Gaga- und Monroes-Betreiber Nikos Likopoulos (sitzend links) und Betriebsleiter Mihael Ivankovic (sitzend rechts) mit dem jungen Team des Pop-up-Studios. Foto: Lichtgut7Ferdinando Iannone

Ein Safe Space für queere Menschen sagt Ade: Zum CSD feiert das Studio Gaga Finale im Schlossgartenhotel. Der Barchef wurde auf der Königstraße Opfer eines homophoben Angriffs.

„Unser Herz schlägt Gaga“, hat das Team vor Weihnachten 2023 zum Start im leer stehenden Hotel am Schlossgarten erklärt – nun schlägt das Herz schwer. Denn nach aufregenden Monaten und nach wilden Nächten ist an diesem Wochenende endgültig Schluss. Die ehemalige Luxusherberge wird nach etlichen Verzögerungen entkernt und saniert. Das Studio Gaga, die kleine queere Schwester des bereits geschlossenen Studios Amore, bekam Aufschub, um zum Christopher Street Day (CSD) ein allerletztes Mal so richtig aufzudrehen.

 

„Die größte CSD-Party in Süddeutschland“

2000 Gäste, aus allen Teilen Deutschland, werden zum Finale Furioso erwartet – zur „größten CSD-Party in Süddeutschland“ auf 2500 Quadratmetern, auf drei Hoteletagen und vier Floors. Für das Team des Studios Gaga war die Arbeit viel mehr als Broterwerb. Die überwiegend jungen Leute sind wie zu einer Familie zusammengewachsen.

Der Claim der Location lautete: „Where Hedonismen has its place.“ Hedonismus bedeutet, Lebensfreude, Lust und Genuss zu zelebrieren – auch in harten Zeiten. Dafür ist unweit des Hauptbahnhofs und des Schlossgartens ein sicherer Freiraum entstanden, der nun weichen muss. Dass außerhalb des Studios Gaga die Welt anders ist, musste der 19-jährige Barchef Niklas Rosche erfahren.

„Jeder Übergriff sollte angezeigt werden“

Auf der Königstraße, erzählt er, sei er mit einem Freund zur späten Stunde gewesen. „Man hat wohl erkannt, dass wir schwul sind“, sagt Rosche. Plötzlich sei ein junger Mann auf ihn zugekommen und habe ohne Warnung auf sein Gesicht geschlagen. „Das ging so schnell“, erinnert er sich. Eines weiß er aber noch ganz genau: „Das war ein Deutscher, kein Migrant.“

Inzwischen bereut der Barchef, dass er keine Anzeige bei der Polizei erstattet hat. Des habe er nicht getan, weil er keine schweren Verletzungen erlitten habe. „Doch man muss jeden Angriff anzeigen“, sagt Niklas Rosche, „damit er in die Statistik kommt.“

Mit Pfefferspray attackiert

Die Statistik sagt, dass queerfeindliche Straftaten deutlich gestiegen sind. Dies teilt das Bundeskriminalamt mit. Veranstaltungen wie der CSD geraten demnach immer wieder ins Visier rechtsextremer Gruppen. Außer dem Barchef berichtet in der kleinen Runde noch ein weiterer Gaga-Mitarbeiter, dass er Opfer eines Angriffs geworden sei – mit Pfefferspray wurde er attackiert.

Barchef Niklas Rosche berichtet von einem Angriff auf ihn. Foto: Ferdinando Iannone

„Dass es meist Migranten sind, die uns angreifen, stimmt nicht“, sagt ein Studio-Gaga-Mitarbeiter, „es sind vor allem deutsche Nazis.“ Viele Migranten, die ihre Homosexualität in ihrer Heimat verleugnen müssten, seien Gäste der Bar. Mit seiner Behauptung, junge Schwule klagten über „Angriffe aus dem migrantischen Milieu“, hat sich der CDU-Kreisvorsitzende Max Mörseburg keine Freunde beim Team der Pop-up-Bar gemacht. „Das stimmt einfach nicht“, hört man bei den Studio-Leuten.

Grüne erklären: Tatverdächtige sind meist Deutsche

So sehen es auch die Grünen im Gemeinderat. Fraktionschef Björn Peterhoff sagt, die Absage der Stuttgarter CDU zur CSD-Demo sei „mehr als enttäuschend und ein schlechtes Signal“. Die Aussagen des CDU-Kreisvorsitzenden setzten „dem Ganzen aber die Krone auf“. Peterhoff verweist auf einen Bericht des Bundesinnenministeriums, aus dem hervorgeht, dass 2023 von 1052 Tatverdächtigen im Bundesgebiet bei Gewalt gegen queere Menschen 808 die deutsche Staatsangehörigkeit hatten und 194 nicht-deutsch waren.

Das Studio Gaga war mehr als ein Club – es war ein Symbol für queeres Selbstbewusstsein, Selbstbestimmung und Zusammenhalt. Noch gibt es keine neue Bleibe für das Team, das seit Monaten gemeinsam mit der Brauerei danach sucht. Auch die Brauerei hat großes Interesse – die Umsätze waren sehr gut. „Wir haben schon viel besichtigt“, sagt Nikos Likopoulos,der Betreiber des Gagas und Monroes, „doch nichts war bisher dabei, was geeignet ist.“ Ganz wichtig sei ein Außenbereich im Freien.

„In Köln ist beim CSD mehr Karneval und Party als bei uns“

Barchef Niklas Rosche arbeitet solange im Monroes, bis sein geliebtes Studio Gaga an einem anderen Ort sein Comeback feiert. Kürzlich war er beim CSD in Köln und sagt: „In Köln ist es mehr Karneval und Party – in Stuttgart geht’s stärker um die politischen Botschaften.“ Die Community müsse sichtbar sein, nicht nur feiern, findet er. In der Nacht nach dem CSD wird noch einmal richtig groß gefeiert. Denn ein queeres Kapitel endet in Stuttgart – die Suche nach neuen Räumen beginnt, und der Kampf um Vielfalt und ein friedliches Miteinander geht mit neuem Schwung weiter.