Julia Taubitz bei der Gold-Feier im Deutschen Haus in Cortina d’Ampezzo. Foto: Robert Michael/dpa

Rodlerin Julia Taubitz genießt ihren Olympiasieg in Cortina d’Ampezzo, denkt aber auch an eine traurige Teamkollegin.

Sollte in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch jemand Julia Taubitz im Deutschen Haus in Cortina d’Ampezzo als vermisst gemeldet haben, kann die Suche nun eingestellt werden. Die Olympiasiegerin im Rodeln ist am nächsten Morgen gesund und munter wieder aufgetaucht – und hatte auch eine Erklärung für ihr plötzliches Verschwinden parat.

 

„Ich habe so gegen 1 Uhr meine Familie verabschiedet, wollte danach eigentlich noch einmal ins Kufenstüberl“, erzählte die 29-Jährige aus Oberhof gut gelaunt. Dann aber sei die Verlockung groß gewesen, ebenfalls schon den Heimweg anzutreten. „Also“, sagte sie grinsend, „hab ich einen Polnischen gemacht.“ Sich verabschiedet, ohne sich verabschiedet zu haben.

Klar, das ist nicht die feine Art. Aber: Wer will es ihr verdenken. Julia Taubitz hatte sich ja Stunden zuvor ihren „Kindheitstraum“ erfüllt, war Olympiasiegerin im Rodel-Einsitzer geworden – und hoch emotional. Aufgrund ihrer persönlichen olympischen Geschichte.

2022 als Favoritin nach Peking, führte nach dem ersten Lauf – und musste dann am eigenen Leib erfahren, wie schnell Sportlerträume platzen können.

Sie stürzte in Lauf zwei, rutschte auf dem Bauch liegend über die Ziellinie und war alle Medaillenchancen los. Danach haben viele zu ihr gesagt: „In vier Jahren gibt es eine neue Chance.“ Die Rodlerin aber dachte: „Vier Jahre sind lang. Wer weiß, in welcher Verfassung ich dann bin?“ Entsprechend „schwer war das erste Jahr nach Peking“, gab sie nun in Cortina d’Ampezzo zu, „es waren viele Tage des Zweifelns dabei, es war auch schwierig, die Motivation hochzuhalten.“ Seit Dienstagabend weiß sie: Es hat sich gelohnt, trotz allem dranzubleiben.

Nun darf sie sich als Olympiasiegerin feiern lassen, hat am Donnerstag mit der deutschen Staffel noch die Chance auf Team-Gold – wird in Zukunft aber auch in anderer Rolle gefragt sein. Als Aufbauhelferin. Denn am Dienstag gab es im deutschen Team nicht nur strahlende Gesichter.

Merle Fraebel passierte im dritten Lauf ein schlimmer Startfehler, der sie – wie damals Julia Taubitz – alle Medaillenchancen kostete. Statt mit der Teamkollegin um Gold zu kämpfen, wurde die 22-Jährige Achte. Ganz kurz schon konnte die neue Olympiasiegerin mit der traurigen Kollegin sprechen, ausführlich wird das demnächst nachgeholt. „Da brauchen wir mal Zeit zu zweit“, sagte Taubitz – und bot ihre Hilfe an.

„Ich hoffe, ich kann ihr da ein bisschen helfen“, sagte sie und dachte an ihren eigenen Weg, irgendwann mit dem Rückschlag von Peking klarzukommen: „Ich glaube, ich weiß ein bisschen, wie man damit umgeht.“ Merle Fraebel könne jederzeit auf sie zukommen. Was sie dann hören wird?

Dass derartige Tiefschläge eine Sportlerin auf lange Sicht auch weiterbringen können. „Wenn man immer nur gewinnt, lernt man nichts“, betonte Taubitz, „man muss auch mal auf die Fresse fallen. Mich hat das geprägt und persönlich wie sportlich weitergebracht.“ Der jungen Kollegin prophezeit sie jedenfalls eine große Zukunft: „Ihr gehört irgendwann die Rodel-Welt.“ Zum Beispiel 2030, wenn die Winterspiele in den französischen Alpen stattfinden werden. Merle Fraebel kann dann noch einmal nach Gold greifen – und hat dann eine starke Konkurrentin weniger.

Julia Taubitz stellt den Schlitten nach ihrem Olympiasieg zwar nicht gleich in die Ecke, weitere vier Jahre will sie aber nicht weitermachen. Irgendwann zwischen 2026 und 2030 wird sie sich verabschieden. Die Frage ist nur: wie?