Anforderungen an Bürgermeister sind enorm. Als Folge davon sind Kandidaten oft Mangelware, wie zuletzt auch im Kreis Böblingen. Mercedes Mende hilft Amtsträgern.
An der Spitze einer Stadt oder Gemeinde zu stehen, ist beileibe kein Job wie jeder andere. Doch während das Ansehen für Bürgermeisterinnen und Bürgermeister tendenziell sinkt, wachsen die Herausforderungen: Immer mehr kommunale Aufgaben, sinkende Einnahmen und dazu Kritik und Angriffe aus der Bevölkerung, nicht zuletzt in den sozialen Medien. Die Psychologin Mercedes Mende hat sich auf das Seelenleben von Bürgermeistern spezialisiert und bietet seltene Einblicke.
Frau Mende, Sie haben sich als Psychologin auf Stressbewältigung für Bürgermeister spezialisiert. Was gab den Ausschlag dazu?
Mercedes Mende: Ich habe früh erkannt, unter welchem Druck Bürgermeisterinnen und Bürgermeister stehen. Sie tragen 24/7-Verantwortung, sind im Fokus der Öffentlichkeit, müssen zwischen Interessen vermitteln, Krisen managen, die Verwaltung führen. Das ist eine Tiefe und Fülle an Aufgaben, die körperlich, emotional und mental enorm fordert – und über den Alltag einer normalen Führungskraft weit hinaus gehen. Da liegt es in der Natur der Sache, dass es bis zur Überforderung nur ein schmaler Grat ist. Ich möchte mit meiner Unterstützung einen Beitrag leisten, damit Bürgermeister gut und gesund im Amt wirken können. Denn wir brauchen diese Menschen für eine funktionierende Demokratie vor Ort.
Es ist ja kein Geheimnis, dass der Beruf an Ansehen eingebüßt hat. Das geht an der Psyche der Amtsträger sicher nicht spurlos vorüber.
Wenn wir von Ansehen im Sinne von Respekt vor dem Amt und einer wertschätzenden Haltung gegenüber der Person hinter diesem Amt sprechen, dann genügt ein Blick auf die Zahlen zu Angriffen und psychischer Gewalt gegen Amtsträger. Diese steigen – leider! Deshalb kann man annehmen, dass hier ein Zusammenhang besteht. Das Ansehen also gesunken ist. Und das spüren viele Amtsträger.
Wird es deshalb immer schwieriger, bei Bürgermeisterwahlen Kandidaten zu finden?
Es sind verschiedene Gründe. Zum einen ist das Bürgermeisteramt eine Lebensentscheidung. Man richtet seine Lebensplanung danach aus, zieht vielleicht um, lässt sich in der Gemeinde nieder, gibt seine vorherige Arbeitsstelle auf. Man tritt diese Aufgabe ja nicht an, um sie nach wenigen Jahren wieder zu beenden. Zum anderen beobachte ich aber auch eine deutliche Zunahme der Belastung im Amt.
Inwiefern?
Das liegt unter anderem an den sozialen Medien, wo sehr schnell Dinge in die Welt gesetzt werden, die nicht stimmen oder aus dem Kontext gerissen sind. Dazu kommt die zunehmende Verrohung der Sprache, die wir leider auch bei öffentlichen Versammlungen erleben. All das macht den Job unattraktiver. Dazu die langen Tage bis weit in den Abend und die vielen Wochenendtermine – da bleibt oft kaum Zeit für Erholung und Privates.
„Die sozialen Medien können eine chronische Bedrohungssituation erzeugen.“
Mercedes Mende, Psychologin
Warum schlagen die Wogen hier so hoch?
Es ist ohnehin schon schwierig genug, Sachverhalte transparent und differenziert darzustellen. Nehmen Sie beispielsweise Diskussionen um Freibad-Schließungen – da bricht jedes Mal eine Welle der Empörung los. Dabei wird bei allem Verständnis oft nicht mehr abstrahiert, dass hinter solchen Entscheidungen finanzielle Notwendigkeiten wie ein genehmigungsfähiger Haushalt, also gesetzliche Vorgaben, stehen. Viele Betroffene können oder wollen das nicht anerkennen und lassen ihren Ärger am Entscheidungsträger aus. Haben also Schwierigkeiten, den Schalter umzulegen und zwischen Person und Sache zu unterscheiden.
Welche Rolle spielen die sozialen Medien?
Allein schon das Wissen, dass dort 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche Dinge geschrieben werden können, die falsch konstruiert oder bewusst diffamierend sind, erzeugt eine chronische Bedrohungssituation. Das löst Stress aus und versetzt den Körper in eine Art Gefahrenabwehr-Modus
Das müssen Sie erklären.
Man ist die ganze Zeit in einer latenten Anspannung, schaut vielleicht doch mal rein, um zu sehen, was wieder geschrieben wird. Man gerät in einen Teufelskreis aus Angst und dem Drang zur Kontrolle. Das darf man wirklich nicht unterschätzen. Ein anhaltendes Gefühl von Unsicherheit und fehlender Kontrollierbarkeit ist hochbelastend. Das zeigt sich über kurz oder lang in körperlichen Symptomen wie Schlafstörungen, Ohrgeräuschen oder Magenbeschwerden.
Welche Strategien vermitteln Sie den Betroffenen?
Das ist immer sehr individuell, aber ein erster und wichtiger Schritt ist die klare Unterscheidung: Handelt es sich um Äußerungen, die einen Straftatbestand erfüllen, oder bewegen sie sich noch im Bereich des gerade noch Zulässigen? Wenn wir von Vergewaltigungsfantasien oder gar Morddrohungen sprechen, dann ist die Grenze eindeutig überschritten. Hier ist sofortiges Handeln, oft in Absprache mit der Polizei oder einem Anwalt, angezeigt.
Aber viele Angriffe sind ja unterhalb eines Straftatbestands – und tun trotzdem weh.
Stimmt – und deshalb zeige ich meinen Klienten Wege, sich davor zu schützen. Eine Möglichkeit ist, eine Art innere Distanz zu entwickeln. Man liest die Kommentare, aber man hat das Gefühl, dass eine Glasscheibe dazwischen ist. Man nimmt es zur Kenntnis, aber es dringt nicht bis zur eigenen Person vor. Man muss verstehen und sich immer wieder vergegenwärtigen: Das hat nichts mit mir selbst zu tun, sondern mit der Funktion, die ich innehabe. Qua meines Amtes bin ich die Projektionsfläche.
Es gibt ja auch die andere Seite: Viele andere Amts- oder Mandatsträger nutzen diese Bühne der sozialen Medien bereitwillig, sind in hoher Taktung präsent. Wie passt das zusammen?
Dass Menschen sich präsentieren möchten, liegt in der menschlichen Natur. Wir haben alle das Bedürfnis nach Bindung und Zugehörigkeit, nach Anerkennung. Wir streben danach unser Selbstbild von anderen bestätigt zu bekommen – auch um unser Selbstwertgefühl zu stärken. Letztlich geht es darum, sich in Beziehung zu sich und anderen sicher zu fühlen. Und dafür muss ich sichtbar sein.
„Viele glauben, Sie müssen in den sozialen Medien präsent sein, um gesehen zu werden.“
Mercedes Mende, Psychologin
Nur, ist dieser Eindruck selten authentisch. Es scheint dort teils so, als sei manch ein Politiker permanent umschwärmt und könnte sich vor Zustimmung kaum retten.
Egal, welches Thema Sie auf Social Media nehmen, der dort vermittelte Eindruck wirkt oft inszeniert und geschönt. Es ist ein Bild, das nicht immer der Realität entspricht. Man präsentiert sich von seiner besten Seite und stellt ein aufbereitetes Bild ins Schaufenster. Die Frage ist immer: Was hat man am Ende wirklich davon? Denn das virtuelle Bild muss ja auf Dauer auch der Realität standhalten.
Ist es überhaupt notwendig, als Amtsträger permanent einen eigenen Social-Media-Account zu füttern?
Viele haben die Befürchtung, dass sie nicht mehr gesehen werden, an Relevanz verlieren, wenn sie nicht auf Social Media präsent sind. Sie glauben, sie müssen das tun – auch, weil es „jeder macht“. Aber man kommt irgendwann an den Punkt, wo man sich fragen darf: Möchte ich das wirklich, und bin ich mir bewusst, welchen Preis ich dafür zahle, was mich das kostet? Je nachdem, wie die Entscheidung ausfällt, gilt es dann, damit umzugehen.
Zur Person: Mercedes Magdalena Mende
Expertin
Die 44-Jährige ist Spezialistin für Krisen- und Stressbewältigung. Die Diplom-Volkswirtin und studierte Psychologin mit psychotherapeutischer Ausbildung war über viele Jahre Führungskraft im Mittelstand.
Amtsträger
Seit über zehn Jahren arbeitet sie freiberuflich in eigener Praxis im Schwarzwald und unterstützt Bürgermeister und kommunale Führungskräfte unter hoher Belastung.