Er kann es noch, und wie: Der Pink Floyd-Schlagzeuger Nick Mason am Samstagabend in der Liederhalle Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Mit starken Musikern hat der Pink Floyd-Schlagzeuger Nick Mason im ausverkauften Beethovensaal demonstriert, wie kraftvoll und gegenwärtig das frühe, selten gespielte Repertoire seiner Band ist.

Stuttgart - Als Schlagzeuger ist man es ­gewohnt, ein wenig stiefmütterlich betrachtet zu werden. Vorne stehen die coolen Jungs an den Gitarren, am Bühnenrand der Bassist, und ganz hinten, verschanzt hinter Becken und Trommeln, kauert der Drummer. Von dem ein jeder ­annimmt, dass er der Rhythmusknecht ist, der den Laden schon irgendwie am Laufen halten wird, der aber ja bekanntlich nichts mit der Musik oder gar deren Schöpfung zu tun hat. „Nur“ ein Schlagzeuger also – und so gesehen ist es verwunderlich, dass der Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle am Samstagabend am Ende dann doch ausverkauft ist. Im Publikum sitzen gefühlt 98 Prozent ältere Herren, was in dieser Dominanz schon etwas verblüfft; dass es sich bei dieser Sorte Musik so sehr um ein Männerding handelt, hätte man zwar leise geahnt, aber so sehr dann doch nicht vermutet.

Dass der Saal allerdings ausverkauft sein wird, das durfte man sich schon denken. Zu Gast ist schließlich nicht irgendein Schlagzeuger, sondern Nicholas Berkeley Mason aus Birmingham, Gründungsmitglied und Trommler von Pink Floyd, einer der stilprägendsten Bands der Musikgeschichte überhaupt. Und obendrein, wie sich umgehend im Beethovensaal offenbart, ein Meister des unprätentiösen britischen Understatements.

Mason macht alles anders – und das genau richtig.

Der mittlerweile 74-Jährige ist natürlich kein Jungspundrocker mehr, doch er strahlt rundherum soignierte Gediegenheit aus. Mason thront hinter einem Drumset, das nicht etwa ­ostentativ im Bühnenvordergrund platziert, sondern ganz nach der alten Schule im Hintergrund aufgebaut und nicht einmal sonderlich üppig ausstaffiert ist. Jovial wirft Mason zwischenzeitlich ein paar Sätze ein, freundlich strahlend versammelt er am ­Ende seine Musiker zur gemeinsamen Verbeugung um sich. Ansonsten: verrichtet er nur seinen Job.

Das tut er mit einer bewundernswert stoischen Routine, höchst versiert natürlich, aber auch mit jener angenehmen Sorte von Energie, die sich nicht überbordend entladen muss, sondern einfach nur Saft und Kraft, Reife und großes Können ausströmt. Nick Masons Saucerful of Secrets hat er seine Tourband getauft, das liefert mehr als einen Fingerzeig. Könner hat er selbstredend um sich geschart, den Studio-Session-Spezialisten Dom Beken an den Keyboards, Guy Pratt (Pink Floyd, Madonna, Michael Jackson!) am Bass sowie als einen der beiden vorzüglichen Gitarristen Gary Kemp von Spandau Ballet. Wirklich souverän musizieren sie und bieten eine wahre Ohrenweide mit einem selbst im feinen Beethovensaal so selten gehörten, hervorragend plastischem Klang.

Jenseits ausgelatschter Pfade

Der auf etwas abgehangenere Musik spezialisierte Saal hat schon viele Oldtimer erlebt, so gesehen wäre man per se schon mal richtig. Und so könnte auch Nick Mason dortselbst das tun, was schon betrüblich viele Pink-Floyd-Coverbands vor ihm in den Hallen Stuttgarts getan haben: nämlich ein Potpourri der größten Erfolge dieser Band zu bieten. Mason macht jedoch nicht einmal das, was die zwei anderen verbliebenen Pink-Floyd-Mitglieder David Gilmour (vor zwei Jahren bei den Jazz-Open) oder Roger Waters (vor einigen ­Monaten in Mannheim) bei ihren Auftritten taten: nämlich ihr eigenes Repertoire mit den größten Erfolgen ihrer Exband zu ­mischen. Nick Mason setzt, auch dies ist souverän, auf den Rand des Repertoires. Auf das Frühwerk, also das bandnamensgebende Album „Saucerful of Secrets“, und so quasi auch auf die geheimen, noch nicht millionenfach ausgelatschten Pfade.

Und er macht das unglaublich gut. Mit dem vermutlich ganz gut bekannten „Interstellar Overdrive“ beginnt das Konzert, „Astronomy Domine“ und „Lucifer Sam“ schiebt er nach, lange nicht mehr ­gehörtes Material aus dem Pink Floyd­Repertoire, aber zu keinem Zeitpunkt des Auftritts fühlt man sich von Mason selbstbespiegelt, sondern eher so, als würde hier vom Kenner für Genießer geliefert. Munter arbeitet sich der Schlagzeuger, der bei Pink Floyd das Komponieren seinen Kollegen überließ, durch das Repertoire des ersten Sängers und Gitarristen Syd Barrett, des Keyboarders Rick Wright, des Bassisten Roger Waters und des zweiten Sängers und Gitarristen Gilmour. In der Zugabe landet er beim namensgebenden Song des Abends, „A Saucerful of Secrets“ und zum Abschied bei „Point me at the Sky“. Sehr überzeugend gespielt wird all das, beseelt agieren die Musiker, tief verwurzelt wirken sie in diesem Repertoire, das sonst kaum noch irgendwo zu hören ist und doch eine Matritze für die ganze heutige Musik darstellt.

Der Abend hat eine besondere Kraft

Alles hat große Klasse und großes Format, souverän vorgebracht und hervorragend gespielt. Man darf schwelgen in diesen Klanglandschaften, in dieser verwunschenen psychedelisch-avantgardistischen Welt, die Mason und seine Mitmusiker einst erschaffen haben, und die erstaunlich gut ins Hier und Jetzt passt. Das vielleicht ist das größte Geheimnis dieser Musik: ihre zeitlose Güte. Erinnerungen leben da bei vielen wieder auf, doch wie Nostalgie sich hier mit Gegenwärtigkeit mischt, gibt dem Abend ein ­besonderes Gesicht, eine besondere Kraft.

Am Ende, der Saal ist bereits erleuchtet, gilt es Bilanz zu ziehen: Beseelte Menschen verlassen die Liederhalle, angesichtig geworden sind sie, auch wenn es pathetisch klingen mag, einer lebenden Legende. Das zählt. Und das bleibt.

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