Ein frisch gestochenes Piercing in der Ohrmuschel, das gegen Migräne helfen soll: Ein Piercer aus Böblingen untersucht die Wirkung des Piercings nun mit einem Arzt. Foto: privat

Es klingt zu einfach, um wahr zu sein: Akupunkturpunkte im Ohr ausmessen, Piercing stechen und schon soll die Migräne aufhören. Ein Piercer aus Böblingen hat diese Technik für sich entdeckt und will den Effekt mit einer Studie belegen.

Stuttgart - Sie hatte starke Schmerzen, Sehstörungen und Schwindel. Den Alltag konnte sie nur noch mit Schmerzmitteln bewältigen. Jana Weber, 39 Jahre, aus Sulz-Mühlheim (Kreis Rottweil) litt jahrelang an Migräne. Nun hat sie sich zwei Piercings in die Ohren stechen lassen, die offenbar alles geändert haben. Doch wie kann das sein?

Dieser Körperschmuck ist kein offiziell anerkanntes medizinisches Heilmittel, das sei vorweg gesagt: Doch seit ein paar Monaten gibt es einen Piercer aus dem Raum Stuttgart, der Migräne-Patienten mit Ohrsteckern behandelt. Das Verfahren ist nicht neu und auch recht simpel: Die Piercings werden einfach im Ohr angebracht. Es war für Steve Pierce ein Zufall, dass er diese Methode für sich entdeckt hat. Er betreibt in Böblingen ein Piercing-Studio und hatte vor einem Jahr einen Kunden, der schwer an Migräne litt. „Er wollte ein Migräne-Piercing ausprobieren und ich habe es ihm gestochen“, sagt Pierce.

Dass es Akupunkturpunkte im Körper gibt, die zum Beispiel in der traditionellen chinesischen Medizin schon seit Jahrhunderten eingesetzt werden, war dem Piercer bekannt. Er selbst hatte Interesse an dem Thema – und seine Methode zeigte erste Erfolge.

Der Piercer bespricht vor einer Behandlung zunächst die Art und Dauer der Migräne und ob sie ein Arzt bereits festgestellt hat. „Manche haben nur auf einer Seite Migräne, andere leiden an Cluster-Schmerzen. Je nachdem, wo die Migräne auftritt, ist es sinnvoll ein Piercing oder zwei zu stechen“, sagt Pierce. Vorab misst Pierce immer die Akupunkturpunkte im Ohr aus.

Migräne-Attacken gehen zurück

Sein erster Kunde habe einen Monat nach der Sitzung bei ihm keine Migräne mehr gehabt, obwohl er sonst bis zu eine Woche im Monat aufgrund der Beschwerden krankgeschrieben gewesen sei, sagt Pierce. Unter den Kunden des Böblingers sprach sich die Behandlungs-Methode schnell herum und immer mehr Betroffene wendeten sich an ihn. „Ich bin überrascht, wie gut dieses Piercing wirkt. Meistens tritt die Wirkung sofort ein.“ Pierce berichtet von schmerzgeplagten Kunden, die nach dem Stechen in Tränen ausbrechen, weil sie sofort spüren, dass die Symptome schwächer werden. Auf Facebook tauschen sich bereits rund 2600 Mitglieder vor allem aus dem Raum Stuttgart in einer Gruppe über ihre Erfahrungen aus. Die Mehrzahl ist positiv. Doch auch kritische Stimmen melden sich in der Facebook-Gruppe: „Ich finde auch, dass es ungünstig ist, seine ganze Hoffnung auf das Piercing zu legen. So ist eine Enttäuschung vorprogrammiert und man fällt in ein tiefes Loch“, schreibt eine Userin. Dass Kopfschmerzen für immer verschwinden, verspricht Steve Pierce nicht. Dennoch ist sein bisheriges Fazit: „Bei rund 400 Personen, die sich seit Dezember 2015 das Migräne-Piercing haben stechen lassen, hat es bisher bei nur einer Person nicht angeschlagen.“

Meistens kommen Kunden zu Pierce, die seit Jahren unter Migräne leiden. Die chronische Krankheit hat dutzende Ausprägungen – manche sehen während einer Attacke schlechter, andere werden benommen, manche übergeben sich oder haben alle Beschwerden auf einmal. Die Schmerzen können unerträglich sein. Therapien gibt es unzählige. Und dennoch: viele haben es satt, ständig starke Schmerzmittel zu sich zu nehmen. So auch Jana Weber. Die 39-Jährige führt nach eigenen Angaben ein neues Leben, seit sie Piercings in beiden Ohren hat. „Ich kann wieder schlafen, nehme keine starken Tabletten mehr und war seit langer Zeit endlich einmal wieder mit meinen Kindern schwimmen“, erzählt sie. Bei Jana Weber ging vor ein paar Jahren die Migräne los, als bei ihr Krebs diagnostiziert und sie operiert wurde und danach die Anti-Baby-Pille absetzen musste. Die Begleiterscheinungen seien sehr belastend gewesen, vor allem mit vier Kindern.

Webers Neurologe hat sie ihrer eigenen Meinung nach Jahre lang nicht ernst genommen – Arzneimittel mit hohen Nebenwirkungen waren die einzige Antwort auf ihre starken Schmerzen. „Ich war sehr verzweifelt“, beschreibt sie ihren Leidensweg. Eine Freundin habe ihr vom Migräne-Piercing erzählt. Anfang Juli hat sie sich dann die Piercings beidseitig stechen lassen: „Ich habe vor Erleichterung geweint“, beschreibt Weber. Und nun, einige Wochen später, schwärmt sie: Sie sei entspannt wie nie zuvor, habe an Lebensqualität gewonnen, nehme keine Tabletten mehr. Nun habe sie seit langer Zeit wieder richtig Spaß am Leben.

Studie zum Piercing soll Erfolg belegen

Über das Migräne-Piercing gibt es keine offiziellen Studien. Wie Kopfschmerzen durch Akupunktur genau beeinflusst werden, kann sich Pierce noch nicht erklären. Auch andere Piercer haben dieses Verfahren bereits vor Steve Pierce angewandt. Ärzte zu finden, die das Phänomen ergründen wollen, sei laut Pierce nicht einfach gewesen. Doch er hat sich mit einem Arzt aus der Region Stuttgart zusammen getan, der das Migräne-Piercing ähnlich interessant findet: Marc-Christian Rösler, Facharzt für Allgemeinmedizin und plastische Chirurgie aus Böblingen. Der Mediziner behandelt Migräne-Patienten bisher eher konventionell mit Schmerzmitteln. „Das hält aber nicht lange an“, sagt Rösler.

Ist stattdessen das Migräne-Piercing ein probates Mittel? „Das Piercing ist keine offizielle medizinische Behandlung“, sagt Rösler. Es sei eher dazu da, modische Zwecke zu erfüllen – dass dadurch Migräne-Beschwerden beeinflusst oder gar therapiert werden können, sei ein angenehmer Nebeneffekt, wie der Arzt betont. Dennoch: Die Erfolge seien nicht von der Hand zu weisen. Als der Arzt von einer langjährigen Patientin erfahren hat, dass sie nach Stechen des Piercings beschwerdefrei wurde, traf er sich mit Steve Pierce.

Das Ergebnis: Die beiden beobachten nun eine kleine Anzahl von Migräne-Patienten über mehrere Monate hinweg. Die Studienteilnehmer füllen vorab einen Fragebogen aus, werden untersucht und müssen im Verlauf mehrmals einen Fragebogen zu ihren Schmerzen und Empfindungen ausfüllen. „Anhand einer Schmerzskala erfassen wir vor dem Piercing, wie schwer die Migräne und die Attacken für die Patienten sind und wie sie diese nach Einsetzen des Piercings einstufen“, erklärt Rösler.

Patienten haben lange Leidenswege hinter sich

Der Arzt weiß von vielen Migräne-Patienten, die lange Leidenswege hinter sich haben – ohne Aussicht auf Heilung der Migräne. Falls die Studie die positiven Rückmeldungen der Patienten bestätigt, soll es weitere wissenschaftliche Untersuchungen geben. Bislang stellt der Arzt fest, dass das Piercing laut Rückmeldung der Kunden von Steve Pierce und seiner Patienten einen entspannenden Effekt auf die Migräne und den ganzen Körper habe. Im Abstand von drei und sechs Monaten füllen die Studienteilnehmer nun Fragebögen aus, nachdem sie den Test mit ihrem behandelnden Arzt abgesprochen haben. Schließlich erfolgt die Auswertung der Anwender-Beobachtung.

Für Jana Weber hat sich die Behandlung offenbar gelohnt. Sie will nun heiraten – nachdem sie nun darauf hofft, Krebs, Migräne und starke Schmerzmittel für immer hinter sich lassen zu können.

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