Die Fans des VfB Stuttgart stimmen sich auf das Pokalfinale in Berlin ein. Foto: Baumann

Dem VfB Stuttgart bietet sich nach vielen Jahren eine Riesenchance, denn ein Sieg im DFB-Pokalfinale an diesem Samstagabend würde die Strahlkraft noch einmal erhöhen.

Der Breitscheidplatz füllt sich langsam. Immer mehr Menschen mit einem Trikot des VfB Stuttgart sind zu sehen am zentralen Treffpunkt in Weiß-Rot. Erst sind es gegen Mittag nur Hunderte Anhänger des Bundesligisten, die im Berliner Westen zwischen Kurfürstendamm und Budapester Straße zu sehen und zu hören sind. Dann versammeln sich im Laufe des Freitags schon Tausende beim Fanfest mit überdachten Getränkeständen und einer Bühne. Am Ende werden es Zehntausende VfB-Fans sein, die in die Hauptstadt schwappen und nicht nur das Areal rund um die Kriegsruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zum schwäbischen Freudenmeer machen wollen.

 

Das Finale um den DFB-Pokal zieht sie alle an. Seit Wochen beherrscht diese Riesenchance des VfB die Gespräche über den Club. Und jetzt ist der Tag da. Samstagabend, 20 Uhr, Olympiastadion. Flutlicht an, der Stuttgarter Favorit gegen den Außenseiter Arminia Bielefeld. 90 Minuten Fußball – oder auch 120. Vielleicht ein Elfmeterschießen. All die Hoffnungen, die mit einem Spiel verbunden sind, all die Erwartungen, die ein Spiel begleiten, verdichten sich. Jubeln oder weinen, feiern oder trauern. Dabei weiß ja keiner, ob auf dem Rasen ein öder Kick ablaufen, oder ob sich auf der größten nationalen Fußballbühne ein sportliches Drama abspielen wird. Endspiele bringen es mit sich, dass sie fußballerisch nicht immer halten, was sich die Zuschauer davon versprechen. Für Dennis Müller ist das erst einmal zweitrangig. Am Breitscheidplatz geht es um Gesang und Geselligkeit, den Grundton bestimmt trotz des heftigen Regenschauers zum Wochenendauftakt pure Zuversicht. „Es wird ein unangenehmes Spiel. Bielefeld hat einen Hype und kommt mit dem Rückenwind des Aufstiegs. Ich bin mir aber sicher, dass der VfB dagegenhalten und sich durchsetzen wird“, sagt der Fan aus Dettingen/Teck. Wie Nicole Müller ist er im Nachtzug voller VfB-Anhänger angereist. „Der VfB wird Bielefeld nicht unterschätzen und das Ding holen – in der regulären Spielzeit, alles andere hält mein Nervenkostüm nicht aus“, sagt die Anhängerin aus Kirchheim/Teck.

Es ist die große Sehnsucht, die den Traditionsverein mit seinen zahlreichen Anhängern begleitet. Seit 1997 gab es keinen Pokalsieg mehr, seit dem Gewinn der Meisterschaft 2007 keinen Titel mehr. 18 lange Jahre, ohne den berühmten Briefkopf erweitern zu dürfen. Es sei denn, man nimmt die Aufstiege aus der zweiten Liga dazu.

Doch das passt nicht wirklich zum Selbstverständnis des Fußballstolzes im Südwesten. Einem Club, der reihenweise Legenden aufbieten kann. Hansi Müller, Karlheinz Förster, Karl Allgöwer, Hermann Ohlicher, Asgeir Sigurvinsson, Guido Buchwald, Jürgen Klinsmann, Krassimir Balakov, Timo Hildebrand, Cacau, Mario Gomez, Sami Khedira, Thomas Hitzlsperger. Viele der ruhmreichen VfB-Spieler werden in Berlin dabei sein – und oft wird die Geschichte erzählt werden, wie die selbstbewussten Jungs aus der 1997er-Mannschaft um den Pokalhelden Giovane Elber mit rot gefärbten Haaren nach dem Coup im DFB-Pokal zur Tat schritten.

Fredi Bobic schnappte sich im Glücksrausch auf offener Bühne einen Elektrorasierer und machte sich kurzerhand über die Haare von Trainer Joachim Löw her. „Mit Haaren hat er besser ausgesehen, aber nach zwei Wochen waren sie ja nachgewachsen“, erzählt der frühere Stürmer noch heute gern über die Aktion mit dem späteren Weltmeister-Coach.

Ein ähnliches Bild können sich die aktuellen VfB-Stars kaum vorstellen. Sebastian Hoeneß mit rasiertem Schädel? Deniz Undav winkt ab, Ermedin Demirovic schmunzelt nur, Alexander Nübel schaut ungläubig. Fabian Bredlow wird deutlicher. „Ich traue mich nicht, ihn zu fragen“, sagt der Ersatztorwart. Der Chefcoach ist eine Respektsperson, bekannt für seine detaillierten Analysen und akribischen Spielvorbereitungen.

Der 43-Jährige verfügt jedoch auch über ein Händchen für die Spieler und weiß zu motivieren. Zum Beispiel, als er vor dem Halbfinale gegen RB Leipzig ein Duplikat der Trophäe in die Kabine stellte. Zum Greifen nah. Aber: in den Vordergrund rückt sich Hoeneß nicht – und große Töne spuckt er ebenfalls nicht. Dennoch lässt er keinen Zweifel darüber aufkommen, welche Mission Trainer und Team zu erfüllen haben.

Ein Spiel für die Ewigkeit soll es werden. Getragen vom reinen Ergebnis – und im Idealfall vom schönen Erlebnis, da die Spurensuche bei einigen Stuttgarter Spielern, Trainern und Funktionären nach Berlin führt. „Trotz der unzähligen Events in und um Berlin ist der DFB-Pokal ein Ereignis, was die gesamte Stadt in Beschlag nimmt. Es wäre also eine schöne Geschichte, wenn man als Berliner hier solch einen Erfolg erleben dürfte“, sagt der Sportvorstand Fabian Wohlgemuth stellvertretend, „dennoch ist der Ort natürlich nicht das Wichtigste. Im Mittelpunkt steht der VfB und die Tatsache, dass wir vor der Chance stehen, nach 2007 wieder einen Titel nach Stuttgart zu bringen. Allein das zählt.“

Emotional würde ein Triumph in Berlin die Vizemeisterschaft aus dem Vorjahr übersteigen, sportlich wäre ein Erfolg mit dem Einzug in die Champions League vor zwölf Monaten gleichzusetzen und könnte die zu Ende gehende Saison trotz Rang neun in der Liga krönen, finanziell wäre es ein weiterer Schritt in Richtung Stabilität. Aufgrund von Rekordzahlen. Der VfB erwirtschaftete 2024 einen Gesamtertrag von knapp 300 Millionen Euro. Aber auch die Ausgaben sind auf mehr als 280 Millionen Euro angewachsen. Und der Profikader wird immer teurer. Wohl mehr als hundert Millionen Euro dürften es sein, die in das kickende Personal fließen. Tendenz steigend, da der VfB seine Mannschaft verstärken will.

Auch aus dieser Perspektive ist der Titelgewinn also enorm wichtig, da er mit der Qualifikation für die Europa League verknüpft ist. Die internationale Bühne, die es braucht, um die Nationalspieler mit dem aufstrebenden Nick Woltemade zu halten. Ohne Europacup-Einnahmen und -Auftritte müsste der VfB seine Personalplanung überarbeiten. Konkret: den Kader verkleinern und um Schlüsselspieler fürchten.

Doch für diese Szenarien ist kein Platz in den Köpfen. Die Fans stehen unmittelbar davor, außer Rand und Band zu geraten. Rund 24 000 Eintrittskarten hat der VfB erhalten – alleine vonseiten der Mitglieder (ohne offizielle Fanclubs) gab es Anfragen für mehr als 160 000 Tickets. Beim Finale 2013 gegen den FC Bayern wurden nur 51 000 Karten angefragt (Mitglieder und offizielle Fanclubs).

Die Nachfrage hat sich also verdreifacht. Und die Spieler sind sich der einmaligen Chance gegen den Drittligisten und Zweitliga-Aufsteiger aus Ostwestfalen bewusst. Sowohl was es für die eigene Karriere bedeutet als auch für den Verein. „Es ist das Spiel der Spiele im deutschen Fußball, ein einzigartiges Highlight. Da gibt es für den VfB riesige Potenziale. Vieles hängt aber schon davon ab, ob wir den Pokal auch gewinnen. Das würde den großen Glanz und besondere Bilder schaffen, die über den Tag hinaus nachwirken“, hat der Marketingvorstand Rouven Kasper im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt. Der VfB würde nicht nur den Pokal, sondern auch bundesweit an Strahlkraft gewinnen und auf allen Ebenen einen enormen Schub erhalten, um auf Dauer wieder eine große Nummer im Fußball zu werden.