Auch wenn die Abfahrt vom Baustellen-Hauptbahnhof nicht immer vergnüglich ist – die Stuttgarter sind auf Fernstrecken der Bahn treu. Foto: Christoph Schmidt/dpa

Ist die Bahn bei Fahrten von City zu City wirklich das beliebteste Verkehrsmittel? Dieses Ergebnis hat der Mobilfunkanbieter O2 vor kurzem präsentiert. Hier exklusive Daten zu Stuttgart – und eine Erklärung.

Wird Deutschland trotz kriselnder DB vom Auto- zum Bahnland? So konnte man beim ersten Hinsehen die meist unhinterfragt verbreiteten Erkenntnisse aus einer aktuellen Auswertung von Mobilfunkdaten des Anbieters O2 interpretieren. Denn im Verkehr zwischen deutschen Großstädten ist die Bahn, wenn man den Daten glauben will, mit Abstand das beliebteste Verkehrsmittel. Exklusiv liegen unserer Zeitung nun zusätzliche Daten zu Stuttgart vor. Wie verlässlich sind die Resultate – und was kann man wirklich daraus lernen?

 

Eindrucksvoller Bahnanteil auf langen Strecken

Auf den ersten Blick sind auch die Marktanteile von und nach Stuttgart eindrucksvoll, insbesondere auf größeren Distanzen. Egal wohin, nach Norden, Westen oder Osten – der Zug hat gegenüber Auto und Flugzeug klar die Nase vorn. Rekordverdächtig ist das mit 72 Prozent Marktanteil Richtung Berlin. Immerhin im Zweidrittelbereich liegen auch Leipzig (66 Prozent), Köln (65), Düsseldorf (63), Essen (60) und Dortmund (59).

Schwächer schneiden trotz schneller ICE-Strecken die Mitteldistanzen Stuttgart-Frankfurt (55 Prozent) und Stuttgart München ab (47). Wobei hier auf den 200 Kilometern nach Frankfurt sogar sechs Prozent Fluggäste auftauchen. Das sind aber ausschließlich Umsteiger am Flughafen Frankfurt. In der Statistik für München, dem zweitgrößten Umsteigeflughafen Deutschlands, findet man sie nicht – wohl weil der weitab des Stadtgebietes liegt.

Und noch eine Verzerrung gibt es: Fernbuspassagiere werden beim Auto mitgezählt. Das dürfte bei einer im Busverkehr konkurrenzfähigen Strecke wie nach München ins Gewicht fallen. ICE-Strecken in Autobahnnähe sind hingegen für die trennscharfe Messung kein Problem. „Das können wir unterscheiden, weil in einem Zug viel mehr Fahrgäste gleichzeitig ins Netz eingewählt sind“, sagt der O2-Sprecher.

Fahrten aus den Regionen zählen nicht

Aber zentral ist ein anderer Aspekt, der die Bahn bevorteilt. Die gemessenen Verbindungen beschränken sich auf den Bereich, in dem der Zug am stärksten ist – direkte Fahrten von City zu City. „Wenn jemand aus dem Umland losfährt oder das Fahrziel nicht in der Stadt liegt, dann ist das nicht einberechnet“, sagt der Sprecher von 02.

In die Statistik geht man nämlich nur ein, wenn man sich aus einer städtischen Funkzelle fortbewegt, bis man wieder in einem Großstadtgebiet landet – und dann die Bewegung aufhört.

Berlin mit dem Zug klar beliebter als Hamburg

Aber warum ist von Stuttgart aus nach Berlin die Bahn so stark? Sie sticht Auto und Flugzeug mit einem Marktanteil von 72 Prozent so deutlich aus wie das auf fast keiner anderen Städteverbindung in Deutschland der Fall ist. Nur Berlin-München beziehungsweise -Köln schneiden mit je 77 Prozent besser ab. Das Auto erreicht zwischen Stuttgart und Berlin 15 Prozent Marktanteil, das Flugzeug 13 Prozent.

Doch warum punktet andererseits der Flieger zwischen Stuttgart und Hamburg mit einem im Vergleich zu Berlin fast doppelt so hohen Marktanteil von 25 Prozent? Das Auto liegt mit 13 Prozent in ähnlichen Dimensionen wie nach Berlin. Doch die Bahn hinkt bei diesem Städtevergleich mit 62 Prozent um volle zehn Prozentpunkte hinterher.

Ist mehr Konkurrenz beim Bahnangebot entscheidend?

An der Entfernung liegt das nicht. Sie ist mit rund 650 Straßenkilometern zu beiden Metropolen fast identisch. Auch die schnellsten ICE-Fahrzeiten von etwa fünfeinhalb bis fünfdreiviertel Stunden liegen sehr nahe beieinander. Selbst die Zahl der Flüge ist praktisch gleich. Aktuell hat man beispielsweise an einem Freitag von Stuttgart aus nach Berlin ebenso viele Flugverbindungen zur Auswahl wie nach Hamburg.

Einen Unterschied gibt es. Wenn man alle Verbindungen nimmt, die mit einmal Umsteigen auskommen, dann kommt man mit der Bahn an einem stichprobenartig ausgewählten Wochentag in 49 Varianten nach Berlin, aber nur 39 mal nach Hamburg.

Flixtrain fährt direkt nur nach Berlin

Noch ein Aspekt dürfte einen Einfluss haben: Nur zwischen Stuttgart und Berlin, aber nicht in Richtung Hamburg, gibt es Direktzüge der DB-Billig-Konkurrenz Flixtrain. Mit bisher zwei und seit kurzem drei Direktzügen je Tag bietet man den acht Direktverbindungen der DB durchaus Paroli. Die DB scheint auf die günstigen Preise von Flixtrain Richtung Berlin zu reagieren.

Wer etwa am Mittwoch nach Pfingsten morgens gegen 7 Uhr direkt von Stuttgart nach Berlin fahren will, zahlt aktuell 37,99 Euro für den Supersparpreis der Deutschen Bahn. Die günstigste DB-Verbindung nach Hamburg kostet zur selben Zeit 55,99 Euro. Kurz nach dem genannten DB-Zug zwischen Stuttgart und Berlin verkehrt ein Flixtrain – für 27,48 Euro.

Das Auto dominiert insgesamt

Autoverkehr
Wenn man alle mit Fahrzeugen und Flugzeugen zurückgelegten Kilometer in Deutschland betrachtet – also ohne Rad- und Fußverkehr – hat das Auto laut aktueller statistischer Zahlen des Bundesverkehrsministeriums von 2023 einen Anteil von 83,3 Prozent.

Schienenverkehr
Der Schienenverkehr inklusive U-Bahnen und Straßenbahnen kommt nur auf 11,4 Prozent, davon entfallen 9,9 Prozent auf die „große“ Eisenbahn.

Übrige Verkehrsmittel
Der Bus im Nah- und Fernverkehr schafft 4,8 Prozent der Personenkilometer. Inlandsflüge sind in Deutschland mit 0,5 Prozent unbedeutend.