Johannes Heibel hat vor mehr als 30 Jahren die Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern gegründet. Der Sozialpädagoge prangert die Überlastung von Erzieherinnen und Erziehern an und sieht die Sicherheit in Kitas gefährdet.
Die Klagen von Eltern über den Umgang mit ihren Kindern in Kitas mehren sich, sagt der Sozialpädagoge Johannes Heibel. Was sind die Ursachen dafür und wo fängt übergriffiges Verhalten an? Der Vereinsvorsitzende hat dazu viele Stimmen und Erfahrungsberichte in einem Buch gesammelt.
Herr Heibel, wie kam es damals zur Gründung der Initiative?
Ich war Elternsprecher an der Schule meiner Kinder, als sich die Freundin meiner Tochter meiner Frau anvertraute. Sie erzählte, dass ein Fachlehrer immer so nett gewesen und jetzt so komisch geworden sei. Das ging so weit, dass er einer Schulkameradin einen Klaps auf den Po gegeben hatte. Ich suchte das Gespräch mit dem Klassenlehrer. Er sagte mir, dass es seit zehn Jahren immer wieder solche Meldungen bezüglich dieses einen Lehrers gebe. Das schockierte mich: Seit zehn Jahren gab es Vorwürfe, und keiner kümmerte sich. Die Vertrauenslehrerin erzählte mir dann noch, dass sich ein Kind sogar das Leben nehmen wollte. Der Schulleiter wusste davon. Es gab dann einen Runden Tisch. Ich konnte es nicht begreifen, dass der Rektor diese Vorhaltungen noch nicht dem Schulamt gemeldet hatte. Ich besuchte den Lehrer zu Hause. Er sagte am Ende, dass ich noch mal mit den Schülerinnen reden sollte, er hätte doch so viel zu verlieren und es wäre nicht gut, wenn das Ganze öffentlich werden würde.
Sie machten es dennoch öffentlich?
Ja, und dann ging das ganze Drama los. Er zeigte mich an, es gab ein Verfahren gegen mich wegen Verleumdung und übler Nachrede. Das Verfahren wurde in zweiter Instanz eingestellt. Aber es war eine ganz, ganz schwere Zeit für unsere Familie.
Warum haben sie trotzdem weitergemacht?
Weil ich gemerkt habe, hier stimmt was nicht im System, und ich habe davon Kenntnis, und ich kann jetzt nicht mehr schweigen, jemand muss sich kümmern. Im Grunde kümmert sich bis heute niemand um die Opfer und die Aufarbeitung. Die Katholische Kirche wird immer dazu aufgefordert, aber für staatliche Einrichtungen wird das überhaupt noch nicht diskutiert. Ich habe das Gefühl, dass man das Thema klein halten will.
Und je jünger die Kinder sind, desto wichtiger ist es, dass jemand für sie die Stimme erhebt.
Kinder und auch Kinder und Jugendliche mit Behinderung sind besonders angewiesen auf die Hilfe von außen, von Erwachsenen, die auf sie aufpassen. Deswegen ist es auch so wichtig, im Bereich Kitas genau hinzuschauen. Das hat mich dazu bewogen, das Thema Übergriffe in Kitas anzugehen. Kinder unter sechs oder gar drei Jahren sind nicht dazu in der Lage, gegenüber den Eltern eventuelle Übergriffe zu artikulieren. Deswegen müssen wir als Erwachsene genauer hinschauen, und auch in den Kita-Teams muss viel reflektierter damit umgegangen werden, müssen Situationen viel stärker hinterfragt werden. Das ist oft leider nicht der Fall.
Wo liegt das Problem?
Es gibt überall böse Menschen. Das Hauptproblem sind aber Systeme, die Übergriffe erst möglich machen. Wenn wir ein besseres Controlling hätten, würde weniger passieren. Zurzeit läuft es aber eher darauf hinaus, überhaupt den Betrieb aufrecht zu erhalten. Denn durch den Mangel an Personal ist das für den Betreiber jeden Tag eine Herausforderung. Auch für die Teams sind solche Zustände – verstärkt durch Krankheitsausfälle – absolut inakzeptabel. Da wären Eltern besser gestellt, wenn sie ihre Kinder selber beaufsichtigen.
In den vergangenen Jahren lag der Fokus auf dem quantitativen Ausbau der Kitas. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Das ist ein Punkt. Weil der Gesetzgeber Druck macht, wird stärker auf Quantität als auf Qualität geachtet. Das hat fatale Folgen für die Sicherheit der Kinder. Es verstärkt die Gefahr, dass es zu, ich nenne es mal so, Ausrastern beim Personal kommt. Darüber hinaus ist aber auch die Ausbildung meiner Meinung nach immer noch unzureichend. Da müsste viel stärker der Fokus auf das Thema Übergriffe und Distanzlosigkeit gelegt und viel mehr darauf geachtet werden, ob die Bewerber und Bewerberinnen überhaupt die Interessen und Fertigkeiten mitbringen, diesen sehr anspruchsvollen Beruf ausüben zu können. Erzieherin oder Erzieher sein, das ist eine Berufung.
Was bringen Schutzkonzepte?
In dem Buch gibt es einen Beitrag von einer Erzieherin, die versucht hat, das Verhalten einer Kollegin intern zu thematisieren, weil es ihr unangemessen erschien. Weil das zu keinem Ergebnis führte, beschwerte sie sich beim Träger, aber auch dort wurde sie abgewiesen. Letztlich ging sie zum Jugendamt, wo sie ebenfalls scheiterte. Mehr noch, sie musste es ertragen, dass sie selbst gemobbt und beschuldigt wurde, sie würde übertreiben und es würde gar nicht stimmen. Also die Gefahr ist sehr hoch, dass jemand selbst zu Schaden kommt, wenn er ein Fehlverhalten feststellt und versucht, was im System zu ändern. Insofern nutzen Schutzkonzepte nur was, wenn auch die Haltung trainiert wird, also die Fähigkeit, sich selbst zu reflektieren, sich kritisieren zu lassen oder auch eine liebe Kollegin zu kritisieren, mit der man vielleicht sogar befreundet ist. Das ist ja nicht einfach. Insofern wird erst einmal geschwiegen und nicht die Kommunikation, die Auseinandersetzung gesucht. Schutzkonzepte müssen im Alltag gelebt werden.
Wobei es nicht nur um ganz krasse Fälle wie sexuellen Missbrauch oder körperliche Gewalt geht.
Ja genau, es geht auch um übergriffiges Verhalten im Alltag. Wenn man das Kind mal schubst, weil es nicht vorangeht. Oder man sagt: „Jetzt setz dich doch endlich hin!“ Und packt es dabei etwas unsanft an, um es dazu zu zwingen, auf dem Stuhl Platz zu nehmen. Oder wenn ein Kind öfters auf die Toilette muss und am Anfang dabei noch Hilfe braucht, der Erzieherin ist das aber alles zu viel, und es kommt zu einem emotionalen Ausraster. Auch im Alltagsstress darf es ein solches Verhalten nicht geben. Es darf nicht sein, dass Erzieherinnen und Erzieher grob mit den Kindern umgehen, damit es funktioniert. Das Kind steht im Fokus, seine Sicherheit hat Priorität, alles andere ist nachrangig. Auch wenn im System nicht alles perfekt ist, müssen Erzieherinnen und Erzieher ihre Arbeit machen und darauf achten, dass den Kindern nichts zustößt.
Können Eltern was tun? Wann müssen bei ihnen die Alarmglocken schrillen?
Eltern sollten bereit sein, sich um die Kinder in der Kita zu kümmern. Sie sollten den Umgang mit den Kindern immer hinterfragen, auch Alltagssituationen, wenn sie ihnen auffallen, und gleich das Gespräch mit den Erzieherinnen und Erziehern suchen, auch wenn man dadurch lästig wird. Da muss man drüber stehen. Doch leider sind Eltern oft sehr beschäftigt. Sie müssen auf Arbeit, geben die Kinder morgens schnell ab und holen sie nachmittags genauso schnell wieder ab. Da bleibt nur wenig Zeit für Kommunikation. Aber es ist wichtig, sich diese Zeit für die Kinder zu nehmen. Es ist wichtig, dass man sich für die Person interessiert, die mit dem eigenen Nachwuchs umgeht, dass man versucht, sie kennen und einzuschätzen zu lernen. Das gilt auch für den Trainer im Verein und später für den Lehrer in der Schule. Und wenn man ein ungutes Gefühl hat, sollte man es ansprechen.
In dem Buch schildern Beobachter, dass sogenannte kleinere Ausraster oft darin begründet waren, dass Erzieherinnen und Erzieher überlastet waren. Wie kann man gegensteuern?
Es braucht vor allem bessere Arbeitsbedingungen. Das fängt schon bei der Bezahlung an. Und es geht damit weiter, dass immer mehr Kosten eingespart werden sollen. So kommt es, dass der Personalschlüssel immer wieder angehoben wird. Das gilt für Schulen genauso. Die Träger wissen ganz genau, dass das nicht richtig ist, dass das auf Kosten der Kinder und des Personals geht. Und trotzdem versucht die Politik immer wieder, es zu ignorieren und es anders zu machen. Das ist eine Frechheit! Erzieherinnen und Erzieher sind meiner Meinung nach viel zu brav, viel zu angepasst. Die müssten viel rebellischer werden und bessere Arbeitsbedingungen fordern. Und die Eltern genauso. Aber die sind natürlich froh, dass sie überhaupt einen Kita-Platz haben und arbeiten können. Da sind so viele Zwänge. Die kann man politisch gut ausnutzen, um die Daumenschrauben noch mehr anzuziehen. Seit über 30 Jahren prangern wir diese Dinge an, und es ändert sich nichts. Ich bin sehr enttäuscht von der Politik. Die Arbeit, die wir in unserem Verein ehrenamtlich machen, die müsste eigentlich der Staat machen. Aber er macht es nicht. Ich suche seit 30 Jahren einen Politiker, der bereit ist, sich diesem Thema zu widmen, ich habe keinen einzigen gefunden. Wenn der Druck von der Basis nicht zunimmt, werden sich die da oben nicht bewegen.
Seit 30 Jahren im Dienst der Kinder
Zur Person
Johannes Heibel, Jahrgang 1955, ist Diplom-Sozialpädagoge (FH). Er war unter anderem mehr als 20 Jahre lang Angestellter im öffentlichen Dienst und dort im Bereich der offenen Jugendarbeit tätig. In diesen Jahren wirkte er maßgeblich beim Aufbau von drei Jugendzentren mit.
Zum Verein
Zusammen mit weiteren Eltern gründete Johannes Heibel vor mehr als 30 Jahren die Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen. Diese begleitet und unterstützt bundesweit Betroffene, leistet Aufklärung, Präventions- und Öffentlichkeitsarbeit. Dazu gehört auch das in diesem Jahr erschienene Buch „Sind noch so zerbrechlich. Gewalt in Kitas und was sich dringend ändern muss“. Alle Infos zum Verein und seinen Veröffentlichungen sind zu finden unter www.initiative-gegen-gewalt.de.