Pfisterer wird von nur zwei Vorständen geführt: Johannes Linden (links) und Konstantin Kurfiss Foto: Pfisterer

Stellenabbau bei Bosch, Krise bei Mercedes und Co – doch nur eine halbe Autostunde von Stuttgart entfernt boomt ein Unternehmen, von dem die wenigsten je gehört haben.

Zwischen Fachwerk und Weinbergen, im beschaulichen Winterbach im Rems-Murr-Kreis, herrscht Aufbruchstimmung. Nur eine halbe Autostunde von Stuttgart entfernt hat die Firma Pfisterer ihren Stammsitz – ein Unternehmen, das eine ganz andere Geschichte erzählt als die derzeitigen Schlagzeilen aus der Region vermuten lassen. Während andere über Standortnachteile klagen und Personal abbauen, investiert der schwäbische Spezialist für Stromverbindungen kräftig in die Zukunft.

 

„Wir dürfen uns in Deutschland nicht kleinreden“, sagt Johannes Linden, Vorstandssprecher von Pfisterer. Der 57-Jährige, der seit Januar 2023 die Bereiche Finance und Operations verantwortet, hat diese Botschaft im Ausland selbst erlebt: „Wenn man international unterwegs ist, erfährt man viel Anerkennung für Made in Germany.“ Seine Devise: „Ärmel hochkrempeln und anpacken.“

Das unsichtbare Rückgrat der Energiewende

Was Pfisterer macht, kennen die wenigsten – dabei ist es unverzichtbar: Das Unternehmen entwickelt Technologien zum Verbinden und Isolieren elektrischer Leiter an den entscheidenden Schnittstellen moderner Stromnetze.

Die Produkte aus Winterbach kommen in zentralen Anwendungen der Energieinfrastruktur zum Einsatz – etwa in Umspannwerken, Offshore-Windparks sowie in Erd- und Seekabelsystemen oder in urbanen Verteilnetzen.

„Egal wie Energie erzeugt wird – ob aus Windkraft, Solar oder konventionell – an einem gewissen Punkt kommen wir ins Spiel“, erklärt Konstantin Kurfiss, der zweite Mann im Vorstand.

Hidden Champion vor den Türen Stuttgarts: die Firmenzentrale in Winterbach Foto: Pfisterer

Der promovierte Ingenieur mit mehr als 20 Jahren Erfahrung in der Branche verantwortet die Bereiche Technologie und Vertrieb. Die Zahlen sprechen für sich: Im Geschäftsjahr 2025 steigerte Pfisterer nach vorläufigen Zahlen den Umsatz um 17 Prozent auf rund 450 Millionen Euro. Das bereinigte EBITDA kletterte um 24 Prozent auf etwa 80 Millionen Euro. Der Auftragsbestand? Plus 40 Prozent auf 335 Millionen Euro.

Ein Turm so hoch wie die Kirche

Das sichtbarste Zeichen des Wachstums entsteht gerade an der Ostlandstraße in Winterbach: ein 32 Meter hohes Gebäude – fast so hoch wie der Kirchturm der örtlichen evangelischen Michaelskirche. In dem Neubau soll eines der modernsten Hochspannungslabore Europas entstehen, spezialisiert auf HVDC-Technologie (Hochspannungs-Gleichstromübertragung).

Vorstand Johannes Linden schlägt mit der Traditionsfirma einen Wachstumskurs ein. Foto: Pfisterer

„Diese Technologie reduziert Übertragungsverluste auf langen Strecken um bis zu 50 Prozent gegenüber der AC-Technologie“, erläutert Kurfiss. Entscheidend etwa für den Transport von Windstrom aus Norddeutschland oder Solarenergie aus Südeuropa. „Als unabhängiger Anbieter von Kabelgarnituren ermöglichen wir Kabelproduzenten den Zugang zum HVDC-Markt“, sagt der Vorstand – einem Markt, der für die globalen Energienetze der Zukunft wichtig ist.

Konstantin Kurfiss, der zweite Mann im Vorstand, verantwortet die Technik und den weltweiten Vertrieb. Foto: Pfisterer

Global expandieren, lokal verwurzelt

Dass Pfisterer trotz Globalisierung auf Winterbach setzt, ist kein Zufall. 1921 in Stuttgart gegründet, ist das Unternehmen seit über 100 Jahren in der Region verwurzelt. Heute präsent an 19 Standorten in 15 Ländern, beliefert man Kunden in über 90 Ländern. Doch die Kernkompetenz – die Silikonverarbeitung für Hochspannungskomponenten – soll am Stammsitz bleiben.

Mit dem Wachstum steigt der Bedarf an Fachkräften. „Wir suchen quer durch alle Bereiche“, sagt Linden. Elektroingenieure, Starkstromtechniker, Facharbeiter für Maschinenbedienung. Derzeit beschäftigt das Unternehmen weltweit rund 1400 Mitarbeiter, 350 davon in Winterbach – Tendenz steigend.

Pfisterer entwickelt Technologien zum Verbinden und Isolieren elektrischer Leiter an den Schnittstellen moderner Stromnetze. Foto: Pfisterer

„Die Zahl von gestern ist heute schon wieder veraltet“, scherzt Vorstand Linden. Perspektivisch plant das Unternehmen, die Zahl der Mitarbeiter weltweit bis zum Ende dieser Dekade auf über 2000 zu steigern.

Gleichzeitig läuft die Internationalisierung auf Hochtouren: „Wir sehen in den USA, aber auch in Märkten wie Saudi-Arabien und Indien enormes Wachstumspotenzial“, sagt Kurfiss.

Pfisterer will sichtbarer werden – auch als offizieller Teampartner des VfB Stuttgart. Foto: Pfisterer

2025 hatte Pfisterer den Börsengang gewagt und rund 100 Millionen Euro eingenommen – Geld, das jetzt ins Wachstum fließt. Der Schritt war auch symbolisch: Lange war Pfisterer ein Familienunternehmen. Karl-Heinz Pfisterer, Enkel des Firmengründers, der über 50 Jahre Verantwortung trug, wurde 2023 zum Ehrenvorsitzenden des Aufsichtsrats ernannt. Mit der Umwandlung in eine Europäische Aktiengesellschaft wurde die Trennung von Familie und Unternehmensleitung vollzogen.

Zwei Vorstände, flache Hierarchien – und Grüntee für alle

Ungewöhnlich: Pfisterer wird von nur zwei Vorständen geführt. Viele Unternehmen dieser Größe haben deutlich mehr Führungspersonal. „Es sind nicht nur die zwei Köpfe, die hier sitzen“, sagt Linden bescheiden. „Da sitzt eine kräftige Mannschaft dahinter.“ Die Arbeitsteilung ist klar: Linden kümmert sich um Finanzen und Produktion, Kurfiss um Technik und weltweiten Vertrieb.

Ein Detail verrät viel über die Unternehmenskultur: Wenn Chef Linden in der Büroküche Grüntee kocht, bekommt jeder, der vorbeikommt, eine Tasse. „Es geht um die vertrauensvolle Beziehung“, sagt der Vorstandssprecher. Keine Allüren, flache Hierarchien, persönlicher Austausch.