Thomas Ludmann sorgt sich um seine Zukunft. Durch die Verlängerung der Stadtbahn U13 entlang der B295 verliert der Landwirt wichtige Äcker und Felder. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Bis 2034 soll die Stadtbahn U13 bis nach Ditzingen fahren, ein neuer Betriebshof entstehen. Insgesamt 44 Hektar Ackerfläche werden benötigt – alleine vier von Bauer Thomas Ludmann.

Mit Besorgnis blickt Thomas Ludmann derzeit von seinem Hof auf die nahe gelegene Bundesstraße 295. Der Grund ist die von der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) geplante Verlängerung der Stadtbahnlinie U13 bis nach Hausen und weiter bis ins Gewerbegebiet Ditzingen mitsamt einem neuen Betriebshof.

 

Der Weilmdorfer Bauer ist der Hauptleidtragende. Insgesamt geht die SSB von einem Platzbedarf von neun Hektar landwirtschaftlicher Fläche aus, alleine vier gehen Ludmann verloren: „Das bereitet einem schon manchmal Existenzängste.“

Nicht das erste Mal betroffen

Es ist nicht das erste Mal, dass die Familie vom Ausbau der Infrastruktur hart getroffen wird. Bereits beim Bau der Bundesstraße 295 Anfang der 1980er Jahre zwischen Feuerbach und Ditzingen „mussten wir größere Teile unserer Landwirtschaftsfläche abtreten“, sagt Ludmann.

1979 zog die Familie mit ihrem Gehöft an den heutigen Standort an der Ditzinger Straße 91. Er betreibt den Bauernhof in der nunmehr dritten Generation. „Wir sind einer der letzten Betriebe in Stuttgart, die noch Viehhaltung betreiben“, betont Ludmann stolz. 80 Tiere stehen im Stall, neben 30 Milchkühen noch 50 Jungtiere und Bullen. Die Hoffnung, dass der Enkelsohn einmal den Betrieb übernehmen könnte, ist da. Doch nun blickt der 60-Jährige zunehmend kritisch in die Zukunft.

Kein Platz mehr für zukünftige Erweiterungen des Hofes

Das fängt bereits unterhalb des eigenen Aussiedlerhofs an. Insgesamt elf Meter reiche der Neubau der Trasse von der Böschung der Bundesstraße bis in sein Grundstück hinein. „Zu Beginn hat man uns noch gesagt, es handelt sich lediglich um drei Meter.“ Das Problem: „Das kommt sehr dicht an unsere Futtersilos für die Tiere heran.“

Um die Kühe anständig versorgen zu können, müsste aber mit großem Gerät hantiert werden. „Dafür ist der Platz fast schon zu eng“, betont Ludmann. Ganz zu Schweigen davon, dass der Neubau auch keine Möglichkeiten für eventuell benötigte Erweiterungsflächen mehr lasse. Bedenken bereitet dem Landwirt zudem, dass genau an dieser Stelle auch eine Haltestelle vorgesehen ist. „Da müssen wir noch mehr Vorsicht walten lassen“, ist Ludmann überzeugt und befürchtet zudem mehr Müll.

Die geplante Neubaustrecke im Nordosten von Stuttgart. Foto: STZN/Yann Lange

„Es wird rücksichtlos in die Landwirtschaft eingegriffen“

Nicht viel anders sieht es auf seinen Ackerflächen im Dreieck zwischen Weilimdorf, Hausen und Ditzingen aus. Dort verläuft die neue U-13-Trasse parallel zur B295, bevor sie vom neuen Betriebshof nach Hausen abbiegt und schließlich unter der A81 hindurch nach Ditzingen verläuft. Alleine dort bewirtschaftet Ludmann 13 seiner 55 Hektar Betriebsfläche. Davon sind 20 Hektar lediglich Wiesen, wie zum Beispiel unter dem Grünen Heiner für die Gras- und Heuernte. „Der Landwirt lebt aber von dem, was der Boden hergibt.“

Im Falle von Ludmann sind dies vor allem Zuckerrüben, Mais, Kartoffeln und Weizen. Und eben diese wachsen unter anderem auf der nun von der SSB beanspruchten Fläche. „Es wird rücksichtlos in die Landwirtschaft eingegriffen“, ärgert sich Ludmann, „und keinen interessiert es“.

Ich sitze mitten im Krisengebiet. Es wird rücksichtslos in die Landwirtschaft eingegriffen.

Thomas Ludmann Betroffener Bauer

Vor Jahren hatten die noch verbliebenen Landwirte in Weilimdorf ihre eigene „Flurbereinigung“ durchgeführt. Es wurden Äcker und Parzellen so getauscht, dass jeder eine möglichst große zusammenhängende Fläche bewirtschaften kann, um den Betrieb rentabel zu halten. „Nun sitze ich mitten im Krisengebiet“, sagt der 60-Jährige. Bereits jetzt habe die Stadt den Pachtvertrag für ihre städtischen Flächen gekündigt. Oftmals blieben dadurch nur noch kleine Parzellen übrig. Mit bis zu lediglich sechs Metern Breite seien diese nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben und selbst für eine Förderung der EU als Blumenwiese zu klein.

Und auch auf den noch verbliebenen Feldern gestalte sich der Einsatz von großen Maschinen wie Mähdreschern oder auch Sattelschleppern für die Abfahrt der Tonnen schweren Fracht aus Zuckerrüben schwierig. Bislang sei dies über die B295 möglich gewesen. Aufgrund der benötigten Baustraßen müsse man nun neue Wege finden. Wenn nicht, „kommen die großen Abnehmer wohl eher nicht mehr“, befürchtet Ludmann.

Betroffen seien aber auch lokale Lebensmittelhersteller. So gestalte sich die Lieferung des Weizens an die Ditzinger Mühlen durch die Einschränkungen in Zukunft deutlich schwieriger. Und nicht zuletzt würden „auch die privaten Gartenbesitzer sich umschauen, wenn sie ihre Grundstücke nicht mehr anfahren können.“

Das SSB-Vorhaben

Stadtbahntrasse
Die Verlängerung der U13 führt auf rund 4,8 Kilometer Läne von der Haltestelle Rastatter Straße auf der Südseite entlang der B295. Vom Betriebshof am Gewerbegebiet Weilmdorf führt die Trasse nach Hausen und schließlich nach Ditzingen. Es entstehen sechs neue Haltestellen, drei in Weilimdorf und drei in Ditzingen. Bis 2031 soll die Strecke bis Hausen und der Betriebshof fertig sein, ein Jahr später der gesamte Ausbau in Betrieb gehen.

Betriebshof Dort entstehen 47 Stell- und vier Werkstattplätze für die Stadtbahnen. Weilimdorf ist neben Möhringen (103 Stellplätze), Heslach (46) und Remseck (46) der vierte Standort der SSB.

Flächenbedarf Rund neun Hektar landwirtschaftlicher Fläche wird auf Stuttgarter Gemarkung benötigt: 4,8 Hektar für den Betriebshof, zwei Hektar für die Trasse der U13 sowie 2,1 Hektar für Ausgleichsflächen.

Kosten
Die Kosten werden auf rund 440 Millionen Euro geschätzt. 210 Millionen Euro für die neue Trasse der U13 sowie 230 Millionen Euro für den neuen Betriebshof.