Deniz Undav betreibt schnörkellose Fehleranalyse: „Ich kann kein Tor schießen, wenn ich keine Chance bekomme.“ Foto: Baumann/Julia Rahn

Der VfB ist im Angriff beim 0:2 gegen den BVB nicht zum ersten Mal ein zahnloser Tiger. Gerade gegen gut verteidigende Topteams muss die Hoeneß-Elf ihr Offensivspiel überdenken.

Was am Ende schiefgelaufen ist für den VfB bei diesem frustrierenden 0:2 (0:0) gegen den Tabellenzweiten Borussia Dortmund mit den späten Gegentoren durch Karim Adeyemi (90.+4) und Julian Brandt (90.+6), das lässt sich exemplarisch an der Leistung der Verteidiger Ramon Hendriks und Jeff Chabot festmachen. Das Duo zeigte bis zum finalen Knock-out per BVB-Doppelschlag eine starke Leistung, hatte etwa den ehemaligen Stuttgarter Toptorjäger Serhou Guirassy abgemeldet.

 

In der Nachspielzeit aber leisteten sich sowohl Chabot vor dem 0:1, als er den Ball nach innen zu Adeyemi köpfte, sowie Hendriks, der vor dem 0:2 den entscheidenden Zweikampf gegen Fabio Silva verlor, ganz grobe Schnitzer. Der VfB stand also hinterher ziemlich dumm da. Verloren war auch der eine Punkt, den man aufgrund der statistischen Werte mit 67 Prozent Ballbesitz und 13:5 Torschüssen gedanklich bereits verbucht hatte.

„Es war eigentlich ein klassisches 0:0-Spiel“, resümierte der BVB-Chefcoach Niko Kovac, nahm die drei Punkte aber gerne mit. Fabian Wohlgemuth fasste das Gesehene so zusammen: „Wie brutal Fußball sein kann, das haben wir diesmal erlebt. Wir waren 90 Minuten feldüberlegen, hatten mehr Ballbesitz, haben mehr Zweikämpfe gewonnen und waren die aktivere Mannschaft “, sagte der VfB-Sportvorstand: „Und haben dann vom BVB ein Lehrstück in Sachen Effizienz erhalten.“

Der Trainer Sebastian Hoeneß machte trotz der späten Rückschläge einen relativ gefassten Eindruck. Immerhin haben die Dortmunder in dieser Runde schon öfter gezeigt, dass sie hinten gut stehen. 28 Gegentore hat ihr Keeper Gregor Kobel erst hinnehmen müssen – nur die Überbayern aus München haben noch einen Treffer weniger kassiert.

„Das machen sie schon die ganze Saison, dass sie diszipliniert verteidigen und vorne ihre Situationen einfach nutzen. Kompliment“, sagte der VfB-Cheftrainer, der inzwischen mehr als drei Jahre bei den Cannstattern im Amt ist. Weil die TSG Hoffenheim mit dem 1:2 gegen den FSV Mainz 05 ihr Heimspiel ebenfalls verlor, besitzt der VfB als Vierter mit 53 Zählern weiterhin drei Punkte Vorsprung auf einen Nicht-Champions-League-Platz. Es ist also sechs Spieltage vor Saisonschluss weiterhin noch alles drin in Sachen Königsklasse, auch wenn man es verpasste, das Polster auszubauen.

Zudem ist die Erfolgsserie des Trainers Hoeneß, der zuvor in seiner Stuttgarter Zeit bei fünf Siegen und zwei Unentschieden gegen den BVB noch gar nicht verloren hatte, nun beendet. Das hatte auch hausgemachte Gründe, Themen, mit denen man sich beim VfB beschäftigten dürfte – schließlich strebt man mit der Champions League das allerhöchste europäische Niveau an.

Und dabei fällt auf: Gerade gegen Topteams agieren die Stuttgarter vorne drin häufiger mal wie ein zahnloser Tiger: Das war etwa in der Europa League so bei den torlosen Niederlagen gegen Fenerbahce Istanbul (0:1), die AS Rom (0:2) oder zuletzt beim internationalen Aus beim FC Porto (0:2). Schon damals mahnte Hoeneß an, man habe „oft viel Aufwand betrieben, aber zu wenig Ertrag erhalten“.

Trainer Hoeneß brachte Mittelstürmer Ermedin Demirovic erst nach 87 Minuten. Foto: IMAGO/Michael Weber

Gegen Dortmund schaffte es der VfB erneut zu selten in die gefährliche Zone. „Ich kann kein Tor schießen, wenn ich keine Chance bekomme. Wir waren immer in Halbpositionen, das hat nicht gereicht“, klagte Torjäger Deniz Undav – und der Kollege Ermedin Demirovic ergänzte: „Der letzt Punch hat uns gefehlt.“ Unterm Strich standen nur drei Schüsse aufs Tor und ein XG-Wert, der die theoretisch machbaren Treffer angibt, von gerade mal 0,76.

Spätestens nach 60 Spielminuten war klar, dass Undav einen Nebenmann hätte vertragen können in einem Stuttgarter Offensivspiel, in dem der gegnerische Strafraum meist zu spärlich besetzt war. Weil es zu wenig Anspielstationen in der Box des BVB gab, fehlte es an echter Torgefahr.

Trainer Hoeneß aber brachte mit Demirovic den zweiten Stürmer erst in der 87. Minute. Warum nicht früher? Dass der Schuss nach der Entscheidung hin zu mehr Offensivgeist letztlich nach hinten losging, stand derweil nicht in direktem Zusammenhang – sondern war den Patzern in der Abwehr geschuldet. Auch wenn der Linksverteidiger Maximilian Mittelstädt hinterher sagte: „Am Ende hätte man den Punkt mitnehmen müssen. Da waren wir vielleicht ein bisschen zu gierig.“

Auffällig war auch, dass die Kombination Angelo Stiller und Atakan Karazor, der nach seiner fünften Gelben Karte ein Spiel gesperrt ist, nicht zum ersten Mal zu wenig offensiven Schub aufs Feld brachte. Gerade gegen gute Gegner, die tief stehen und sich auch aufs Verteidigen verstehen wie der BVB.

Weiter geht es nun am Sonntag (17.30 Uhr) mit dem nächsten Heimspiel, wenn sich der VfB gegen den Hamburger SV revanchieren will. Schließlich ist die Erinnerung noch frisch an das komplett unnötige 1:2 im Volkspark. Auch damals hatte sich die Hoeneß-Elf gegen zehn Hamburger nach einem verpatzten Freistoß von Stiller mit Konter zum HSV-Siegtreffer in der vierten Minute der Nachspielzeit einen selbst verschuldeten, späten Knock-out eingefangen.