Für immer außer Dienst: die Polizistin Lona Vogt (Henny Reents) Foto: NDR/Gordon Timpen

In der Folge „In eigener Sache“ der ARD-Krimireihe „Nord bei Nordwest“ stirbt eine der drei Hauptfiguren.

Stuttgart - In Filmen gibt es, relativ gesehen, viel mehr rothaarige Frauen als in der Wirklichkeit. In „Nord bei Nordwest“ wurde die zentrale Figur, der Tierarzt und ehemalige Polizist Hauke Jacobs (Hinnerk Schönemann), bislang von gleich zwei Rothaarigen umschwärmt: hier die Dorfpolizistin Lona Vogt (Henny Reents), dort seine Praxishelferin Jule Christiansen (Marleen Lohse). Zwischen dem Arzt und den beiden Frauen hat es zwar oft kräftig geknistert, aber abgesehen von einem gelegentlichen scheuen Kuss ist es immer bei den stillen Schwärmereien geblieben.

Diese stets spürbare, nie ausgesprochene, schon gar nicht vollzogene Hoffnung auf mehr ist sicher ein Teil des Erfolgsgeheimnisses. Beim Drehbuch für den elften Teil war Holger Karsten Schmidt allerdings gezwungen, das Trio zu sprengen, weil Henny Reents schweren Herzens Abschied nehmen wollte. Der Autor ist diesem Wunsch auf eine Weise nachgekommen, die zu den traurigsten Momenten der Reihe gehört.

Eine Kugel aus der eigenen Waffe

Die Handlung beginnt mit einer harmlosen Joggingrunde, bei der Jacobs’ Hund eine weibliche Leiche im Meer entdeckt. Als sich Lona Vogt in der Wohnung des Opfers umschaut, wird sie plötzlich überfallen. Es gelingt ihr gerade noch, zwei Nachbarkinder in Sicherheit zu bringen, dann trifft sie eine Kugel aus der eigenen Dienstwaffe.

Vogts Vater (Peter Prager) nimmt Jacobs das Versprechen ab, den Mörder zur Strecke zu bringen; Jule besteht darauf, sich an den Ermittlungen zu beteiligen. Unterstützung bekommen sie durch eine Kommissarin aus Kiel: Sarah Winter (Anja Schneider) ist dem Mörder schon länger auf der Spur. Der Täter ist ein Serienkiller, der in einem Datingportal nach Mauerblümchen ohne Familie oder nennenswerte soziale Kontakte sucht. Als Winter dem Mann eine Falle stellen wollte, erwies er sich als allzu raffiniert, was den Lockvogel das Leben kostete.

Bedrückende Musik

„In eigener Sache“ ist ein rundum gelungener Krimi, mit dem Schmidt und Felix Herzogenrath das Kunststück gelingt, zwei so unterschiedliche Genres wie das Drama und den Thriller miteinander zu kombinieren. Herzogenraths dritter Film für die Reihe knüpft qualitativ nahtlos an seine gleichfalls sehenswerte Episode „Frau Irmler“ an. Darin ging es recht kurzweilig zu; diesmal dominieren naturgemäß Trauer und Melancholie.

Die bedrückte Stimmung ist vor allem ein Resultat der musikalischen Untermalung. Stefan Hansen hat die Musik für alle Filme komponiert, aber hier ist ihm seine im Rahmen der Reihe womöglich beste Arbeit gelungen. Das gilt auch für Herzogenrath, der für Schmidts Geschichte eine eigenwillige, aber reizvolle Gratwanderung gefunden hat.

Keine Kompromisse

Der Zweikampf zwischen Lona und dem Mörder zum Beispiel ist eigentlich ziemlich brutal, aber der Regisseur nimmt dem mörderischen Duell, bei dem allerlei Gerätschaften zweckentfremdet werden und viel Mobiliar zu Bruch geht, seine Schärfe, indem er ihm eine komische Note gibt; so kullern die beiden ineinander verbissenen Kontrahenten auch mal aus dem Bild, um kurz darauf wieder zurückzukehren.

Bei den Trauerszenen gibt es jedoch keinerlei Kompromisse. In diesen Phasen ist der Film sehr bewegend, aber selbst jetzt sorgen Buch und Regie für kleine Überraschungen: Jacobs geht am Strand spazieren und lässt flache Steine übers Wasser hüpfen, eine Beschäftigung, in der die platonische Freundin offenbar sehr begabt war; als die Kamera ein kleines Stück zur Seite fährt, wird sie hinter ihm sichtbar.

Eine Liebeserklärung

Viele Momente verraten ohnehin die Liebe zum Detail, mit der „In eigener Sache“ entstanden ist, zumal sie ohne große Worte auskommen: Der Blick der sterbenden Lona fällt auf ein Foto der Wohnungsbesitzerin, das sie am Strand zeigt, dazu erklingen Meeresgeräusche und Möwengeschrei; ihr letzter Gedanke gilt Jacobs. Der wiederum sieht das Bild später ebenfalls, dann schaut er auf den Boden, wo das Opfer lag – was für eine schöne gegenseitige Liebeserklärung!

Diese Souveränität und dieser Mut, sich Zeit zu nehmen, prägt auch eine weitere Szene: Ein Auto fährt durch eine Pfütze. Die Kamera wartet in aller Ruhe, bis sich das Wasser wieder beruhigt hat und die Spiegelung einer Kirche zu erkennen ist; ein perfekter Übergang zur Trauerfeier für Lona.

Ausstrahlung: ARD, 6. Februar 2020, 20.15 Uhr

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