Am Backnanger Bahnhof wird sichtbar, worum der Streit um die Murrbahn kreist: Schon heute teilen sich Regionalzüge, S-Bahn und Fernverkehr eine hoch belastete Strecke. Kommunen und Landkreise warnen nun vor weiteren Engpässen, gestrichenen Halten und noch volleren Zügen. Foto: Frank Rodenhausen

Ab 2027 drohen weniger Halte und neue Probleme im Regionalverkehr. Jetzt erhöhen Kommunen und Unternehmen den Druck auf Bahn und Land.

Der Frust sitzt tief, und das nicht nur im Murrtal. Wieder einmal geht es um verspätete Züge, überfüllte Waggons und drohende Verschlechterungen auf einer Strecke, die viele Pendler längst als Dauerbaustelle erleben. Doch diesmal bleibt es nicht beim Protest. Der Rems-Murr-Kreis hat gemeinsam mit dem Ostalbkreis und dem Landkreis Schwäbisch Hall ein umfangreiches Positionspapier vorgelegt – mit klaren Forderungen an Bahn und Land, aber auch mit konkreten Lösungsvorschlägen.

 

Der Umwelt- und Verkehrsausschuss des Kreistags hat das Papier jetzt ausdrücklich bekräftigt. Die Botschaft ist deutlich: Die Region will sich nicht länger mit einem Regionalverkehr abfinden, der immer weiter ausgedünnt wird, während neue Prestigeprojekte auf die Strecke gedrückt werden.

In Sachen Murrbahn hat der Murrhardter Bürgermeister Armin Mössner (rechts neben VVS-Geschäftsführer Jan Neidhard) eher nichts zu lachen. Foto: Frank Rodenhausen

„Wir sollten mehr als deutlich protestieren“, sagte der CDU-Fraktionschef und Murrhardts Bürgermeister Armin Mössner im Ausschuss. Die Menschen entlang der Murrbahn seien schon aktuell „teilweise über die Schmerzgrenze hinaus an Leid gewohnt“ und jetzt drohe noch zusätzliches Ungemach. Besonders empört zeigte er sich über die Haltausfälle in Winnenden und Waiblingen: „Es kann doch nicht angehen, dass ein Kärcher-Mitarbeiter morgens in Murrhardt einsteigt, aber leider nicht in Winnenden aussteigen kann.“

Verspätete Züge und weniger Halte: Murrbahn vor Chaos

Hintergrund des Konflikts sind massive Probleme im geplanten Betriebskonzept ab dem Fahrplanwechsel 2027. Weil die neuen Coradia-Max-Züge wohl deutlich verspätet geliefert werden, sollen auf der Murrbahn übergangsweise Fahrzeuge eingesetzt werden, die wegen ihrer Einstiegshöhe nicht mehr in Waiblingen und teilweise auch nicht in Winnenden halten können. Die Folge: Der Regionalverkehr würde dort teils nur noch stündlich halten. Gleichzeitig drohen weniger Sitzplätze auf einer Strecke, die schon heute an ihrer Belastungsgrenze fährt.

Das gemeinsame Positionspapier der drei Landkreise spricht deshalb von einer „spürbaren Verschlechterung“ für Pendler und Schüler. Hoch belastete Bahnhöfe dürften nicht einfach aus dem Fahrplankonzept gestrichen werden, „um betriebliche Probleme notdürftig zu überdecken“. Stattdessen brauche es endlich ein Konzept, das sich an den tatsächlichen Fahrgastströmen orientiere.

Der ICE-Sprinter hat auf der eingleisigen Strecke zwischen Backnang und Hessental Vorrang vor dem Regionalverkehr. Foto: Gottfried Stoppel

Besonders explosiv wird die Lage durch den Fernverkehr. Seit Dezember 2025 fährt der ICE-Sprinter zwischen Stuttgart und Berlin über die Murrbahn. Schon heute müssen Regionalzüge immer wieder warten, damit der Fernverkehr auf der eingleisigen Strecke zwischen Backnang und Schwäbisch Hall freie Fahrt hat. Im Positionspapier warnen die Landkreise nun ausdrücklich vor einer weiteren Ausweitung des Angebots ohne Ausbau der Infrastruktur. Der zentrale Satz zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Papier: „Keine Ausweitung des Angebots ohne entsprechenden Ausbau der Infrastruktur.“

„Der Mittelfinger für alle Pendler“: Scharfe Kritik im Kreistag

Im Kreistagsausschuss fiel die Kritik entsprechend scharf aus. Der CDU-Kreisrat Ulrich Scheurer sprach davon, dass „nicht nur auf der Murrbahn Schluss mit lustig“ sei. Auch auf der Remsbahn seien die Zustände unerträglich. „Die Bahn tut alles, um die Leute geradezu ins Auto zu zwingen“, sagte er. Die neue Landesverkehrsministerin müsse endlich durchgreifen.

Noch deutlicher wurde der Grünen-Kreisrat Anselm Kick. Die drohenden Einschränkungen seien „der Mittelfinger für alle Pendler“. Freie-Wähler-Kreisrat und Rudersbergs Bürgermeister Raimon Ahrens warnte sogar vor langfristigen Schäden: „Das hat das Potenzial, den ÖPNV auf Jahre zu zerstören.“

Winnenden und Kärcher warnen vor wirtschaftlichem Rückschritt

Der Protest reicht inzwischen weit über die Kommunalpolitik hinaus. Auch die Stadt Winnenden und der Reinigungstechnikhersteller Kärcher haben sich eingeschaltet. In einem gemeinsamen Schreiben an Verkehrsministerin Nicole Razavi und die Bahn warnen Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth und Kärcher-Chef Hartmut Jenner vor erheblichen Folgen für die gesamte Region. Winnenden habe sich zu einem wichtigen Wirtschaftsstandort entwickelt, schreiben sie. Eine Ausdünnung der Halte würde nicht nur Pendler treffen, sondern die wirtschaftliche Attraktivität der Region schwächen.

Sie fordern deshalb, die Halte in Winnenden und Waiblingen vollständig zu erhalten und keine zusätzlichen Fernverkehrsangebote zulasten des Regionalverkehrs einzuführen. Die Region brauche „keine Kürzungen bei einem bewährten Angebot, sondern Investitionen in Infrastruktur, Kapazität und Betriebsstabilität“.

ICE-Sprinter nach Berlin bleibt – Streit um die Murrbahn auch

Ironischerweise hatte zuletzt ausgerechnet der umstrittene ICE-Sprinter nach Berlin selbst auf der Kippe gestanden. Wegen geplanter Baustellen im Berliner Bahnknoten war die Verbindung zwischenzeitlich sogar aus der Fahrplanauskunft verschwunden. Nun gibt die Deutsche Bahn jedoch Entwarnung. Wie die Bahn am Mittwoch mitteilte, kann der ICE-Sprinter Stuttgart–Berlin auch im zweiten Halbjahr 2026 weiter verkehren. Eine entsprechende Prüfung der Baukonzepte sei positiv ausgefallen, die vorsorgliche Sperrung der Verbindung werde wieder aufgehoben.

Der Grünen-Landtagsabgeordnete Ralf Nentwich begrüßte die Entscheidung. Der tägliche Murrbahnpendler sprach von einem „starken Signal“ für attraktive und klimafreundliche Mobilität und dankte unter anderem der IG Schienenkorridor, Oberbürgermeister Frank Nopper und Ministerpräsident Cem Özdemir für ihren Einsatz zur Erhaltung der Verbindung.

Dass der ICE-Sprinter nun doch weiterfährt, dürfte in Stuttgart und bei vielen Fernreisenden für Erleichterung sorgen. Im Murrtal allerdings bleibt ein schaler Beigeschmack. Denn während die Politik den schnellen Zug als Symbol moderner Mobilität feiert, warten viele Pendler entlang der Strecke weiterhin vor allem auf etwas deutlich Banaleres: pünktliche Regionalzüge, verlässliche Anschlüsse – und einen Sitzplatz am Morgen.