Die 20er-Jahre-Revue im Friedrichsbau Varieté ist zwar auch ein bisschen „Babylon Berlin“, verliert aber trotz vieler Luftnummern nicht die Bodenhaftung.
Es ist nicht alles Gold, was glänzt oder danach klingt. Das muss man wohl rückblickend auch zu den vermeintlich Goldenen Zwanzigern des 20. Jahrhunderts sagen, auf die in diesen wenig rosigen Zeiten häufig Bezug genommen wird. Auch Timo Steinhauer, Direktor des Friedrichbau Varietés, erinnert daran, dass „nach dem Rausch der Fall“ kam und dass es im Hier und Heute um nichts weniger gehe, als „die Demokratie, den Wohlstand und den guten Umgang miteinander zu erhalten“. Bis zum März heißt sein Haus am Pragsattel mit einer 20er-Jahre-Revue nun „Varieté Größenwahn“, aber er könne oder müsse je nachdem das Publikum beruhigen oder enttäuschen: „Wir sind ein schwäbisches Varieté.“
Tanz auf dem Vulkan der Zeit
Ganz so programmatisch übergroß geht es auf der Bühne unter der Hausregie von Ralph Sun also nicht zu, sondern eher bodenständig, auch wenn sich viel in der Luft abspielt. Die Berliner Artistin Jana Vogel zum Beispiel windet sich an Aerial Straps genannten Schlaufen über den Köpfen. Fast noch eleganter sehen ihre Bewegungen im Pole Dance aus, bei dem man sich manchmal fragt, wie sie so bei der Stange bleiben kann, ohne abzurutschen. Auch Georgina Sun aus Ungarn ist Luftartistin, ihre Figuren am Seil sind bewusst kantiger. Am Boden demonstriert sie eindrucksvoll, dass sie zuerst eine Tanzausbildung machte. In einem feuerroten Kleid zerstört sie ihr eigenes Bildnis beziehungsweise das ikonische Anita-Berber-Porträt von Otto Dix und führt einen wilden Ausdruckstanz zu Schostakowitschs 10. Sinfonie auf. Die ist zwar aus den 50ern, orchestriert aber dennoch gut das enervierende Brodeln, den viel zitierten Tanz auf dem Vulkan in einer Zeit, die auf Englisch passender Roaring Twenties genannt wird.
Überhaupt die Musik aus der Konserve, die nur wenig Raum für Sascha Kommers Live-Piano lässt: Sie ist laut, aufwühlend und geht trotz einiger historischer Bezüge bis weit in die Neuzeit mit Elektrobeats von Yello und Massive Attack. Auch die Conférencière Evi Niessner will nicht allzu gefällig sein und baut erst ganz am Ende der Show mehr Nähe auf, wenn sie das Publikum direkt anspricht und den Bogen zu Timo Steinhauers Eröffnungsworten schließt. Bei allem Größenwahn und verrückten Ideen müsse man weiterhin „an das Gute im Menschen glauben“, sagt sie und zitiert Erich Kästner.
Bevor Evi Niessner zum Finale eine eigenwillige Version des „Babylon Berlin“-Hits „Zu Asche, zu Staub“ interpretiert, wildert die ausgebildete Opernsängerin in manchmal exaltierter Nina-Hagen-Manier ausgenrollend in den Genres. Aus „Wenn ich einmal reich wär“ wird „ich bin heiß auf Liebe“, auf „Bei mir bistu shein“ folgt als besinnlichstes Lied des Abends Friedrich Hollaenders „Wenn ich mir was wünschen dürfte“. Für Leichtigkeit zwischendurch sorgen immer wieder die fünf Vegas Showgirls, die um die einzelnen Nummern herumwirbeln – und natürlich die Artisten.
Anmutige Artistik
Die Brasilianerin Manoela Wolfart kann auf dem Rücken liegend allerhand mit den Füßen jonglieren. Aber sie ist auch eine gute Armbrustschützin, wie sich später als Teil von The Shester’s herausstellt, in dem sie als Zielscheibe für Axt- und Messerwürfe ihres spanischen Partners Rubén Burgos dient. Der Ukrainer Andriy Ruzhilo betätigt sich in seiner Rola-Rola-Nummer als Hochstapler, denn unter und über der Rolle werden mehrere Tische aufgetürmt. Und irgendwie schafft er es in dem wackligen Balanceakt noch, sich bis auf einen Tangaslip auszuziehen.
Ansonsten aber ist die 20er-Jahre-Revue erstaunlich frei von Strip- und Burlesque-Einlagen, obwohl auch Santeri Koivisto viel von seinem Körper zeigt. Aber seine Handstandkunst, die am Ende an Aerial Straps abhebt, hat wenig Anzügliches, sondern ist voller Anmut. Und noch etwas verbindet ihn mit der Luftartistin Jana Vogel: Er ist finnischer Meister im Pole Dance. Was sagt Evi Niessner über Männer? „Ihre praktische Verwertung ist maßlos überschätzt.“ Von wegen – im Varieté Größenwahn werden eben auch solche Klischees und Erwartungshaltungen gegen den Strich gebürstet.
Varieté Größenwahn Vorstellungen im Friedrichsbau Varieté donnerstags bis sonntags plus Zusatzshows bis 1. März 2026.