In der Stuttgarter Galerie Thomas Fuchs: Rainer Fettings Bild „Horror-Geschwister“ von 2016 Foto: Galerie Thomas Fuchs/Rainer Fetting

Es gibt Kunstwerke, die unmittelbar überzeugen. In unserer neuen Serie „Lieblingsbilder“ stellen wir solche Arbeiten vor. Heute: Rainer Fettings „Horror-Geschwister“ – aktuell zu sehen in der Galerie Thomas Fuchs in Stuttgart.

Dieses Rosa hat eine eigene Verkommenheit. Blutrot so nahe wie verdeckendem Weiß. Der Maler Rainer Fetting wählt es 2016 für das Bild „Horror-Geschwister“. Zwei Köpfe aus einem jenseitigen Diesseits, zu sehen vor nächtlicher Landschaft. Ein Widerspruch auch dies. Das Grauen taucht aus dem Schönen, setzt sich von ihm ab. Da wagt sich etwas aus der Deckung und in ein Licht, das nur die Kunst geben kann.

 

Rainer Fetting in seinem Atelier auf Sylt Foto: Stiftung Schleswig Holsteinische Landesmuseen

100 Zentimeter hoch, 160 Zentimeter breit ist das Bild (aktuell zu sehen in der Galerie Thomas Fuchs in Stuttgart (Reinsburgstraße 68A), ein Wohnzimmerformat, das jedes Wohnzimmer sprengt. Fetting arbeitet aus den Primärfarben, setzt gelb, blau, weiß und rot gegeneinander – und kontert alle kunsthistorischen Reflexe auf die Primärfarben-Gegenwelten von Cobra und De Stijl mit dem diabolischen Abgrund, den wir seit Jack Nicholsons „Joker“-Gala in Tim Burtons „Batman“ von 1989 mit der Figur des Horror-Clowns verbinden. Fetting nimmt den Kern der Joker-Interpretation Nicholsons ernst – einen Radical Chic als Sinnbild sich selbst überholender Hass-Kommunikation.

Fettings „Horror-Geschwister“ treten nicht alleine auf, sie gruppieren sich zu einem eigenen Thema im kaum mehr zu überschauenden Motiv-Panorama des Malerstars der frühen 1980er Jahre. Porträt, Landschaft, Stadtlandschaft, Stillleben – alle diese Begriffe sprengt der 1949 in Wilhelmshaven geborene Fetting noch als Student bei Hans Jaenisch an der Hochschule der Künste in (West-Berlin) früh und zielgerichtet. 1983 zieht es ihn nach einem DAAD-Stipendium 1978 ein zweites Mal nach New York – eine Stadt, die noch weit entfernt ist vom Touristen-Idyll der frühen 1990er Jahre. Fetting kommt, um zu bleiben, erlebt New York für sich als Metropole nervöser Melancholie. Wie schon in Berlin ermalt er sich die Stadt aus ihrer Nacht. Auch davon künden seine „Horror-Geschwister“. Zugleich aber auch davon, dass Rainer Fetting das Erbe der europäischen Malerei, die Peinture, trotzig-selbstbewusst verteidigt. Das Rosa, das die deformierten Köpfe des Horror-Duos gleichermaßen umgibt wie es aus ihnen herauszutreten scheint, schimmert in vielerlei Nuancen, ist ein Farbrausch des Sinnlichen.

Großer Moment der Malerei

Hier ist ein Souverän am Werk. Die aufgerissenen Münder schneiden die Landschaft, die Kulisse ist und bis hinein in den Gewitterhimmel doch voll eigener Präsenz. Diese steigert noch die letztgültige Umkehrung: Verbreiten wirklich die Horror-Geschwister den Schrecken, oder sind sie sie nicht vielmehr selbst Geschaute, Gehetzte, Gejagte? Rainer Fetting lässt es offen, lädt uns ein – einzutauchen in einen großen Moment der Malerei.

Fetting bei Thomas Fuchs

Ausstellung
Werke von Patrick Angus, Rainer Fetting, Dylan Hurwitz, Stephan Jung, Ruprecht von Kaufmann, Yongchul Kim und Moritz Schleime zeigt die Galerie Thomas Fuchs in Stuttgart aktuell an ihrem Stammsitz (Reinsburgstraße 68A, Mittwoch bis Freitag 13 bis 18 Uhr, Samstag 11 bis 16 Uhr). In jüngst eröffneten neue n Räumen (Augustenstraße 63) zeigt die Galerie Thomas Fuchs einen umfassenden Blick auf die Bildwelt des US-amerkanischen Malers Logan T. Sibrel.

Rainer Fetting
Rainer Fetting (geboren 1949 in Wilhelmshaven) studierte von 1972 bis 1978 an der Hochschule für Künste in Berlin bei Hans Jaenisch. Während ihn in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren seine beiden Wohnsitze Berlin und New York zu Motiven inspirierten, gab Fetting Mitte der 1990er seinen New Yorker Wohnsitz auf und pendelt heute zwischen Berlin und der Insel Sylt. Die Galerie Thomas Fuchs zeigte jüngst ein Fetting-Panorama auf der New Yorker Kunstmesse Armory Show.