Anja Wenke pendelt täglich mit ihrem E-Bike durch den Stuttgarter Schlossgarten. Foto: Sebastian Steegmüller

Immer mehr Radfahrer schließen sich der Internetplattform „Frostpendeln“ an. Auch Anja Wenke, deren Team die Rangliste anführt. Der Schwäbin geht es aber nicht ums Kilometer sammeln.

Wie Nadelstiche fühlt es sich an, wenn der Wind bei Temperaturen um den Gefrierpunkt den Starkregen Anja Wenke ins Gesicht bläst. Und dennoch ist es für Anja Wenke keine Option, bei schlechtem Wetter auf ihr E-Bike zu verzichten. Selbst bei Minusgraden fährt die Stuttgarterin mit ihrem Pedelec zur Arbeit, dann mit dicken Fahrradfäustlingen oder wärmenden Überziehern über den Schuhen. „Dank passender Funktionskleidung bin ich noch nie durchnässt oder durchgefroren angekommen.“ Zugleich räumt sie ein, dass es auch eklige Tage gibt, an denen sie sich überwinden muss.

 

Stuttgarter Team fährt 30 000 Kilometer

Seit Herbst 2022 ist sie Mitglied bei Frostpendeln, einer Internetplattform auf der sich rund 3300 Nutzer austauschen, die auch im Winter regelmäßig Rad fahren. Der Großteil der Gruppe, die vor fünf Jahren ins Leben gerufen worden ist, kommt aus Deutschland, doch auch in Finnland und den USA sind Mitglieder aktiv. Dabei spielt es trotz des Namens keine Rolle, ob sie auf dem Weg zur Arbeit oder in der Freizeit in die Pedale treten.

In diesem Jahr hat die 57-Jährige ein eigenes Team gegründet, das eineinhalb Monate nach Saisonstart mit rund 32 000 gefahrenen Kilometern auf Platz eins der Rangliste liegt. Die Tabelle sollte man jedoch nicht allzu ernst nehmen. Denn der Vergleich hinkt. Die einzelnen Gruppen sind unterschiedlich groß, die Erfassung erfolgt auf Vertrauensbasis. Während sich in ihrem Team „FrostpendelnStuttgart“ die Distanz auf 104 Personen verteilt, haben zwei Radfahrer aus Gelsenkirchen gemeinsam bereits 3000 Kilometer zurückgelegt.

Eine gefährliche Mischung in der kalten Jahreszeit: Laub und Nässe. Foto: Sebastian Steegmüller

„Ich lege keinen großen Wert auf die Zahlen, habe keinen Wettbewerbsgedanken“, sagt Wenke. „Für mich stehen der Spaß und die Gemeinschaft, die durch das Frostpendeln entsteht, im Vordergrund. Auf der Plattform teilt man Erlebnisse und Eindrücke, unter anderem mit wunderbaren Bildern, und tauscht sich über alles aus, was mit dem Radfahren im Winter zusammenhängt. Außerdem kann man mit dem Projekt Frostpendeln sehr gut aufzeigen, dass das Rad nicht nur in den wärmeren Jahreszeiten ein sehr gutes Verkehrsmittel ist.“ Die Zuverlässigkeit sei aber nur ein Aspekt. „Das Pendeln mit dem Rad stellt einen körperlichen Ausgleich zu meiner sitzenden Tätigkeit als Bilanzbuchhalterin dar. Außerdem kann ich auf der Heimfahrt abschalten und bekomme den Kopf frei.“  

Vom Polarkreis Böblingen nach Stuttgart

Seit 2019 ist sie einen Teil ihres Weges zur Arbeit nach Sindelfingen und später nach Nufringen mit dem E-Bike gefahren, vor etwas mehr als drei Jahren hat sie über das soziale Netzwerk Mastodon – in ihrer „Fahrrad-Bubble“, einer eingeschworenen Online-Gemeinschaft von Radfahrenden – von Frostpendeln erfahren. „Ich war so begeistert, dass ich mich sofort angemeldet habe. Inzwischen ist es meine vierte Saison“, sagt Wenke, die zunächst im Team „Polarkreis Böblingen“ war. „Da ich seit diesem Dezember in Bad Cannstatt arbeite und von Stuttgart-Mitte aus pendle, erschien mir das nicht mehr ganz passend.“

Anja Wenke ist Mitglied im Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC), Kreisverband Stuttgart. Außerdem engagiert sie sich bei Zweirat Stuttgart, einem Zusammenschluss von Menschen, die in Stuttgart Rad fahren, und gehört dort auch zum 2025 gegründeten Team „#SucheSicherenRadweg“. „Es lag nahe, bei Frostpendeln ebenfalls ein gemeinsames Team zu gründen, offen für alle, die auch im Winter in Stuttgart mit dem Rad unterwegs sind.“

Selbst Glatteis und Schnee halten die 57-Jährige nicht vom Radfahren ab. Ihre größte Sorge gilt jedoch Radwegen, auf denen viel Laub liegt. „Es bildet eine tückische Schmierschicht, auf der selbst Spikereifen kaum noch vor dem Rutschen schützen“, betont Wenke. Respekt habe sie zudem vor Stürmen, die die Fahrsicherheit beeinträchtigen könnten. Stoppen konnten sie aber selbst starke Winde nicht. Lediglich die Technik streikte einmal: Ein eingefrorener Schaltzug zwang sie letzten Winter, den Heimweg im ersten Gang zu absolvieren.