, wie es das KSK üblicherweise sein sollte, stellt sich nun die Frage nach der Glaubwürdigkeit auch dieser Version.

Lesen Sie jetzt