Die einzige englischsprachige Durchsage in den Stuttgarter Stadtbahnen löst keine Assoziationen an Feen mehr aus, wenn vom Weg zur Messe der Rede ist. Der Grund für die Neugenerierung liegt im technischen Fortschritt.
Sogar in den Stadtbahnen der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) hat es bis vor Kurzem Grund zur Freude gegeben, vor allem auf dem Weg zum Flughafen, besonders in Urlaubsstimmung. In den Waggons der Linie U6 säuselte nämlich eine weibliche Stimme in regelmäßigen Abständen aus den Lautsprechern, dass diese Bahn „. . . to the airport and the fair“ fahre. Das Wort „fair“ (Messe) war in dieser Durchsage so sanft hingehaucht, als sei eigentlich „fairy“ (Fee) gemeint. Wenn die Stimme aus dem Lautsprecher das Wort sagte, das vor einer Weile noch wie „fea“ klang, mit einem sich rasch auflösenden a und jedenfalls ohne r, dann schmunzelten Fahrgäste mit Koffern manchmal. Manche äfften die Frauenstimme auch nach, nicht fies, eher wertschätzend. Aber kaum jemand kriegte die Feen-Messe so verheißungsvoll kinderbuchhaft hin wie die Stimme aus dem Off.
Auf die richtige Betonung kommt es an
Doch damit ist jetzt Schluss, denn die SSB haben die richtungsweisende Ansage neu generiert. Zwar besagt sie weiterhin, dass die Bahn „. . . to the airport and the fair“ fahre, aber „fair“ klingt nun nicht mehr feenhaft sondern eher wie eine Ermahnung, so wie in „Fairtrade“ (fairer Handel). Die neue Aussprache des im Englischen eben doppeldeutigen Wortes „fair“ lässt mit stimmlich leicht erhöhter Augenbraue keinen Zweifel daran, dass es angemessen sei, den herbeieilenden Stürmer der gegnerischen Fußballmannschaft fair vom Ball zu trennen, dass auch im Wahlkampf die Fairness nicht über Bord geworfen werden sollte, und dass die Plakate des Vereins Fairtrade zu beachten sind. Die hängen an der Haltestelle Charlottenplatz, wo auch die U6 zum Flughafen und zur Messe stoppt, und sie empfehlen unter dem Motto „Einen Monat fair einkaufen“ unter anderem: „Nasch mal ‘ne Fairolade“. Das r, wiewohl nicht ausformuliert, schwingt gleichwohl mit, wenn die neue Frauenstimme „fair“ so ausspricht, wie eine Messe und die Entsprechung des Wortes „anständig“ auf Englisch für gewöhnlich ausgesprochen werden, nämlich ungefähr „fär“ mit angedeutetem r.
Der Grund für den Austausch der Ansage liegt im technischen Fortschritt: „In den Fahrzeugen der SSB erklingt seit Jahrzehnten die Stimme der Schauspielerin und Sprecherin Dorothee Roth“, teilen die SSB auf Anfrage unserer Zeitung mit. Bis vor Kurzem mit einer Ausnahme: Für die einzige englischsprachige Ansage, nämlich die, die vom Flughafen und von der Messe kündet, wurde bis vor Kurzem eine andere Stimme verwendet, um – wie seit einigen Jahren üblich – per künstlicher Intelligenz mitteilen zu lassen, wohin die Reise geht. Ein sogenanntes Text-to-Speech-System macht dafür aus der Stimme eine Ansage. Anlässlich der Fußball-Europameisterschaft im vergangenen Jahr jedoch „haben wir die Stimme von Dorothee Roth über dieses System auch das erste Mal in Englisch verwenden können.“ Oder andersherum: „Bis es möglich war, den englischsprachigen Hinweis ebenso wie die deutschsprachigen Ansagen mit der Stimme von Frau Roth zu versehen, wurde für diesen einen englischsprachigen Hinweis eine andere Text-to-Speech-Stimme verwendet.“
Dorothee Roth macht die Stadtbahnansagen
Nun also durchgängig Dorothee Roth in den Stuttgarter Stadtbahnen und damit auch der Abschied von Feen-Assoziationen auf dem Weg zum Airport und zur Messe. Dorothee Roth ist in Marbach am Necker aufgewachsen, sie hat auch dem öffentlichen Personennahverkehr in Karlsruhe und Freiburg ihre Stimme geliehen, und sie hat mal „Die Dreigroschenoper“ inszeniert. Auf ihrer Website steht: „Die Sprache ist unser wichtigstes Kommunikationsmittel.“ Der Umstand, dass auch Flugzeugen – ähnlich wie Feen – Flügel zugeschrieben werden, (die eigentlich Tragflächen heißen) ändert daran nichts.