Wenn Parkplätze gestrichen werden, gehen schnell die Wogen hoch, das hat erst der Superblock und nun die Umgestaltung der Stuttgarter Innenstadt gezeigt. Warum regt das so viele Menschen auf? Eine Expertin spricht über hochkochende Emotionen.
Der Mensch ist ein Wesen, das nicht gut mit Verlusten umgehen kann. Nimmt man ihm etwas weg, wird das in der Regel höher gewichtet als das, was man man im Gegenzug bekommt. Verlustaversion heißt das in der Psychologie. Das zeigt sich bei der Debatte um Steuern, bei der es selten um Leistungen wie aus Gesundheits- oder Bildungssystem oder der öffentlichen Sicherheit geht. Und es zeigt sich oft dann, wenn Parkplätze gestrichen werden sollen, aber der zu gewinnende Lebensraum und der reduzierte Verkehr keine größere Rolle spielen. Wer das so empfindet, für den sei es eine aber ernst zunehmende Auswirkung, sagt Nadja Hirsch, Psychologin vom Institut für Klimapsychologie.
Das Auto steht bei vielen für Freiheit
„Es gibt Studien dazu, dass das Gehirn das tatsächlich als Verlust wahrnimmt und das Schmerzzentrum aktiviert wird“, sagt Nadja Hirsch. Und gerade wenn Menschen eine solche Maßnahme auch als Kontrollverlust und Ungerechtigkeit wahrnehmen würden, löse das Stress im Körper aus, sagt Hirsch.
Hinzu kommt: In Deutschland pflege man ein besonderes Verhältnis zum Auto. Bei manchen gehöre es zur Identität, es sei neben Fortbewegungsmittel auch Hobby. „Das muss ich Ihnen in Stuttgart nicht sagen: Da werden einige Leute sein, die einfach ihren Mercedes mögen“, sagt die Münchnerin Hirsch. Und es sei mit Werten wie Freiheit und Unabhängigkeit verbunden. Wegfallende Parkplätze würden auch als Eingriff in diese Werte erlebt. „Das ist eine Zielgruppe, die besonders empfindlich reagiert, wenn es um eine solche Autonomiebeschneidung geht“, sagt sie.
Alle sollen ihre Meinung äußern können
Was kann man also tun, um Menschen bei solchen Veränderungen mitzunehmen? Damit Änderungen wie der Superblock – der den Verkehr in der Augustenstraße im Stuttgarter Westen reduzieren und die Lebensqualität erhöhen soll – oder Umgestaltung in der Innenstadt mit wegfallenden Parkplätzen akzeptiert werden, müssten alle betroffenen Menschen früh in der Planung involviert werden. Es müsse also Möglichkeiten geben, sich einzubringen, und es müsse ein tatsächlich ergebnisoffener Prozess sein.
„Was man bei den Partizipationsprozessen wiederum beachten muss, ist, dass häufig die Leute sehr laut sind, die nur dagegen sind.“ Diese würden die Prozesse dann oft stark dominieren. Um ein ausgewogeneres Bild aller Betroffenen zu erhalten, brauche es Möglichkeiten, sich schnell und unkompliziert einzubringen, etwa durch Online-Umfragen. Sonst würde man viele Menschen nicht erreichen, die keine Zeit oder kein Interesse haben, an einer längeren Informationsveranstaltung teilzunehmen, so Hirsch.
Verständnis bringt mehr als Konfrontation
Unterschiedliche Meinungen zu so einem Projekt, und damit Diskussionen, sind wohl trotzdem kaum vermeidbar. In der Situation solle man nicht auf Konfrontation gehen, sagt Hirsch. „Die wirkungsvollste Strategie ist, eine gewisse Empathie zu zeigen und der Person zu signalisieren: ‚Ich verstehe, dass es für dich von Nachteil ist und dass es für dich jetzt vielleicht zusätzlichen Stress zusätzlichen Zeitaufwand bedeutet, wenn du woanders parken musst.’“ Auch gehe es darum, die Bedürfnisse der Menschen zu verstehen. Manchmal seien Leute nicht gegen den Rückbau von Parkplätzen, sondern würden keine Vorteile in dem sehen, was folgt.
Deswegen sei es wichtig, früh auf den persönlichen Nutzen solcher Projekte hinzuweisen. Dabei komme es wiederum auf die Werte an. Wer mit Begrünung und Gehwegen nichts anfangen kann, ist dann vielleicht mit mehr Möglichkeiten, in Ruhe einen Kaffee zu trinken, zu gewinnen, sagt Hirsch.