In Feuerbach hat das Nagare eröffnet. Der Inhaber und Koch Shinichi Nakagawa arbeitete zuvor in der Wielandshöhe und im Top Air. Nun wagt er im Teil-Lockdown den Schritt in die Selbstständigkeit.
Stuttgart - In diesen Tagen gibt es wenig Erfreuliches zu berichten aus der Gastronomie. Umso mehr ist man überrascht, wenn im neuen Lockdown eine Neueröffnung zu verzeichnen ist: In der ersten Dezemberwoche hat das Nagare in Feuerbach seinen Betrieb aufgenommen. Den Untertitel „feine japanische Küche“ trägt das kleine Restaurant aus gutem Grund. Der Inhaber und Küchenchef Shinichi Nakagawa ist zwar ein Quereinsteiger, aber vor seinem Schritt in die Selbstständigkeit arbeitete er in zwei Stuttgarter Sternerestaurants: in der Wielandshöhe und im Top Air.
Im Kicho seine Frau kennengelernt
Nagare, so heißt der kleine Ort beziehungsweise Straßenzug, in dem Nakagawa vor 36 Jahren geboren worden ist. In Japan machte er auch seinen Bachelor of Arts, aber in seinem Job als Designer habe er bald gemerkt: „Ich wollte mich anders selbst verwirklichen.“ Der Weg zur Selbstständigkeit war dennoch weit: Nach sechs Jahren in einem Restaurant in Japan war er bei einem befreundeten Küchenmeister im Stuttgarter Kicho gelandet. Dort blieb Nakagawa weitere sechs Jahre und lernte seine heutige Frau Kanako kennen, die im Service arbeitete. Dann bewarb er sich bei Sternerestaurants und hat als erstes den Zuschlag von Vincent Klinks Wielandshöhe bekommen. „Dort habe ich viel über die europäische Küche gelernt, über Bioprodukte und die Verwertung von Fleisch“, sagt Nakagawa.
Marco Akuzun hat einen Topmitarbeiter verloren
Als er ins Top Air im Flughafen wechselte, ging es vor allem darum, die Technik weiter zu verfeinern. Zwei Jahre war er beim Küchenchef Marco Akuzun, der voll des Lobes ist und den Weggang von Nakagawa sehr bedauert. „Er war ein Topmitarbeiter, derjenige, der sich in zwei Jahren am meisten entwickelt hat“, sagt Akuzun. Deswegen durfte Nakagawa im Top Air mit selbst geschriebenen Menüs japanische Abende gestalten, untermalt von der Klaviermusik seiner Frau, die an der Musikhochschule Stuttgart studiert hatte.
Japanische Abende mit Klaviermusik geplant
Wenn es erst einmal richtig läuft, wird es so etwas vielleicht auch im Nagare geben, ansonsten ist Kanako Nakagawa für den Service zuständig. Derzeit gibt sie nebenbei online Klavierunterricht und kümmert sich um die 14 Monate alte Tochter Karin – ein auch in Japan gebräuchlicher Name. Unterstützung in der Küche gibt es durch Ai Yamamoto, die zuvor im Kurose und Yakiniku arbeitete. Die Weine stellt Bernd Kreis zusammen.
Momentan kann man sich im Nagare das Essen natürlich nur abholen. Die Lage des mehrere Jahre leer stehenden Lokals, das die Nakagawas renoviert haben, ist zwar ziemlich weit draußen an der Feuerbacher-Tal-Straße. Aber schließlich hat schon das schräg gegenüberliegende Restaurant Körle und Adam bewiesen, dass man mit einem besonderen Angebot auch hier ein Anziehungspunkt sein kann.
Aber bis dahin ist es immer noch ein weiter Weg für Shinishi Nakagawa, der einen hohen Anspruch hat und viel mehr kann als Sushi to go. Das dominiert zwar die Karte, auf der sich aber zum Beispiel auch ein Curry mit Rinderzungen-Ragu befindet. Und wenn man Nakagawa dabei zuschaut, wie er mit einem langen Messer Fisch filetiert, ahnt man, was noch alles in ihm steckt.
Erst recht, wenn er eine kleine Probierportion mit Carpaccio vom Hamachi anrichtet, mit Apfel- und Sojagel, Rettich- und Kürbissalat, Blutampfer und Ponzu-Vinaigrette. „Ponzu konnte er schneller und besser als ich“, sagt sein ehemaliger Chef Marco Akuzun rückblickend, der ihn beim Waren- und Geräteeinkauf beraten hat und alles Gute wünscht. Denn eines ist auch klar: Shinishi Nakagawa braucht einen langen Atem – wie derzeit jeder Koch und Gastronom.