Keine Klassenarbeiten, Clubs statt Nebenfächer, ein ungewöhnliches Belohnungssystem: In der Schickhardtgemeinschaftsschule wird in der fünften Klasse ein Konzept erprobt, das maximal auf Selbstständigkeit setzt. Wie funktioniert das? Und: funktioniert das?
Wie bekommt man müde Schüler munter? „Freeze“, ruft Emilia Bodenschatz zu Beginn der ersten Stunde. Ihr gegenüber stehen 23 Mädchen und Jungen aus den fünften Klassen der Schickhardtgemeinschaftsschule auf Strümpfen – bereit für ein Workout mit Musik. Los geht’s! Kurz Aufwärmen, dann wird es knackig: „Bring Sally up, bring Sally down“, schallt es aus dem Lautsprecher. Die Bewegung folgt der Musik: bei „down“ gehen alle runter in den stabilen Sitz, bei „up“ hoch. Was ein Junge „easy“ findet, überfordert viele – denn das „down“ zieht sich. „Es muss brennen“, ruft Emilia Bodenschatz. Ein Mädchen mit langen Haaren stöhnt. Ob sie es bereut, ihre Wäscheklammer an diese Tür geklemmt zu haben?
Jeden Morgen dürfen die Fünftklässler entscheiden, wie sie ihren Schultag beginnen, wie sie in 45 Minuten „ankommen“ wollen. Um 7.45 Uhr schwärmen sie aus und klemmen ihre mit Namen beschriftete Wäscheklammern an Türen. An diesem Mittwoch können sie beim Stretching mit Emilia Bodenschatz schwitzen, in der „Ruhe-Oase“ ihre Bauchmuskeln bei Pilates spüren. Sie können kreativ werden im Kunstatelier und im Klassenzimmer der 5b über Nachrichten diskutieren. Oder sie lesen – in der Bibliothek auf dem Sofa oder auf einem der Sitzsäcke auf dem Flur. Lesen ist nicht ganz freiwillig: „Zweimal die Woche muss man Lesen“, wie Andrijana aus der 5a erklärt, die an diesem Morgen zur Lesegruppe gehört.
Inspiriert von der mit dem Schulpreis ausgezeichneten Alemannenschule
Das „Ankommen“ ist Teil des neuen Lernkonzepts, das die Gemeinschaftsschule in der fünften Klasse eingeführt hat. Wie kann man Kinder dazu bringen, selbstständig zu lernen? Wie kann man sie individuell fördern? Und wie verlieren sie nicht den Spaß? An der Schickhardtschule glaubt man, den Schlüssel gefunden zu haben. Inspiriert von der mit dem Deutschen Schulpreis geadelten Alemannenschule erproben sie die in Wutöschingen praktizierte Revolution des Lernens seit September in Stuttgart. Die Notwendigkeit, mit dem „bestehenden System“ zu brechen, hätten sie schon länger gesehen, um der großen Bandbreite der Schülerschaft besser gerecht zu werden, erklärt der stellvertretende Schulleiter, Lutz Holzwarth. Dazu gehöre: Sich als Lehrkraft zurückzunehmen und „eher einzeln“ auf die Kinder zuzugehen.
Die Stunde des „Ankommens“ ist um. Andrijana macht sich auf dem Weg in ihr „Lernatelier“, wie ihr Klassenzimmer heißt. Das sieht ungewöhnlich aus. Einzeltische und Schränke stehen verschachtelt in einem mit Pflanzen und Kuscheltieren dekorierten Raum. Die Tische haben einen Sichtschutz, sodass jeder seine eigene Parzelle hat. Andrijana hat ihren Namen in Schnörkelschrift an die Seite ihres Platzes geklebt. Ihre Mitschülerin Anna hat sich das Lied „Versuch’s mal mit Gemütlichkeit“ aufgehängt. Andere haben ihre Plätze mit Fußball-Vereinswappen verziert. Die Aufbauten sind selbst gezimmert. Im Juli hätten sie sich für das neue Lernkonzept entschieden – zu spät für 120 neue Möbel auf offiziellem Weg. Weil sie unbedingt im September starten wollten, griff Lutz Holzwarth in den Sommerferien kurzerhand zur Säge. Das für die Fünfte zuständige Lehrerteam übernahm das Schmirgeln.
Die Schüler lernen selbstständig, die Lehrer geben „Inputs“
Suna Bulgan kommt in Schlappen ins Klassenzimmer. Denn in der fünften Klasse tragen alle Hausschuhe – Kinder und Lehrkräfte. „Fünf, vier, drei, zwei, eins“, ruft die Klassenlehrerin um kurz nach halb neun und begrüßt ihre Schüler. „Guten Morgen Frau Bulgan und alle miteinander“, schallt es ihr entgegen. Sie sollten „einfach normal weitermachen“, sagt sie. Schranktüren werden aufgeklappt. Abdoulie und Anna holen ihre Mathebücher, Andrijana ihren Lernplaner. Suna Bulgan geht durch die Klasse, um bei Bedarf zu helfen. Die meisten arbeiten aber alleine – und das erstaunlich leise. Sie rechnen oder beugen sich wie Adam über ihr Deutschheft. Andrijana wiederum notiert sich gerade ihre Lernziele für die nächsten Tage. Auch das gehört zum selbstständigen Lernen dazu.
In der zweiten bis sechsten Stunde teilen sich die Kinder selbst ein, welche Lernpakete sie in den Fächern Deutsch, Mathe und Englisch bearbeiten wollen. Wer will, könnte sich auch den ganzen Vormittag nur mit Mathematik beschäftigen. Unterbrochen werden die Lernphasen von sogenannten Inputs durch die Lehrkräfte. Nicht alle sind verpflichtend. An diesem Vormittag zum Beispiel bietet der Mathelehrer Tobias Rapp in der Bibliothek eine Einheit an, um die Multiplikation zu wiederholen. Wer meint, dass er das nicht braucht, muss nicht kommen. Sechs Kinder aus zwei Klassen sind diesmal dabei.
Wer sich an die Regeln hält, steigt im System auf
Klassenarbeiten gebe es in Klasse Fünf keine mehr, berichtet die Schulleiterin Sandra Vöhringer. Die Kinder schrieben ihre Lernnachweise individuell. Vorgegeben ist nur der Zeitraum, in dem das geschehen muss. Einmal die Woche sei Lerncoaching, da schaue die Lehrkraft, ob die Ziele denn auch eingehalten werden. Zentral im Konzept: Die Fünftklässler können sich – unter Bedingungen – aussuchen, wo sie lernen wollen. Tatsächlich wird an diesem Vormittag überall auf dem Stockwerk gelernt, nicht nur in den Lernateliers. Schülerinnen und Schüler liegen auf Sitzsäcken und Matten auf dem Flur oder sitzen dort an Tischen. In der Bibliothek fragen sich Jungen im Tandem Englischvokabeln ab, andere sitzen mit ihren Heften an Tischtennisplatten und arbeiten dort. Wer wo lernt, hängt vom Status ab.
Was das heißt? Vier Mädchen, darunter Andrijana, bitten zur Erklärrunde in die Ruhe-Oase. Alle vier sind „Senkrechtstarterinnen“. Das heißt, sie können sich besonders gut an Regeln halten und selbst organisieren. Das System baut auf einer Graduierung auf: Es gibt die Starthilfe, Neustarter, Starter und Senkrechtstarter. Das Prinzip ist simpel: Wer sich an die Regeln hält, steigt auf, wer dagegen verstößt, verliert Privilegien oder muss in die Starthilfe. Alles wird vertraglich festgehalten. Der Lernstatus hat zudem nichts mit dem Lernniveau zu tun, auf dem ein Kind lernt – ob auf grundlegendem, mittlerem oder erweitertem Niveau.
Aus der Starthilfe kommt man nicht so schnell wieder raus
„Am Anfang sind alle Neustarter“, erklärt Elena aus der 5c. Neustarter lernten im Lernatelier, dürften aber mit einer „Erlaubniskarte“ der Lehrkraft für eine halbe Stunde auf den „Marktplatz“ (Flur, Bewegungsraum, Bibliothek). Starter dürften sowohl im Lernatelier als auch auf dem Marktplatz lernen. Mithilfe der Wäscheklammer müssten sie aber den Lernort an einem Schild an der Tafel markieren, erklären die Schülerinnen. Die meisten Privilegien hätten Senkrechtstarter. Sie dürfen sich überall im Schulhaus inklusive Hof frei bewegen und als einzige in der Ruhe-Oase lernen.
Und die Starthilfe? Da wolle man nicht sein, sagt Elena. Aus ihrer Klasse seien gerade drei Jungs dort, erzählt ihre Mitschülerin Emmy . Dreimal standen deren Namen an der Tafel, weil sie sich daneben benommen hätten. „Jetzt ärgern sie sich“, meint dazu Andrijana. Denn aus der Starthilfe komme man nicht so schnell wieder raus. Frühestens nach vier Tagen dürfe man wieder zurück – wenn man die entsprechenden Unterschriften vorweisen könne. Die Senkrechtstarterinnen finden das abschreckend. Später zeigen sie den Raum der Starthilfe, einen Stock tiefer. Glücklich sehen die vier Jungen dort nicht aus. Sie sitzen weit auseinander an Einzeltischen. Ihr entscheidendes Vergehen: „Papierflieger fliegen lassen“. Was sie nicht erwähnen: Es stand auch noch etwas Beleidigendes drauf. „Aus Fehlern muss man lernen“, findet Andrijana.
Clubs ersetzen die Nebenfächer
Die Elfjährige fühlt sich wohl an ihrer Schule. Diese sei „viel cooler“ als ihre Grundschule. Denn: „Hier gibt es mehr Freiheit.“ Elena findet es „nicht so anstrengend wie früher“ in der Grundschule, weil sie nun keine klassischen Tests mehr schreiben. Sie spiele Handball und tanze. Montags und dienstags habe sie keine Zeit zum Lernen. Seit sie selbst bestimmen könne, wann sie ihre Lernnachweise schreibt, sei es für sie viel entspannter. Außerdem gefallen ihr die Clubs am Nachmittag. Später gehe sie zum Beispiel mit ihrem Ethik-Club in ein Pflegeheim, um mit alten Menschen zu spielen.
Die Clubs ersetzen die Nebenfächer. Sie finden nachmittags statt. „0711 statt 0815 – Stuttgart, Deine Stadt“, heißt ein Angebot, in dem sich Lerninhalte aus Geografie verbergen. Der Club „Reise um die Welt“ ist an Kunst angelehnt. Es gibt einen Football-Club, einen Imker- und einen Waldentdecker-Club, in dem gerade Pilze gezüchtet werden.
Lehrkräfte berichten von weniger Stress und mehr Freizeit
„Wir vertrauen unseren Schülerinnen und Schülern“, sagt der Englischlehrer Thomas Brörken. Er hat die Fünftklässler zu ihrem Lernverhalten befragt: 70 Prozent gaben an, „häufig“ sowie „selbstständig“ an ihren Lernpaketen zu arbeiten. Der Großteil habe „Spaß“ am Lernen. Außerdem hätten drei Viertel angekreuzt, sich „gesehen“ und „wertgeschätzt“ zu fühlen. Emilia Bodenschatz ist ebenfalls begeistert vom neuen Konzept. Sie berichtet von „tollen Lernentwicklungsgesprächen“ und Eltern, die „noch nie so ein gutes Zeugnis“ in der Hand gehalten hätten. „Eine Mutter musste ihr Kind in der Grundschule aus dem Bett scheuchen – jetzt will es in die Schule.“ Auch wenn viel Zeit in die Erstellung der Lernpakete fließe, für sie als Lehrkräfte sei das neue Konzept entlastend, ist die einhellige Meinung im Lehrerzimmer. „Für mich ist es viel entspannter, mein Stresslevel ist gesunken“, sagt Thomas Brörken.
Natürlich gebe es auch Kinder, die sich schwer täten mit der Selbstständigkeit. „Da sind wir dran, das wird Zeit brauchen“, sagt die Schulleiterin Sandra Vöhringer. Ablenkungsbereite Kinder profitierten ihrer Ansicht nach von dem neuen Konzept. Im Lernatelier werde maximal geflüstert und die Arbeitsplätze seien gut abgeschirmt. Klar sei: „Ohne Lerncoaching ginge es nicht.“ Sie ist optimistisch. Der Pilot werde auf jeden Fall fortgeführt. Auch nächstes Schuljahr soll die Revolution weiter gehen.