Der Bundestrainer redet schnell, viel und ehrlich – aber er begibt sich dadurch schon vor der WM auf eine Gratwanderung, meint unser Sportredakteur Carlos Ubina.
Eines muss man Julian Nagelsmann lassen: Der Bundestrainer gibt tiefe Einblicke in seine Fußballgedanken. Er antwortet offen und ehrlich, wenn es um die Form der Nationalspieler geht. Er spricht ausführlich über seine taktischen Maßnahmen und Personalentscheidungen. Der 38-Jährige scheut dabei keine Diskussion – und auch keinen Konflikt. Das Problem ist nur, dass Nagelsmann oft einen Tick drüber ist.
In seinen Ausführungen redet er nicht nur schnell, sondern er formuliert zudem radikal. Siehe der Fall Deniz Undav. Den aktuell erfolgreichsten deutschen Stürmer öffentlich als einen Spieler hinzustellen, der nur gegen müde Gegner Tore erzielt, ist nicht nur unzutreffend, sondern auch unklug. Der Angreifer des VfB Stuttgart muss sich somit nach dem 2:1-Siegtor im WM-Test gegen Ghana trotz des klaren Rollengesprächs wie im falschen Film vorkommen.
Ähnlich verhält es sich in anderen Situationen, in denen Nagelsmann seine Entscheidungen zunächst durch exakte Analysen herleitet. Doch er kann kurz darauf durch dann eigenwillig formulierte Theorien auch genau das Gegenteil behaupten. Jedenfalls erscheint es so vielen Menschen, die nicht den Beruf des Bundestrainers ausüben. Sie sehen zunehmend das Leistungsprinzip ausgehebelt, weil sich Nagelsmann früh auf Rollen im Team versteift, Formschwächen inklusive.
Der Weg zur und durch die Weltmeisterschaft wird auf diese Weise zur Gratwanderung. Zwischen dem Anspruch, erfolgreich zu sein und alles dafür zu bedenken und zu tun – und dem Streben, ständig Recht behalten zu wollen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der frühere Clubcoach zwischen den Länderspielen tausend Ideen ausbrütet und er mit jedem folgenden Anpfiff etwas Besonderes bieten will.
Klappt es nicht, liegt es selten am Plan, vielmehr an der Umsetzung. Also kommt die nächste Idee zum Tragen. Somit läuft Nagelsmann Gefahr, seine Linie und – schlimmer – seine Glaubwürdigkeit zu verlieren. Wichtig bleibt jedoch, dass er die Kabine hinter sich weiß. Noch ist das so, aber auch die Spieler empfangen die Signale. Siehe Undav.