Bilder der Verzweiflung: Überreste des illegalen Nachtquartiers im Keller und Verbarrikadierung als Schutz vor einem Angriff. Foto: StZN/privat

Ein offenbar psychisch kranker und wohnsitzloser Mann quartiert sich im Keller eines Hauses im Stuttgarter Westen ein. Einer Bewohnerin droht er sogar, er werde sie töten.

Irgendwann haben sie angefangen zu dokumentieren, was sie ängstigt. Der Auslöser dieser Angst ist ein großer Mann mit Vollbart. Er trägt eine dunkelblaue Hose und eine Jeansjacke. oft auch ein Hoodie. Das dunkle Haar steht ihm wirr vom Kopf. Im Haus und auf der Straße sieht man ihn tänzelnd herumlaufen. Es scheint, als sei dieser Mann nicht ganz von dieser Welt. Seine Erscheinung ist durchaus eindrucksvoll. Man kann nachvollziehen, dass eine unerwartete Begegnung mit ihm in Keller, Tiefgarage oder Hausflur furchteinflößend sein kann. Der vollbärtige Mann selbst sieht das offenbar anders: Er kann vieles, was über ihn erzählt wird, nicht nachvollziehen.

 

Die Bewohner riechen, wenn er da ist

„Psychisch auffällig“ und „auf Droge“ sind die Beschreibungen, die man zu hören bekommt, wenn Menschen von dem Mann erzählen, der hier Bernd Speidel heißen soll. Und alle berichten von einem unangenehmen Geruch, der von ihm ausgehe. „Wie ein krasser Rohrbruch“ rieche er, sagt eine junge Frau. Irgendwie süßlich und auch nach Fäkalien, sagen andere. Wenn sie das riechen, wissen sie, dass er wieder da ist in dem Haus, in dem sie alle wohnen und das eigentlich ihr Rückzugsraum sein soll.

Diese Geschichte spielt in einem großen Wohnkomplex im Stuttgarter Westen. Sie könnte sich jedoch überall zutragen. Mit mehr als 50 Wohnungen und einer riesigen Tiefgarage ist das Haus mit den fünf Stockwerken, den vielen Gängen und den auf zwei Etagen verteilten Kellerräumen ein Ort, an dem nicht sofort auffällt, ob jemand dort wohnt oder nicht. Die Anonymität schützt erst mal vor neugierigen Fragen. Man kann mit dem Pizzadienst ins Haus schlüpfen oder sich einschleichen, wenn sich das große Tor zu den Tiefgaragenparkplätzen öffnet und erst viel später wieder schließt. Oder einfach nur klingeln und hoffen, dass jemand auf den Türöffner drückt.

Obwohl die Hausverwaltung die Kellerfenster mit Schlössern ausgestattet und mit Aushängen darauf hingewiesen hat, dass sich immer wieder ein Mann in Keller und Tiefgarage aufhält und man aufpassen solle, gelangte Bernd Speidel immer wieder in das Haus, in dem er gar nicht wohnt. Denn: Eine Verwandte von ihm lebt dort. Wohl deshalb hat sich der Mann ohne festen Wohnsitz einen Schlafplatz einrichten können. Konkret: in deren Keller mit den Lattentrennwänden.

Vordergründig geht es hier zwar um den 32-jährigen obdachlosen und psychisch auffälligen Mann und eine verzweifelte Hausgemeinschaft im Stuttgarter Westen. Es geht aber wohl um etwas Grundsätzliches in einer Welt, in der psychische Erkrankungen zunehmen und Armut immer sichtbarer wird. Es geht darum, wie alle Beteiligten an emotionale und rechtliche Grenzen geraten, die Nerven blank liegen, weil sich diese Menschen hilflos und allein gelassen fühlen. Es geht darum, dass Polizeibeamte manchmal mehrmals täglich gerufen werden, verlässlich kommen, unzählige Platzverweise und Aufenthaltsverbote aussprechen, Ermittlungsverfahren bei der Stuttgarter Staatsanwaltschaft laufen – und zum Unverständnis der Beteiligten dann doch eingestellt werden. Die Begründung im Fall Speidel: von der Verfolgung der zur Last gelegten Taten werde abgesehen, da der Beschuldigte in einem anderen Verfahren eine Strafe zu erwarten habe, gegenüber der die anderen Taten nicht ins Gewicht fallen würden.

Morddrohung gegen Bewohnerin

Diese juristisch korrekte Erklärung machte die Sorge um die eigene Sicherheit bei den Bewohnern des Hauses nicht unbedingt kleiner. Denn bei den eingestellten Vorfällen geht es um 14 Fälle von Hausfriedensbruch innerhalb von zwei Wochen im Januar 2025, aber eben auch um die angsteinflößende Drohung Speidels gegenüber Margarete Klein (Name geändert), einer Hausbewohnerin: Er werde sie ermorden, wenn er sie sehe.

Für die Polizei muss der Fall Bernd Speidel lange ein endlos erscheinendes Katz-und-Maus-Spiel gewesen sein. Sie verweist für Auskünfte an die Staatsanwaltschaft. Immer wieder entwischte Speidel durch die vielen Höfe im Stuttgarter Westen. Auf seine Weise „ist er ein Überlebenskünstler, der offenbar nichts zu verlieren hat“, beschreibt ein Hausbewohner die Situation. Mal posierte er vor den durch die Bewohner alarmierten Polizeibeamten auf einem Hausdach, mal versteckte er sich vor ihnen unter einem Haufen frischgemähten Grases.

Es geht in Fällen wie diesem auch um die Frage, wie psychisch kranken und obdachlosen Menschen geholfen werden kann, die Hilfe ablehnen, damit aber die Freiheit anderer Menschen enorm einschränken. Ja, die womöglich eine Gefahr für andere darstellen und ihnen durch ihr Verhalten Angst machen. „Solche Fälle haben deutlich zugenommen“, sagt Miriam Schiefelbein-Beck von der Caritas Stuttgart, die im Bereich offene Hilfen mit Obdachlosen arbeitet. Das Psychisch-Kranken-Gesetz setzt dem Handeln der Behörden jedoch enge Grenzen: In einer geschlossenen Einrichtung darf jemand nur untergebracht werden, wenn ein ärztliches Gutachten vorliegt, das ein Gericht beauftragen muss.

Margarete Klein schreibt in ihrer Antwort auf die Mitteilung der Einstellung an die Staatsanwaltschaft: „Muss ich erst verletzt oder gar umgebracht werden, bis es zu gerichtlichem Einschreiten kommt? Dann ist es allerdings zu spät für mich!“ Die 75-Jährige sieht den Gesetzgeber in der Pflicht, sich über Formen der Unterbringung von Gefährdern wie Bernd Speidel Gedanken zu machen. „Die Freiheit der Gefährder ist offenbar ein höheres Gut als das der Gefährdeten.“ Im Hinterkopf hat sie den Fall Luca aus Esslingen, wo die Drohungen eines Mieters gegen seinen Vermieter in einem Tötungsdelikt endeten.

Polizei sieht den ernst der Lage

Das ist das Bittere an der Sache: Vom Ende her betrachtet, lassen sich Eskalationsgeschehen oft rekonstruieren. Was man aber durch frühzeitiges Eingreifen vielleicht vermeiden könnte, lässt sich nicht erzählen. Es geschieht ja nicht. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die wenigsten psychisch auffälligen Menschen eine Gewalttat begehen.

Eine Polizeibeamtin hat Margarete Klein in einem Gespräch eine Broschüre zum Opferschutz gegeben und eine sogenannte Gefährdetenansprache mit ihr geführt, als Klein kurz vor Weihnachten im vergangenen Jahr Anzeige erstattet hatte. In der Notiz darüber steht der Satz: „Ihnen wurde ausführlich erklärt, dass der Polizei der zugrunde liegende Sachverhalt bekannt ist und die Gefährdungslage ernst genommen wird.“

Sturmläuten in der Nacht

Niemand kann genau sagen, wann es angefangen hat, dass Bernd Speidel den Hausbewohnern den Schlaf raubte, weil er sich in ihre Gedanken schlich oder ganz real mitten in der Nacht bei ihnen Sturm läutete, die Mülltonnen vor dem Haus auf die Straße warf oder in der Erdgeschosswohnung nachts an die runtergelassenen Rollläden mit den Fäusten hämmerte. Und niemand kann sagen, was wann in seinem Leben geschehen ist, dass es ihn irgendwann aus der Spur getragen hat. Keine Frage, es gibt Gründe, warum Bernd Speidel so lebt und handelt, wie er es tut. Dass er dabei auch selbst manchmal zum Opfer wird, hat eine der Hausbewohnerinnen beobachtet: Zwei Männer schlugen vor der Haustür auf den obdachlosen Mann ein. Blutüberströmt war er danach. Der Satz „Lass unsere Kinder in Ruhe“ soll dabei gefallen sein. Offenbar hat sich Bernd Speidel in der Nähe eines Spielplatzes aufgehalten. Den Tag, so sagen Hausbewohner, die ihn tagsüber sehen, verbringe er irgendwo in der Stadt. Auch auf der Königstraße. Bis er sich wieder einen sicheren Platz für die Nachtruhe sucht.

„Aber gibt ihm das alles das Recht, das Leben all der andern so einzuengen?“, fragt eine Bewohnerin. „Ich liebe meine Wohnung. Ich will hier bleiben“, sagt sie. Es gibt inzwischen Hausbewohner, die sich nach einer neuen Bleibe umsehen. Wer in einem oberen Geschoss wohnt oder kein Auto in der Tiefgarage hat, konnte vielleicht leichter und länger ausblenden, was im Keller geschah. Irgendwann im Sommer 2023 muss es wohl gewesen sein, dass alles anfing. Da entdeckten die Hausbewohner den Mann in einem der, durch Holzlatten voneinander abgetrennten, Kellerräumen. Es kam zu einem Streit, nachdem Bernd Speidel von mehreren Bewohnern aufgefordert worden war, ihr Haus nicht mehr zu betreten. Gleichzeitig kam es aber wohl auch durch andere Mitglieder der Hausgemeinschaft zu einer Duldung des Obdachlosen.

Feuer in Obdachlosenunterkunft

Zu diesem Zeitpunkt war Margarete Klein noch willens, Bernd Speidel zu helfen – und er ließ sich auf ihren Vorschlag ein, mit ihr zur Caritas zu gehen, um für ihn einen Übernachtungsplatz zu suchen. Doch dann brach in der Obdachlosenunterkunft der Stadt Stuttgart in der Hauptstätter Straße ein Brand aus. Der Impuls bei Bernd Speidel, sich helfen zu lassen, verpuffte dadurch offenbar für immer. Irgendwann Anfang 2024 kam er für einige Monate aus anderen Gründen in Haft. Weil er Margarete Klein verdächtigte, an seiner Inhaftierung schuld zu sein, kam es Mitte Dezember 2024 zu der Morddrohung. „Wenn ich sie sehe, ermorde ich sie“, rief er ihr nach. Danach spitzte sich die Lage zu.

Konfrontation an Heiligabend – „Ich fühle mich wie im Gefängnis“

An Heiligabend kam es zu einer weiteren Begegnung. Am Spätnachmittag wollte Klein die Wohnung verlassen, traf dort Bernd Speidel jedoch im Eingangsbereich. Ihn aus dem Haus zu drängen misslang der Rentnerin. Er war stärker, stand drohend vor ihr. Klein, die Morddrohung im Kopf, rief um Hilfe und flüchtete ins Treppenhaus. „Die Sorge, dass es zu schlimmeren, persönlichen Übergriffen gegen mich kommen könnte, belastet mich“, schreibt sie in einem Protokoll für die Hausverwaltung und das zuständige Polizeirevier noch am Abend des Tages, als im Januar 2025 die äußere Scheibe ihres Doppelglas-Küchenfensters zerstört worden war. Für sie steht der Täter fest: Bernd Speidel. Eine Zeit lang hantiert Margarete Klein in ihrer Erdgeschossküche nur mit runtergelassenen Rollläden.

In der Folge soll Bernd Speidel mit einer Holzlatte die Balkontür einer weiteren Erdgeschosswohnung zerstört haben. Die Bewohnerin dieser Wohnung verbarrikadiert sich seither bei Einbruch der Dämmerung hinter heruntergelassenen Rollläden. „Ich fühle mich wie im Gefängnis“, sagt sie. Der Bluthochdruck der Rentnerin ist weiter nach oben geschossen.

Angst vor der Tiefgarage

Eine andere Bewohnerin geht, nachdem sie ihr Auto in der Tiefgarage geparkt hat, nicht mehr durch den Verbindungsgang ins Treppenhaus, sondern über das Garagentor über die Straße durch die Eingangstür ins Haus. „Und das bei Wind und Wetter“, wie sie sagt. Eine andere bringt den Müll nur noch runter, wenn ihr Freund sie besucht. Eine weitere Frau, die in der Frühschicht arbeitet und mitten in der Nacht zur Arbeit aufbrechen muss, parkt nur noch auf der Straße. Zum Auto bringt sie ihr Mann, weil sie Angst hat, Bernd Speidel könne ihr auch dort auflauern. Ein weiterer Bewohner sagt: „Die Wohnung ist doch eigentlich unser Schutzraum. Aber das ist kein Safe Space mehr“.

Bernd Speidel ist während dieser Recherche dabei beobachtet worden, wie er vor einer Wohnung ein Paar Schuhe mitnimmt. Dabei hält er ein Tapeziermesser in der Hand. Ein solches Messer findet eine Bewohnerin später in der Hofeinfahrt.

Mit Messer im Haus unterwegs

Am 28. Mai wird Bernd Speidel festgenommen, diesmal beantragt die Staatsanwaltschaft Haft. Er steht zudem noch unter Bewährung aus einer Verurteilung wegen Gewalt gegen Vollstreckungsbeamte.

Speidel sitzt nun in Untersuchungshaft. Der Vorwurf: Diebstahl mit einem gefährlichen Gegenstand, wie eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft auf Anfrage bestätigt. Eine Gesprächsanfrage zur Sicht seines Mandanten auf das Geschehen, lässt sein Rechtsanwalt bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Im Haus im Stuttgarter Westen atmen sie erst einmal auf.