Der Prozess um den furchtbaren Unfall am Olgaeck ist vorbei. Viele Folgen für die Opfer und ihre Angehörigen bleiben. Die zeigen Größe – und es kommt zu einer bemerkenswerten Geste.
Fast elf Stunden Prozess haben alle Beteiligten im Saal 1 des Stuttgarter Amtsgerichts am Mittwochabend in den Knochen. Es waren schwere Stunden für viele der Anwesenden. Da sitzen zum einen einige der Geschädigten oder ihre Angehörigen. Sie mussten im Detail die Schilderungen ertragen, wie sich am 2. Mai vergangenen Jahres am Olgaeck der schwere Unfall mit einem Todesopfer und acht teils schwer verletzten Menschen ereignet hatte, darunter mehrere Kinder. Die Ausführungen der Sachverständigen über die erlittenen Verletzungen haben auch unbeteiligte Prozessbeobachter schlucken lassen, ebenso ein Video, das den Unfall zeigt.
Auf der anderen Seite sitzt der Unfallverursacher. Der 43 Jahre alte Unternehmer hat in einer langen Erklärung eingeräumt, dass er wegen des Konsums von Kokain und Schlafmitteln am Vortag nicht fahrtauglich gewesen sei. Dabei hat er eine Art Lebensbeichte abgelegt, sein Innerstes nach außen gekehrt. Natürlich, um eine Haftstrafe ohne Bewährung zu verhindern, aber auch unter nur schwer unterdrückten Tränen und sich stetig wiederholenden Entschuldigungen. „Es tut mir unfassbar leid“, dieser Satz fällt unzählige Male.
Bemerkenswerter Handschlag
Und nun sind da alle versammelt in der letzten Verhandlungspause des Tages und warten in der drückenden, warmen Luft des Saals auf das Schöffengericht, das gleich das Urteil verkünden soll. In welche Richtung es gehen wird, ist da schon klar, schließlich haben sowohl der Staatsanwalt als auch die Vertreter der Nebenkläger, also der Geschädigten, eine Bewährungsstrafe gefordert. Der Verteidiger ebenso. Und plötzlich kommt es zu einer Szene, die so nicht zu erwarten war: Die Eltern der Verstorbenen wechseln einige Worte mit dem Angeklagten, es folgt ein Handschlag.
Eine große Geste vor allem der Hinterbliebenen, die sie viel Überwindung gekostet haben dürfte. Den 43-jährigen Unfallfahrer allerdings ebenso. Die Erleichterung über diesen kurzen Austausch steht ihm ins Gesicht geschrieben. Und so gibt es auch beim kurz darauf folgenden Urteilsspruch keine Proteste im Saal, keine Beschimpfungen, als feststeht, dass der Mann nicht ins Gefängnis muss, wenn er strenge Auflagen einhält. Es ist der Schlusspunkt eines Tages, der merklich nicht von Hass geprägt gewesen ist, sondern vom Versuch, bei all der Schuld und all dem Unbegreiflichen so etwas wie Versöhnung zu erreichen.
Und das trotz der erheblichen Folgen, unter denen die Opfer bis heute leiden. Direkt erfährt man das beim Prozess nicht, denn keines von ihnen sagt als Zeuge aus. Oder besser: Muss als Zeuge aussagen. Diese mögliche Retraumatisierung bleibt ihnen auch dank des Geständnisses des Unfallfahrers erspart. Allerdings sprechen die Anwälte. Und was sie erzählen, lässt manchen Beobachter erschaudern.
Am schlimmsten betroffen ist die Familie der verstorbenen Frau. Sie hinterlässt ihren Mann und ihre beiden Kinder. Der Ehemann ist beim Unfall selbst schwer verletzt worden, lag lange im Krankenhaus. Körperlich wie seelisch leidet er noch immer schwer, ist auch nicht zur Verhandlung gekommen. Die Eltern der 46-Jährigen, die ihre tödlichen Verletzungen tragischerweise wohl nicht beim Aufprall des Autos erlitten hat, sondern beim Zurücksetzen des Fahrers, verfolgen den Prozess vor Ort. Darüber sprechen möchten sie nicht.
Niemand fordert Haft
Doch der Rechtsvertreter der Familie erwähnt in seinem Plädoyer, in dem auch er eine Bewährungsstrafe fordert, eine bemerkenswerte Episode. Im Familienkreis sei darüber gesprochen worden, welche Strafe man sich für den Unfallverursacher wünsche. Dabei habe eines der Kinder der Verstorbenen gesagt, man könne den Mann nicht einsperren, denn „er hat doch selbst Kinder“. Im Saal wird es ganz still bei diesen Worten. Und dann sagt der Anwalt: „Eine Inhaftierung würde niemandem helfen.“
Hart getroffen hat es auch eine zweite Familie. Die Mutter und drei Kinder sind bei dem Unfall schwer verletzt worden. Das Jüngste war damals drei Jahre alt. Alle seien schwer traumatisiert, befänden sich zum Teil in Therapie, führt deren Rechtsanwalt aus. Die Mutter sei bis heute arbeitsunfähig und habe massive Ängste. Auch weitere Verletzte kommen zur Sprache. Sie alle haben Knochenbrüche, Blutungen und andere körperliche Beeinträchtigungen erlitten. Teils haben sie noch heute damit zu kämpfen, teils nicht mehr. Nicht verheilt sind bei den meisten Betroffenen allerdings die seelischen Wunden.
Zumindest finanziell sollten sie nicht in Not geraten. 250 000 Euro hatte der Fahrer bereits kurz nach dem Unfall als Soforthilfe bezahlt, nach dem Urteil kommen noch einmal weitere 400 000 Euro dazu, die je nach Schwere der Betroffenheit verteilt werden sollen. „Die Geschädigten müssen im Mittelpunkt stehen“, sagt der Verteidiger.
Andere könnten zunächst nicht betroffen sein. Der Unternehmer betont im Prozess mehrfach, er sei Arbeitgeber und Vermieter von Hunderten von Menschen. Lande er im Gefängnis, könnten sie alle Arbeit oder Wohnung verlieren. Diverse Banken in der Region müssten dann hohe Millionensummen abschreiben, wenn er seine Geschäfte nicht mehr führen könne. Ob das wirklich so wäre oder eher Prozesstaktik ist, bleibt offen.
Sicher ist nur: Nach elf Stunden scheint ein Urteil gefunden, das nicht jeder verstehen wird – das im Saal aber akzeptiert wird. Sogar mit einer großen Geste.