Harry Styles hat sich für sein neues Album „Kiss All The Time. Disco Occasionally.“ von Berlin inspirieren lassen, flirtet mit elektronischer Musik, ohne den Pop-Appeal zu verlieren.
Wer Harry Styles sagt, muss auch Berghain sagen. Der Berliner Technoclub ist berüchtigt dafür, dass er die „härteste Tür der Welt“ hat, an der schon Promis wie Elon Musk oder Britney Spears abgewiesen wurden. Tatsächlich ist gerade eine US-Kinokomödie in Planung, die „Why Didn’t Chris and Dan get into Berghain?“ heißen soll.
Aber einige Menschen schaffen es dann doch immer wieder ins ehemalige Heizkraftwerk in Friedrichshain. Dort konnte man neulich auf der Tanzfläche mal wieder Harry Styles und seiner Freundin Zoë Kravitz begegnen. Und auch wenn die beiden hinterher kein Foto gepostet hätten, auf dem sie nach einer langen Techno-Nacht mit Techno-DJ Ben Klock vor dem Berghain posieren, wäre man wohl draufgekommen, dass Harry Styles dort gerne zu Gast ist.
Harry Styles: Berlin, Berghain, Bowie
Denn das Berghain und Berlin haben Spuren auf seinem neuen Album „Kiss All The Time. Disco, Occasionally.“ hinterlassen, das an diesem Freitag erschienen ist. Zwar erinnern die zwölf Songs immer noch an die Sorte Indiepop, die Harry Styles in den vergangenen Jahren zu einem der größten Popstars auf diesem Planeten gemacht haben, aber jetzt kommt seine Musik cooler, freier, wilder und technoider daher.
Er ist nicht der erste Musiker, der mit dem edgy Berlin-Vibe das eigene Image aufpoliert hat. Das haben vor ihm auch andere gemacht. In den Hansa Studios in Kreuzberg, in denen Styles sein viertes Soloalbum aufgenommen hat, haben sich zuvor schon David Bowie („Low“, 1977) oder U2 („Achtung Baby“, 1991) neu erfunden.
„Kiss All The Time. Disco, Occasionally“: großartiges Album
„Aperture“, der Song, mit dem der 32-jährige Brite jetzt sein Album eröffnet, klingt mit dem fiesen Bass, der wunderbar durch die Nummer dröhnt, nach Berliner Nächten, nach einer Überdosis Berghain, nach Indiepop, der durch einen Techno-Dancefloor irrt. Harry Styles sehnt sich in diesem Song wie die meisten Menschen, die in Berliner Clubs Tage und Nächte durchtanzen, nach einem fast schon spirituellen Gemeinschaftsgefühl. Bei Styles mündet das in ein hymnisches Mantra: „We belong together/It finally appears it’s only love!“
Auch wenn das Album voller großer Melodien, voller Mitsingrefrains ist, orientieren sich die meisten Stücke eher an den repetitiven Mustern, wie man sie aus der elektronischen Musik kennt, und weniger an klassischen Popsong-Strukturen. Wer darauf hofft, wieder so einen 80er-Jahre-Aha-Gedächtnis-Smash-Hit wie „As It Was“zu bekommen, wird vielleicht ein bisschen enttäuscht sein, aber gerade deshalb ist „Kiss All The Time. Disco, Occasionally“ ein großartiges Album geworden.
Clubbige Sounds und doch ganz viel Pop
Harry Styles traut sich was auf dieser Platte – eben auch, auf so offensichtliche Hits wie „As It Was“ zu verzichten. Der Groove ist manchmal wichtiger als die Melodie („Season 2 Weight Loss“, „Pop“) und monotone Beats stemmen sich fast trotzig gegen die Popglückseligkeit („Carla’s Song“). Das gilt selbst für das mit einer bezaubernden Hookline („My friends are in love with American girls“) verzierte „American Girls“ oder den hypnotischen Track „Are You Listening Yet?“, bei dem Sprechgesang und Afrobeat aufeinandertreffen: „If you must join a movement/Make sure there’s dancing“, textet Styles: Wenn du schon unbedingt einer Bewegung angehören willst, versichere dich, dass da getanzt wird.
Unter der clubbigen, technoiden, elektronischen, manchmal etwas spröden Oberfläche von „Kiss All The Time. Disco, Occasionally.“ schimmern dann aber doch immer wieder unwiderstehliche Popmomente („Taste Back“, „The Waiting Game“, „Coming Up Roses“, Paint By Nummers“) oder Indiefunk-Knüller („Ready, Steady, Go!“, „Dance No More“) hindurch.
Harry Styles: Album und Konzertfilm auf Netflix
Obwohl Rosalía und Björk bei den Brit Awards am vergangenen Wochenende ausgerechnet mit einem Lied namens „Berghain“ Harry Styles die Show stahlen, dürfte dieses Album den ehemaligen Boygroup-Star (One Direction) endgültig als Künstler etablieren. Und künftig dürften die Schlangen vor dem Berghain nicht nur deshalb so lange sein, weil alle in den coolsten Club der Welt wollen, sondern weil alle darauf hoffen, mit Harry Styles tanzen zu dürfen.
Harry Styles. Kiss All The Time. Disco, Occasionally. Sony/Columbia.
An diesem Freitag stellt Harry Styles erstmals das neue Album live bei einem Konzert in Manchester vor. Ab Sonntag, 8. März, 20 Uhr ist das Konzert exklusiv auf Netflix zu sehen.