Der Bustakt zwischen Esslingen und den östlichen Fildern wird deutlich ausgedünnt. Foto: Roberto Bulgrin

Mit der Neuvergabe des Busverkehrs droht ab 2027 eine deutliche Verschlechterung des Angebots von den östlichen Fildern nach Esslingen.

Eine Äußerung vom Januar treibt dem Neuhausener Freie-Wähler-Gemeinderat Jens Jenuwein noch jetzt die Zornesröte ins Gesicht. Der Esslinger Finanzbürgermeister Ingo Rust ließ sich damals in unserer Zeitung zitieren mit den Worten: „Das ist es uns nicht wert.“ 183 000 Euro im Jahr ist der Stadt Esslingen die Sicherung des bisherigen Angebots im Linienbusverkehr Richtung Filder nicht wert. Jenuwein wettert: „Esslingen braucht sich nicht zu wundern, wenn es dort bald nur noch Hörgeräte, Handys und Haschisch zu kaufen gibt.“ Immerhin 8000 bis 9000 Fahrgäste, so Bürgermeister Ingo Hacker, nutzen täglich von Neuhausen den Bus nach Esslingen – nicht nur, aber auch ein Kaufkraftstrom.

 

S-Bahnanschluss fordert neue Ausrichtung

Zumal der S-Bahnanschluss Neuhausens, der Ende 2027 fertig sein soll, den ÖPNV weiter gen Landeshauptstadt zentralisieren wird. Die damit verbundene Ausrichtung der Buslinien im östlichen Filderbereich trifft auf deren vorgeschriebene europaweite Neu-Ausschreibung und -Vergabe zum ersten Januar 2027. Betroffen sind die Linien 119, 120, 121, 122, 130 und 131.

Knackpunkt aus Neuhausener Sicht ist die Taktverlängerung auf der Linie nach Esslingen. Bisher kommt der 120er tagsüber alle Viertelstunde, künftig vormittags außer im Berufsverkehr nur alle halbe Stunde. In Randzeiten werden Verbindungen gestrichen. Dafür fährt die Gemeinde auf dieser Linie zum Nulltarif. Dank Altverträgen aus der Zeit der 1978 stillgelegten END-Straßenbahn bezahlt der Landkreis das Bus-Basisangebot zu 100 Prozent, sagte Hacker. Für eine dichtere Taktung „müssten wir den Geldbeutel sehr weit aufmachen“ – in der finanziell klammen Kommune derzeit kein Thema. Bleibt lediglich die Hoffnung, der künftige Linienbetreiber biete auf eigene Rechnung – wie bisher die Firma Schlienz – mehr Fahrten an.

121er soll öfter fahren

Ein bisschen macht Neuhausen allerdings doch den Beutel auf: Die Linie 121 soll künftig 15 Mal täglich statt nur drei- bis viermal verkehren; allerdings nach Plochingen statt Oberesslingen. Kostenpunkt: jährlich 21 000 Euro für Neuhausen. Kritik: Das Schulzentrum Zell ist dann nur noch mit Umsteigen erreichbar.

Kritik an Abkehr von der Verkehrswende

Deutlich ausgedünnt wird nach der Light-Variante auch das Angebot in Ostfildern. Auf der Linie 119, die zwischen Esslingen, Zollberg, Nellingen und Denkendorf verkehrt, wird der Takt montags bis freitags zwischen 9 und 12 Uhr vom 15-Minuten-Takt auf 30 Minuten reduziert. Auf der Linie 130 zwischen Esslingen, Scharnhausen, Kemnat und dem Flughafen werden zwischen 9 und 12 Uhr alle Fahrten gestrichen. Bei der Linie 131 (Esslingen – Ruit – Kemnat) gibt es keine Einschränkungen. Um das Angebot zu erhalten, hätte die Stadt Ostfildern jedes Jahr Mehrkosten von 298 000 Euro schultern müssen. Die reduzierte Variante kostet die Kommunen nicht mehr.

Die Reduzierung der Bus-Taktzeiten macht die Fahrt von Ostfildern nach Esslingen weniger attraktiv. Foto: Ines Rudel

Die Ostfilderner Kommunalpolitiker kritisierten die Abkehr von der Verkehrswende. „Es hat einen bitteren Beigeschmack, wenn in den Verhandlungen zum neuen Linienbündel der Landkreis eine drastische Reduzierung der Taktzeiten androht, sofern die Kommune nicht in Zukunft 50 Prozent der Kosten trägt“, sagte Steffen Kaiser (Freie Wähler). Dabei seien 298 000 Euro für den klammen Haushalt „kein Pappenstiel“, zudem der öffentliche Nahverkehr eine genuine Aufgabe des Kreises sei. Deshalb versteht er die Ablehnung der Kommunen. Uwe Stahlmann (CDU) zeigte auch Verständnis. „Eine Reduzierung des Angebots ist zwar nicht das, was allgemein unter Mobilitätswende verstanden wird, sondern eher das Gegenteil.“ Zugleich fahren nach seinen Worten alle betroffenen Linien weiter auf denselben Strecken. „Damit kann man - vor dem Hintergrund, dass alles was man bestellt, auch bezahlen können muss - durchaus leben.“

„Massiv eingeschränkt oder vollständig gestrichen“

Die Grünen verweisen auf drastische Folgen der Reduzierung: „Zahlreiche Linien werden in der Taktung massiv eingeschränkt oder fast vollständig gestrichen, sodass von einem gut funktionierenden Angebot kaum noch die Rede sein kann“, sagte Margarete Schick-Häberle. Eine Optimierung der Linien 119 und 120 möge sinnvoll sein, „doch die Streichungen gehen zu weit.“ Empört ist Schick-Häberle über die Streichungen bei der Linie 130, die ab 2027 nicht mehr durchgängig bedient werden soll. Das bedeute das beginnende „Aus“ für eine Buslinie, die am Abend und am Wochenende nicht mehr bedient wird. Dass sich die Stadt mit dem neuen Linienbündel von den ambitionierten Klimazielen verabschiede, bedauert Stefanie Sekler-Dengler (SPD).

„Die Linke betrachtet die Verkehrswende als gesamtgesellschaftliche Aufgabe und sieht deshalb das Land Baden-Württemberg und den Bund in der Pflicht, eine Beibehaltung des Angebots zu finanzieren“, sagte Jutta Zwaschka. „Enttäuschend“ findet Joachim Werner (FDP) die Reduzierung, „in einer Zeit, in der klimafreundliche Mobilität mehr an Bedeutung gewinnt.“ Auch die Jugendvertretern lehnen das neue Bündel ab. „Wir sehen die hohen Kosten, aber bedauern die Kürzungen“, sagte Johannes Dalferth. „Viele junge Menschen können nicht auf ein Auto zurückgreifen und sind auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen. Nachts auf teils schlecht ausgeleuchteten Wegen Fahrrad zu fahren ist nicht ideal.“