Beim Co-Parenting steht nicht die Liebe zum Partner im Vordergrund. (Symbolbild) Foto: Mauritius

Immer mehr Single-Frauen suchen im Netz keinen Partner, sondern nur den Vater ihres Wunschkindes. Ziel ist eine Elternschaft in aller Freundschaft.

Stuttgart - Ich will nicht mehr warten!“ Als Kathrin sich das eingestand und ihre Entscheidung traf, fühlte sie sich wieder wie sie selbst. Eine Frau im Fahrersitz ihres Lebens, das Lenkrad fest in der Hand. Ihre Eltern haben ihr das so beigebracht: Finde heraus, was du willst – und dann tu es. Kathrin (Name geändert) will ein Kind. Sie ist 36 Jahre alt, eine erfolgreiche Frau aus Stuttgart, mit Lippenstift und Karriere. Aber sie hat keinen Mann an ihrer Seite. Ihre letzte lange Beziehung liegt eine Weile zurück, danach gab es Versuche und Affären, doch jemand, der es ernst meint, war nicht dabei. Kathrin ist eine attraktive Frau. Früher dachte sie, sie würde eine Hochzeit in Weiß haben, danach Haus und Kinder. Heute ist sie pragmatischer.

Kathrin sucht ihren Mann fürs Leben jetzt im Internet. Allerdings geht es nicht um Liebe. Mr. Right kann sie später noch treffen, mit 45 oder 60 Jahren. Kinder gebären kann sie nur jetzt. Darum sucht sie einen Mann, mit dem sie ein Baby bekommen und großziehen kann. Auf freundschaftlicher Basis, ohne Sex. Bis vor wenigen Monaten wusste sie gar nicht, dass das geht. „Ich hatte einfach nicht im Kopf, dass es auch Männer mit unerfülltem Kinderwunschgibt, die mehr sein wollen als nur Samenspender“, sagt sie. Das Konzept hat einen Namen: Co-Parenting, auf Deutsch Co-Elternschaft.

Was in homosexuellen Kreisen bekannt ist, wird zunehmend für heterosexuelle Singles interessant. Menschen, die miteinander keine Liebesbeziehung haben, tun sich zusammen, um ein Kind zu zeugen und gemeinsam dafür zu sorgen. In den USA oder Großbritannien florieren entsprechende Online-Portale schon länger. Der amerikanische Anbieter Modamily hat 20 000 Mitglieder, 80 Prozent davon sind heterosexuell, mehr als zwei Drittel sind Frauen. Auch in Deutschland hat sich ein Markt entwickelt. Die beiden Portale Co-eltern.de und Familyship.org haben zusammen rund 10 000 Mitglieder. Kathrin ist seit einigen Monaten auf Familyship angemeldet. Wie beim Online-Dating legt man sich ein Profil an, knüpft Kontakte, verabredet sich.

Die Dates mit einem Co-Parent verlaufen unromantisch

Kathrins erstes Date mit einem potenziellen Vater ihres Kindes fand in einem Museum statt. Glatte Böden und helle Räume, ein neutraler Ort zum Flanieren und Reden. Er fragte: „Hattest du eine gute Anreise?“ Sie fragte: „Wie war dein Tag?“ Beide fanden sich sympathisch, sogar attraktiv. Im Museumscafé auf dunklen Ledersesseln fragten sie sich: „Wie willst du dein Kind erziehen? Wie wichtig sind dir gemeinsame Aktivitäten und Mahlzeiten zu dritt? Bist du religiös? Soll das Baby getauft werden?“

Dates mit einem Co-Parent sind direkt. Es geht sofort um die wichtigen Fragen. Unromantisch? Ja. Aber authentisch. Im besten Fall machen sich zwei Menschen bewusst Gedanken und treffen eine Entscheidung. Von so manchem One-Night-Stand, aus dem eine Schwangerschaft folgt, kann man das nicht behaupten. „Mein Ziel ist, alles zum Wohl des Kindes zu machen“, sagt Kathrin. Deswegen wollte sie keinen Samenspender. Das Kind soll seinen Vater kennen.

In einer Gesellschaft, in der die Halbwertszeit von Beziehungen rasant abnimmt, jede dritte Ehe geschieden wird und immer mehr Singles leben, scheint Co-Parenting eine logische Erweiterung bestehender Familienmodelle zu sein. Warum entscheiden sich Menschen dafür? Ist diese Art der Elternschaft ein Resultat zunehmender Bindungsangst? Oder das genaue Gegenteil: eine neue Form von bewusst gestalteter Beziehungskultur?

Eine Liebesbeziehung ist unnötig für das Kindeswohl

Die Wissenschaft weiß noch nicht viel darüber zu sagen. „Das ist ein ganz neues Konzept, es gibt keine Studien dazu“, sagt die Psychologin Petra Thorn. Sie ist Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Kinderwunschberatung. Für sie handelt es sich hier um eine „postmoderne Familienform, die sich im gelebten Leben noch bewähren muss“. Um die Kinder müsse man sich jedenfalls keine Sorgen machen. „Wenn die Eltern gut mit der Situation umgehen und dazu stehen, kommen auch die Kinder gut damit zurecht.“

So sieht das auch Anja (auch ihr Name ist geändert) aus Köln. „Damit es dem Kind gut geht, braucht es eine gesunde Beziehung zwischen den Eltern. Aber das muss keine Liebesbeziehung sein“, sagt sie. Anja ist 39 Jahre alt und schwanger. Im Juli wird ihr Sohn geboren. Er ist schon jetzt ein munteres Kerlchen, tritt Dellen in den Bauch der Mutter. Die Co-Väter haben noch nicht das Glück gehabt, das zu beobachten. Sie wohnen zehn Fußminuten entfernt. Anja hat das homosexuelle Paar auf Familyship kennengelernt, es war Zufall, dass sie Nachbarn sind. Bevor sie sich entschieden, fuhren sie in den Urlaub. Denn was ist besser geeignet, um herauszufinden, ob es zwischenmenschlich passt? Ein halbes Jahr nach dem Kennenlernen zeugten sie ihren Sohn. Der leibliche Co-Vater kam zu Anja in die Wohnung, sie verzichteten auf Tamtam und blumige Gespräche, er verschwand im Bad, kam mit einem Becher voller Sperma heraus, sie nahm den Becher und ging ins Schlafzimmer. Es klappte sofort­.

Das Sorgerecht werden sich der leibliche Vater und Anja teilen. Denn die Gesetze kennen kein Co-Parenting. Ein Kind hat immer nur zwei Eltern, der Dritte im Bunde hat das Nachsehen und ist auf das Wohlwollen der leiblichen Eltern angewiesen, sollte es zu einer Trennung kommen. „Genau genommen bauen wir bewusst eine Scheidungsfamilie auf“, sagt Anja. „Mit dem Unterschied, dass wir uns als Eltern super verstehen und auch alle zusammen Unternehmungen machen werden. Denn es gibt keine verletzten Eitelkeiten wie bei gescheiterten Liebesbeziehungen.“

Auf den Online-Plattformen tummeln sich viele Spinner

Es ist das am meisten angeführte Argument für Co-Parenting. Irgendwie klingt es nach Vermeidungsverhalten. Bloß keinen Herzschmerz riskieren! Anja hat sich aber auch deshalb für eine „gesunde, unkomplizierte Freundschaft“ entschieden, weil Babys oft genug geboren werden, um eine brüchige Beziehung zu retten. Sie will kein Kind, um die Liebe zu einem Partner zu erhalten. Ein bisschen Romantik ist also doch im Spiel, in Form des Versprechens auf respektvollen Austausch bis in alle Ewigkeit. Das scheint Ex-Paaren und sogar Paaren nicht mehr unbedingt zugetraut zu werden.

Die Amerikanerin Rachel Hope aus Los Angeles hat einen ganzen Ratgeber über Co-Parenting geschrieben: „Family By Choice“. In den USA gilt sie als Pionierin. Sie hat zwei Kinder von zwei verschiedenen Co-Vätern, ihr ältester Sohn ist schon 25 Jahre alt. Rachel, heute 44, hat sich aus Idealismus für das Modell entschieden. Sie und ihr erster Co-Partner Glenn stammen aus Scheidungsfamilien. Sie wollten es unbedingt anders machen als ihre Eltern und Stiefeltern. Doch was nützen Kopfentscheidungen, wenn der Hormoncocktail einsetzt und es um eine existenzielle Bindung geht, wie die zweier Menschen, die durch ein Kind lebenslang vereint sind?

Rachel sucht nun den dritten Co-Vater auf moderne Weise – erstmals nicht im Freundeskreis, sondern über die Online-Plattform Modamily. Und ist entsetzt über die Oberflächlichkeit. „Schätzungsweise 80 Prozent sind Verzweifelte und Spinner. Sie wollen nur Sperma haben oder welches spenden“, sagt Rachel. „Nur für 20 Prozent ist das Modell Co-Parenting eine durchdachte, bewusste Entscheidung.“ Ihre Faustregel: Vor der Zeugung sollte man sich mindestens zwölf Monate Zeit nehmen, um einander kennenzulernen.

Jochen König, ein 34-jähriger Single aus Berlin, hat demnach alles richtig gemacht. Er hat seine zweite Tochter mit einer ehemaligen Studienkollegin bekommen, die in einer lesbischen Partnerschaft lebt. Ein Jahr lang tauschten sie sich über Werte und Erziehung aus, dann zeugten sie ihr Baby per Bechermethode. Die Tochter Lynn ist jetzt eineinhalb Jahre alt. Jochen hat schon eine 7-jährige Tochter. In ihre Mutter war er sehr verliebt, doch die Beziehung zerbrach. Mit Lynns Co-Müttern hat er einen ausgeklügelten Betreuungsplan. Es gibt ein Google-Dokument mit den Terminen und eine Whatsapp-Gruppe, in der die drei sich austauschen und Fotos teilen. „Meistens ist ein Elternteil für Lynn da, der nicht schon seit Tagen unausgeschlafen und ohne Kontakt zur Welt außerhalb des Babykosmos auf dem Zahnfleisch geht, sondern sich nach freien Tagen wieder riesig auf die Zeit mit ihr freut“, so Jochen. Und er fügt hinzu: „Für mich war es die richtige Entscheidung. Es ist manchmal anstrengend, aber ich bin glücklich.“ Der Rest wird sich zeigen. Es liegt noch ein ganzes Leben Co-Elternschaft vor ihm.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: