Ihnen gelang die Flucht vor den Nazis: Moritz Katz mit den Kindern Julius und Henny. Foto: Stolperstein-Initiativen/privat

Am 19. Mai wird sich die Zahl der Stolpersteine in Stuttgart auf 1077 erhöhen. Zum ersten Mal wird in der Landeshauptstadt auch eine Stolperschwelle verlegt.

Zweimal im Jahr, im Frühjahr und im Herbst, werden in Stuttgart  Stolpersteine für Menschen verlegt, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden – verbunden jeweils mit einer kleinen Gedenkzeremonie. Das ist ein Verdienst der Mitglieder der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen, die zuvor oft monatelang zu den einzelnen Biografien recherchiert haben. Sie machen damit die Menschen hinter den Namen sichtbar. Diesmal elf an der Zahl.

 

Auf der Dornhalde 8, Stuttgart-Degerloch: Stolperschwelle für Opfer der NS-Militärjustiz

Wenn Gunter Demnig, der Initiator des Erinnerungsprojektes am 19. Mai nach Stuttgart kommt, hat er außer elf quadratischen Gedenksteinen auch eine sogenannte Stolperschwelle dabei – die erste in Stuttgart. Sie wird auf dem Dornhaldenfriedhof verlegt und erinnert an die Opfer der NS-Militärjustiz, die auf dem dortigen ehemaligen Maschinengewehr-Schießstand hingerichtet wurden. Heute weisen nur noch Erhebungen im Gelände darauf hin, dass sich auf dem Gebiet des Dornhaldenfriedhofs fast 100 Jahre lang – von 1869 bis 1968 – ein militärischer Schießplatz befunden hat. Zwischen 1941 und 1945 wurden nach Recherchen von Bertram Maurer von der Stolperstein-Initiative Degerloch auf Stuttgarter Schießplätzen 32 Todesurteile durch Erschießen vollstreckt, davon mindestens 22 auf der Dornhalde. „Die Militärjustiz wurde vom NS-Regime als Disziplinierungsmittel für die Armee eingesetzt“, erklärt er. Todesurteile wurden verhängt für Diebstähle, Desertion, die Verweigerung des Dienstes an der Waffe und gleichgeschlechtliche Liebe. An das Schicksal der Erschossenen erinnert aktuell auch eine Ausstellung, die bis 8. Juni im Bezirksrathaus Degerloch zu sehen ist.

Verlegung: 19. Mai, 8.30 Uhr

Schlossstraße 23, Stuttgart-Süd: Stolpersteine für Max und Elsa Sontheimer

Ute Hechtfischer, Koordinatorin der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen und Margret Frenz haben sich mit dem Schicksal von Max und Elsa Sontheimer befasst. Max Sontheimer war demnach Inhaber der Firma Sontheimer & Cie, einer angesehenen Stuttgarter Großhandlung für Band- und Seidenwaren. 1901 heiratete er Elsa Levy aus Stuttgart. Das jüdische Paar wohnte in der Schlosserstraße 23, musste dann aber unter dem Druck der Nazis ausziehen und später zwangsweise nach Dellmensingen bei Ulm übersiedeln. Im August 1942 wurden Max und Else Sontheimer nach Theresienstadt deportiert und im September 1942 in Treblinka ermordet. Zur Verlegung werden auch Nachkommen der Sontheimers nach Stuttgart reisen.

Verlegung: 19. Mai, 9.15 Uhr

Hier werden die neuen Stolpersteine verlegt Foto: StZN/Yann Lange

Ludwigstraße 10, Stuttgart-West: Stolpersteine für Rosa, Moritz, Henny und Julius Katz

In der Ludwigstraße 10 in Stuttgart-West wird der Familie Rosa, Moritz, Henny und Julius Katz gedacht. Moritz und Rosa Katz stammten nach Recherchen von Marion Weber von der Stolperstein-Initiative Süd aus Galizien. In den 1920er Jahren führten sie in Stuttgart ein Schuhgeschäft. Die jüdische Familie lebte erst im Leonhardsviertel, später in der Ludwigstraße 10, wo 1925 Tochter Henny und 1929 Sohn Julius geboren wurden. Julius hatte das Glück, 1939 mit einem der sogenannten Kindertransporte nach England zu kommen. Die Eltern flohen nach Italien. Tochter Henny folgte später nach. 1941 gingen sie in die USA; zwei Jahre später folgte Sohn Julius; die Familie war wieder vereint. In den 1980er Jahren besuchte Henny Porter (geb. Katz) mehrfach Stuttgart. Im Januar 2025, kurz vor ihrem 100. Geburtstag, wurde sie deutsche Staatsbürgerin. Im August wird sie 101 – und ist laut ihrer Familie immer noch rüstig. Zu der Verlegung werden ein Sohn und ein Enkel von Henny Porter aus den USA anreisen.

Verlegung : 19. Mai, 9.30 Uhr

Zeppelinstraße 126, Stuttgart-West: Stolperstein für Margarete Nachmann

Margarete Nachmann wurde am 26. Januar 1873 als Margarete Gottheiner in Berlin geboren. 1898 heiratete sie den aus Stuttgart stammenden Kaufmann Rudolf Nachmann. 1919 kauften sie ein Haus in der Zeppelinstraße 126. Das kinderlose Paar, so hat Susanne Stephan von der Stolperstein-Initiative West herausgefunden, betrieb ein Galanterie- und Lederwarengeschäft. Nach dem Tod ihres Ehemanns 1930 führte Margarete Nachmann das Geschäft weiter, musste es auf Druck der Nazis dann jedoch aufgeben und sich von ihrem Haus trennen. Es folgte der Umzug in ein jüdisches Zwangsaltenheim in Buttenhausen. Im August 1942 wurde sie in das KZ Theresienstadt deportiert, vier Wochen später ins Vernichtungslager Treblinka, wo sie ermordet wurde. Auch in ihrem Fall reisen zur Stolpersteinverlegung Nachfahren an: Enkelin und Urenkelin ihres Bruders Alfred Gottheiner.

Verlegung: 19. Mai, 9.45 Uhr

Verweigerte den Dienst in der Wehrmacht: Reinhold Fränznick Foto: Familie Fränznick/Bulat

Schönbühlstraße 72, Stuttgart-Ost: Stolperstein für Reinhold Fränznick

Gudrun Greth von der Stolperstein-Initiative Ost hat sich mit dem kurzen Leben von Reinhold Fränznick beschäftigt: Als 17-Jähriger wurde er 1943 zur Wehrmacht eingezogen. Er trat den Kriegsdienst jedoch nicht an, warf seine Uniform in den Neckar und versteckte sich in einem Schuppen beim elterlichen Wohnhaus. Aufgrund der Denunziation einer Nachbarin wurde Fränznick verhaftet und ins Wehrmachtgefängnis Fort Zinna in Torgau gebracht. Als die Alliierten im April 1945 dort vorrückten, wurde die Anstalt geräumt und die Häftlinge auf einen 25-Kilometer-Marsch nach Brottewitz bei Mühlberg geschickt. Gemeinsam mit anderen unternahm Fränznick einen Fluchtversuch, der jedoch scheiterte. Am 20. April wurden sie zum Tode verurteilt und erschossen, nur einen Tag bevor die Rote Armee Brottewitz erreichte. Fränznick und seine Schicksalsgenossen hatten ihr eigenes Grab schaufeln müssen.

Verlegung: 19 Mai, 10 Uhr

Lauterburgstraße 2A, Feuerbach: Stolperstein für Hildegard Herzog

Auch Hildegard Herzog wurde in jungen Jahren umgebracht. Hildegard Wienand von der Stolperstein-Initiative Feuerbach hat sich mit ihr beschäftigt. 1918 wurde sie in Stuttgart-Feuerbach geboren. Als Kleinkind kam sie in die Werner’sche Kinderheilanstalt nach Ludwigsburg, 1924 in die Kinderabteilung im Gottlob-Weißer-Haus der Diakonissenanstalt in Schwäbisch Hall. Bei ihr waren Kinderlähmung und Hirnhautentzündung diagnostiziert worden. Im November 1940 beschlagnahmte die NSDAP das Gottlob-Weißer-Haus. In der Folge wurden 240 Frauen und Kinder in die Heilanstalt Weinsberg gebracht. Unter ihnen war auch Hildegard Herzog. Sie wurde am 2. Dezember 1940 nach Grafeneck auf die Schwäbische Alb „verlegt“ und dort nach der Ankunft ermordet. Den Nazis galt sie als „lebensunwertes Leben“.

Verlegung: 19 Mai, 10.30 Uhr

Gedenktafel am Gebäude der ehemaligen städtischen Kinderklinik in der Türlenstraße 22 Foto: Jan Sellner

Stammheimer Straße 94, Zuffenhausen: Stolperstein für Rudi Kleemann

Nur wenige Stunden durfte Rudi Kleemann leben. Der Säugling, so berichtet es Inge Möller von der Stolperstein-Initiative Zuffenhausen, wurde am Tag seiner Geburt, dem 31. Juli 1943, in der sogenannten Kinderfachabteilung der städtischen Kinderklinik in der Türlenstraße ermordet . Rudi Kleemann war eine Frühgeburt und hatte Trisomie 21, eine Genveränderung, aber keine Krankheit. Ab 1942 waren Hebammen und Ärzte aufgefordert, zu melden, wenn ein Kind mit Behinderungen geboren wurde. Um die Verbrechen im Rahmen der NS-„Kindereuthanasie“ zu verschleiern, stellten Ärzte damals gefälschte Sterbeurkunden aus. In dem ehemaligen Städtischen Kinderkrankenhaus in der Türlenstraße erinnert bereits eine Gedenktafel an mehr als 50 ermordete Kinder mit Behinderung. Der Arzt Karl-Horst Marquart deckte in seinen Büchern „Stuttgarter NS-Täter“ und „Behandlung empfohlen“ die Morde auf.

Verlegung: 19. Mai, 11.30 Uhr

Für sie wurde bereits ein Stolperstein verlegt: Emilie Levi Foto: Stolperstein-Initiativen/privat

Liebenzeller Straße 8, Bad Cannstatt: Stolperstein für Julie Levi

Julie Levi und ihre Schwester Emilie, für die bereits ein Stolperstein liegt, gehörten zu den städtischen Angestellten, die unter dem NS-Oberbürgermeister Karl Strölin 1934 entlassen wurden, weil sie jüdischer Herkunft oder aus anderen Gründen nicht mehr gewünscht waren und denen seit 2025 auch im Stuttgarter Rathaus gedacht wird. Julie Levi war seit 1926 als Beamtenanwärterin beim Wasserwerk beschäftigt, während ihre Schwester Emilie bei der sogenannten Stadtarztstelle, dem späteren Gesundheitsamt, angestellt war. Rainer Redies von der Stolperstein-Initiative Bad Cannstatt hat sich mit ihrem Lebensweg beschäftigt, der jäh abriss. Das letzte Lebenszeichen von Julie Levi stammt seinen Recherchen zufolge vom 1. Dezember 1941, dem Tag, an dem sie von der Sammelstelle auf dem Killesberg und dem Inneren Nordbahnhof aus nach Riga deportiert wurde.

Verlegung: 19 Mai, 17 Uhr

Geschichtsmagazin

Sonderheft
Im Magazin „Stuttgarter Stolpersteine“ erzählen Redakteurinnen und Redakteure unserer Zeitung Lebensgeschichten von Menschen, die während des Nationalsozialismus verfolgt wurden, weil sie jüdisch oder politisch unbequem waren, körperliche Einschränkungen hatten oder aus anderen Gründen nicht in das Menschenbild der Nazis passten. In Zusammenarbeit mit den Stolperstein-Initiativen hat unsere Redaktion ein Jahr lang Porträts von NS-Opfern aus Stuttgart veröffentlicht. Das Magazin „Stuttgarter Stolpersteine“ enthält eine Auswahl von 24 dieser bewegenden Lebensgeschichten. Erworben werden kann es in unserem Online-Shop zum Preis von 14,90 Euro unter: www.shop711.de