Es ist einzigartig: Mit den Häfners und den Mengons spielen gleich zwei Brüderpaare beim TVB Stuttgart oft gleichzeitig im Rückraum. Wo liegen die Vorteile, wo potenzielle Risiken?
Brüderpaare im Handball auf höchstem Niveau gibt es einige. Patrick und Marco Rentschler trugen den Dress der SG BBM Bietigheim, Martin und Wolfgang Strobel waren in Balingen aktiv. Uli und Michael Roth, Frank und Jörg Löhr, Philipp und Michael Müller spielten gemeinsam in der Bundesliga. Auf internationaler Bühne waren Alex und Daniel Dujshebaev, Niklas und Magnus Landin, Martim und Francisco Costa oder Nikola und Luka Karabatic zusammen am Ball. Die beiden Franzosen standen auch einmal mit den Gilles-Brüdern Bertrand und Guillaume im Kader der französischen Nationalmannschaft. Und in der italienischen Auswahl war dieser doppelte Doppelpack bei den Prantner-Brüdern Leo und Max und den Mengon-Zwillingen Simone und Marco der Fall.
Von daher sind die Mengons den Schulterschluss mit einem anderen Brüderpaar auf dem Spielfeld gewohnt. Dennoch ist die Geschwister-Dynamik beim TVB Stuttgart noch mal faszinierender. Denn dass zwei Brüderpaare in einem Proficlub bisweilen im Alleingang den Rückraum regieren, das gibt es nur beim Handball-Bundesligisten. „Mir fällt kein vergleichbares Beispiel ein, da haben wir ein Alleinstellungsmerkmal“, sagt TVB-Geschäftsführer Jürgen Schweikardt vor dem Heimspiel am 29. März (16.30 Uhr/Porsche-Arena) gegen den TBV Lemgo Lippe. Das Zusammenspiel von Simone und Marco Mengon (beide 26) mit Kai (36) und Max Häfner (29) als Quartett im Rückraum macht das Spielsystem von Trainer Misha Kaufmann möglich, der meistens ohne Kreisläufer agieren lässt.
Schweikardt sieht in der ungewöhnlichen Konstellation vor allem beim Thema Integration ins Team große Vorteile: „Marco hatte bei seinem Wechsel im vergangenen Februar zu uns alle Infos aus erster Hand von Simone und war sofort integriert. Auch Kai tat sich 2023 nach seinem Wechsel aus Melsungen zu uns leichter, da Max schon da war.“
Ein Blick, eine Geste genügt
Überhaupt spielt die Kommunikation eine wichtige Rolle. Häufig erfolgt sie unter Brüdern intuitiv, da sie oftmals schon in der Kindheit gemeinsam spielten. „Man weiß wie der andere tickt. Ein Blick, eine Geste genügt und man weiß, was ansteht. Das hilft, darauf zu reagieren“, sagt Kai Häfner. Es entstehen leichter Automatismen, es herrscht oftmals „blindes Verständnis“ für Laufwege und Spielzüge. Brüderpaare können als „Anker“ im Team dienen.
Zudem kennen Brüder die Stärken und Schwächen des anderen perfekt. Eine besonders vertraute Bezugsperson kann speziell in Drucksituationen für emotionale Stabilität sorgen. „Es ist schön zu wissen, dass jemand ganz besonders hinter einem steht, auf und außerhalb des Spielfeldes“, sagt Kai Häfner. „Es gibt schon Sicherheit, wenn man weiß, dass man sich zu 100 Prozent auf den Bruder verlassen kann“, ergänzt Marco Mengon.
Potenzielle Gefahren
Potenzielle Risiken gibt es auch. Theoretisch besteht die Gefahr der Cliquenbildung. Wenn sich zwei Brüderpaare zusammen tun, kann dieser Verbund ein Viertel des Kaders ausmachen. Für Max Häfner ist dies blanke Theorie: „Es ist doch nicht so, dass man als Bruder nur am Arsch des anderen klebt“, formuliert er es salopp. Denkbar wäre auch, dass sich Brüder gegenseitig eher „beschützen“, statt konstruktiv zu kritisieren.
Kai Häfner hält dagegen: „Als Brüder tauscht man sich auch abseits der Platte inhaltlich über verschiedene Themen noch intensiver aus, man sagt sich auch noch direkter die Meinung und nimmt kein Blatt vor den Mund.“ So sieht das auch sein jüngerer Bruder Max: „Man geht eher strenger ins Gericht mit seinem Bruder, aber das hält eine solch gewachsene Beziehung aus.“ Dass ein mögliches Versagen des einen Bruders den anderen emotional belastet, haben beide noch nicht erlebt.
Genauso wenig, dass private Konflikte ins Team getragen werden. Jürgen Schweikardt sieht das differenziert: „Solche Konflikte können immer passieren, doch das ist dann auch nicht anders, als wenn dies bei gut befreundeten Spielern erfolgt. Die Gefahr sehe ich bei Brüdern nicht als größer an“, sagt der 45-Jährige. Der TVB-Macher selbst spielte mit seinem jüngeren Bruder einst unterklassig beim TV Bittenfeld zusammen. In seiner Funktion als Geschäftsführer verantwortete er die Trennung von Michael Schweikardt (43) als Trainer, was die Beziehung bis heute – vorsichtig formuliert – belastet.
Bleibt noch die Frage, wie es mit der Verwechslungsgefahr aussieht. „Bei mir und Max gibt es frisurentechnisch leichte Unterschiede“, sagt Kai Häfner mit einem Schmunzeln, „bei den Mengon-Zwillingen tun sich Schiedsrichter und Zeitnehmertisch schon schwerer.“ Bisweilen auch die Trainer, was eine Geschichte aus der italienischen Jugend-Nationalmannschaft belegt, die Marco Mengon mit einem Schmunzeln erzählt: „Mein Zwillingsbruder und ich mussten verschieden farbige Schuhe tragen, damit der Trainer uns unterscheiden kann. Einmal tauschten wir jeweils einen Schuh aus, der Coach war komplett verwirrt, und alle haben herzhaft gelacht.“
Zumindest ihre weitere Karriere hat das Späßchen nicht negativ beeinflusst.