Julia Keinarth-Uhland hat gemeinsam mit Stephanie Thomsen-Wolf das Komitee „Paulus hat Zukunft.“ initiiert. Die Architektin sieht die Gemeinde vor Ort „komplett überrascht“ und erhofft sich von der Gemeindeversammlung am 27. September um 19 Uhr in der Pauluskirche eine neue und ergebnisoffene Diskussion. Sie ist überzeugt: „Der Westen braucht Paulus und Paulus braucht den Westen.“ Foto: Keinarth-Uhland/Keinarth-Uhland

Der evangelischen Pauluskirche in Stuttgart-West droht das Aus. Die Debatte vor Ort wird schärfer. Die Initiative „Paulus hat Zukunft.“ will bei der Gemeindeversammlung am 27. September für einen Erhalt des Standorts werben.

Das Banner an der Pauluskirche in Stuttgart-West formuliert spitz: „Noch fünf Mal Weihnachten, dann ist hier Schluss!“. Sorge wird spürbar – Sorge über einen Beschluss des Gesamtkirchengemeinderates vom 30. Juni. Danach finanziert die Gesamtkirche Stuttgart wohl unmittelbare notwendige Sanierungsarbeiten an den Stützen der Pauluskirche im Stuttgarter Westen, nicht aber die Gesamtsanierung von Kirche und Gemeindezentrum des größten Standortes der Kirchengemeinde Stuttgart-West. Für diesen Mittwoch hat die Kirchengemeinde zur Gemeindeversammlung eingeladen. Beginn in der Pauluskirche ist um 19 Uhr. Mit dabei sind Julia Keinarth-Uhland und Stephanie Thomsen-Wolf, Initiatorinnen des Komitees „Paulus hat Zukunft.“. Vorab erläutern sie ihre Positionen.

 

Frau Keinarth-Uhland, Frau Thomsen-Wolf, die Entscheidung der Gesamtkirche, den Paulus-Komplex funktionsfähig zu halten, aber nicht umfassend zu sanieren, fiel im Juni. Ein „Aufschrei“ blieb zunächst aus. Haben Sie als Gemeinde vor Ort zu sehr auf den internen Widerspruch vertraut?

Der Aufschrei ist da. Aber wichtig ist zunächst dies: Mit der Fusion am 1. Dezember 2019 sind wir zur Evangelischen Kirchengemeinde Stuttgart-West geworden. Die Gemeindemitglieder sind nach wie vor ihren Kirchtürmen zugeordnet. Paulus 3357, Johannes 2129, Paul-Gerhardt 1927. Im November 2020 hat der Kirchengemeinderat der Westgemeinde auf die Anfrage der Gesamtkirchengemeinde Stuttgart, welche der von uns genutzten Kirchen verzichtbar seien, klar rückgemeldet, dass wir auf keine unserer drei Kirchen verzichten können, da es sich bei allen Gebäuden um sehr lebendige Standorte handelt. Dazu gab es nie Rückmeldung, auch nicht, dass diese Entscheidung in irgendeiner Weise nicht tragbar wäre und überdacht werden müsse.

Ihnen fehlt die Kommunikation?

Das Tempo, indem von Seiten der Gesamtkirche zu Paulus Fakten geschaffen wurden, hat alle maßlos überrumpelt und ist völlig unverständlich.

Wie war der Verlauf aus Ihrer Sicht?

Der Kirchengemeinderat wurde am 24. Mai über das Ausmaß des baulichen Schadensumfangs an Stützen, Dach und Turm informiert. Es wurde gesagt, dass man zuerst überlegt hatte, noch diesen Sommer abzureißen, dann aber zu dem Ergebnis kam, doch die Stützen und deren Tragfähigkeit wieder herzustellen. Für das schadhafte Dach, über welches der Schadenseintrag in die Stützen gelangt, und den Turm gibt es jedoch kein Geld mehr. So bleiben, vorausgesetzt das Dach übersteht die Zeit, der Gemeinde fünf Jahre. Fünf Wochen später, am 30. Juni, wurde hierzu der Beschluss im Gesamtkirchengemeinderat gefasst. Es gibt bis heute keine Begründung für diese Entscheidung der Verantwortlichen der Gesamtkirche. Man hat die Gemeinde eines inneren Prozesses beraubt, über Ihre Köpfe hinweg entschieden.

Und wie sehen Sie die Schadensfeststellung?

Dass Stützen und Dach saniert werden müssen, ist der Gesamtkirchengemeinde seit vielen Jahren bekannt und wurde in vergangenen Baubegehungen immer wieder festgestellt.

Nun lädt die Kirchengemeinde Stuttgart-West am 27. September um 19 Uhr zur Gemeindeversammlung in die Pauluskirche. Auch Sie werden Ihre Ideen vortragen. Was erhoffen Sie sich?

Die benachbarten Kirchengemeinden haben über den Umgang mit den von ihnen genutzten Kirchengebäuden in ihren Gemeinden Prozesse durchgeführt, manche haben hierzu schon Ergebnisse, andere arbeiten noch daran. So gehört auch dieser Prozess in die Gemeinde. Die Gemeinde mit all ihren Mitgliedern muss selbst über den künftigen Umgang mit ihren drei sehr lebendigen Standorten entscheiden können. Sobald die Gemeinde hierzu eine Richtung gefunden hat, müssen in diesen Prozess auch Menschen aus dem Quartier einbezogen werden, ebenso die Kommunalpolitik. Daraus kann eine sinnvolle, nachhaltige Transformation gelingen. Nicht mit „Top Down“-Politik.

Sie setzen auf einen offenen Dialog?

Es benötigt immer einen Prozess, der die Menschen des betroffenen Ortes mit einbezieht, also die beheimateten aktiven Gruppen an den drei Standorten der Westgemeinde. Gelungene Transformationsprojekte bewahren das Historische, stärken und beleben Gegenwärtiges und entwickeln und integrieren daraus Zukünftiges und Neues. Die Gesamtkirchengemeinde konnte uns weder einen Plan noch ein konkretes Vorhaben nennen, welches nachfolgend am Standort Paulus entstehen soll. Warum diesen Standort abschaffen ohne zu wissen, wie und wohin es etwa mit den 315 Menschen gehen soll, die regelmäßig die Gemeinderäume besuchen?

Engagiert sich für eine Gemeinde-Zukunft im Paulus-Areal: Stephanie Thomsen-Wolf Foto: stw/stw

Was sind Ihre konkreten Forderungen?

Wir wollen, dass der Beschluss der Gesamtkirchengemeinde aufgehoben wird. Wir wollen die Chance auf einen inneren Prozess, Mitbestimmung und Mitentscheidung. Die Schäden am Gebäude der Pauluskirche haben mit der weiteren Entwicklung in der Westgemeinde nichts zu tun. Die Sanierung soll vollumfänglich an Stützen, Dach und Turm vorgenommen werden. Für uns bleibt Paulus Gemeindestandort wie Paul-Gerhardt und Johannes.

Gefragt sind von der Gesamtkirche parallel bereits „Ideen für eine Nachnutzung“. Daran wollen Sie sich nicht beteiligen?

Es kann noch nicht über Nachnutzungen gesprochen werden, dazu benötigt es erst die im „Fall Paulus“ übergangenen Prozess-Schritte innerhalb der Gemeinde. Erst einmal benötigt die Kirchengemeinde Stuttgart West unter solch neuen Aspekten – dass zu verzichtbaren Kirchen auch Kirchenstandorte gehören, die lebendig sind – ein Konzept, wo es mit ihr hin geht.

Das Hauptaugenmerk der Gebäude-Sicherung gilt den maroden Stahlträgern. Diese waren schon lange auffällig. Weshalb hat man diese nie saniert?

Und wurde gesagt, dies sei in der Bauabteilung aufgrund von Personalwechseln und Personalmangels versäumt worden. Und die Baulast liegt nun mal bei der Gesamtkirchengemeinde.

In den vergangenen zehn Jahren ging es in der Pauluskirche viel um die Orgel. Zu viel?

Nein, nicht zu viel. Für die Orgel sind wir als Gemeinde zuständig. Die Gesamtkirchengemeinde ist für das Gebäude und den Erhalt zuständig – die Gesamtkirchengemeinde hatte nie mit unserer Orgel zu tun. Das war Engagement unserer eigenen Gemeinde. Die Orgel in Paulus ist eine Besonderheit mit ihren 50 Registern und hat eine große Fan-Gemeinde, die das Äußerste tut, um Spenden zu erhalten. Das steht nicht in Konkurrenz zum Kirchenbau.

Inzwischen hängen Banner wie „Noch 5 x Weihnachten – dann ist hier Schluss!“ und heißt es in der Flugblatt-Einladung zur Gemeindeversammlung „Ene mene meck, ... 2028 ist Paulus weg!“. Was macht das mit Ihnen, um das „eigene Haus“ zu bangen?

Alle Beteiligten und Akteure wollen diesen qualitätvollen Standort bewahren. Unsere Fassungslosigkeit über das Vorgehen der Gesamtkirchengemeinde und der Verwaltung hat zu dieser Aktion, einem Brief, vielen Plakaten und Vernetzungen in den Sozialen Medien geführt. Weitere Aktionen hängen vom Ergebnis am 27. September ab.

Zuletzt – die Pauluskirche ist weit über die Gottesdienste hinaus Teil des Lebens im Stadtquartier. Hat sich aber nicht auch hier manches geändert?

Natürlich gibt es Veränderungen, insgesamt weniger Gottesdienstbesucher, Gesprächskreise hören auf, aber andere fangen neu an. In den letzten Jahren ist viel Neues entstanden: Konfi 3, Kinderchor, regelmäßige Krabbelgottesdienste, Jungschar für Kinder bis 12 Jahre, Jungbläsergruppe und mehr. In keiner Kirche ist mehr etwas „wie früher“ – aber unser Gemeindeleben funktioniert hier. Und dazu gehören natürlich über die vielen Angebote im Paulus-Kontext selbst auch die Konzerte, aber auch die Präsenz unserer Bläser und unseres Chores im Stadtteil insgesamt. Deshalb sind wir auch alle so geschockt, dass so ein lebendiger Standort geschlossen werden soll.