Nachdem sich das Marienhospital im Stuttgarter Süden von seinen beiden Geschäftsführerinnen getrennt hat, ist der Interimschef nun zum ersten Mal vor Ort gewesen.
Nachdem sich das Stuttgarter Marienhospital von seinen beiden Geschäftsführerinnen Claudia Graf und Bettina Lammers getrennt hat, ist der neue Interimschef am Dienstag zum ersten Mal vor Ort gewesen: „Ich habe noch keine Unterlagen gesehen“, sagt Jan Schlenker auf Anfrage unserer Zeitung. Der Auftrag ist nach Angaben des Arztes und Ökonomen, der zuvor schon als Krankenhausgeschäftsführer gearbeitet hat, jedoch unbefristet. „Ich bin in der Welt der katholischen Kirche groß geworden“, so Schlenker weiter. Wohl auch deshalb fiel die Wahl auf ihn. Die Trägerin der Klinik ist die Genossenschaft der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul in Untermarchtal.
Warum die Geschäftsführerinnen abgesetzt wurden, wollte die Klinik auf Nachfrage nicht kommunizieren. Dies werde in den kommenden Tagen mitgeteilt. Klar ist jedoch: Borchers & Kollegen mit Sitz in Münster in Westfalen übernimmt Sanierungen. Man sei Spezialist im Gesundheits- und Sozialwesen. „Handeln bevor es zu spät ist“ und „Stabile Seitenlage – Der strukturierte Notfallplan“, heißt es im Internetauftritt der Managementberatung.
Marienhospital Stuttgart ist finanziell in schwierigem Fahrwasser
Die Trägerin der Klinik hatte am Montag per Mail darüber informiert, dass es „eine Veränderung“ in der Geschäftsführung gibt. Die Leitung der katholischen Vinzenz von Paul Kliniken, zu denen auch die Vinzenz Klinik und die Vinzenz Therme in Bad Ditzenbach sowie die Luise von Marillac Klinik in Bad Überkingen gehören, übernehme „ab sofort Dr. Jan Schlenker, Geschäftsführender Partner von Borchers & Kollegen Managementberatung GmbH, und Team“. Ziel sei es, „die Kontinuität in der Führung sicherzustellen und die Organisation in der aktuellen Übergangsphase stabil zu begleiten“.
„Unsere Interim-Manager schließen Lücken in Krankenhäusern und Einrichtungen der Sozialwirtschaft schnell und zuverlässig“, ist auf der Homepage von Borchers & Kollegen zu lesen. „Lücken“ scheint es auch beim Marienhospital zu geben. Die Klinik befindet sich – wie viele Krankenhäuser – seit Jahren finanziell in schwierigem Fahrwasser. 2023 war ein Verlust in Höhe von 17,966 Millionen Euro geschrieben worden, 2022 hatte er noch bei rund 2,2 Millionen gelegen. In der Kliniken gGmbH (mit Hospital) betrug der Verlust 18,7 Millionen bei einem Umsatz von 238 Millionen Euro. In der Bilanz werden für 2023 „aufgrund der immer noch durch Corona bedingten nicht zufriedenstellenden Fallzahlen Erlösausfälle“ beklagt. Die Eigenkapitalquote fiel von 16,7 auf 2,9 Prozent, die Verbindlichkeiten wuchsen um rund sechs Millionen Euro.
Kirchlich getragene Kliniken „besonders gefährdet“
Dazu passt eine Meldung der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft (BWKG) vom Dienstag: Der Interessenverband warnte vor einer großen Klinik-Krise im Land. „Für das Jahr 2026 befürchten fast drei Viertel der Krankenhäuser ein Defizit und beziffern dieses auf mindestens 880 Millionen Euro“, macht der Vorstandsvorsitzende Heiner Scheffold deutlich. Dies habe eine Umfrage der BWKG aus dem März 2026 ergeben. Die finanzielle Situation der Kliniken verschärfe sich somit weiter.
Bereits im Jahr 2025 lag das Defizit bei 800 Millionen Euro. Die BWKG fordert deshalb ein gerechtes Finanzierungssystem, das „die tatsächlichen Kosten anerkennt“. Zur Lage des Stuttgarter Marienhospitals wollte sich BWKG-Hauptgeschäftsführer Matthias Einwag auf Anfrage zwar nicht äußern. Klar sei aber, dass besonders die freigemeinnützigen, meist kirchlich getragenen Kliniken in Baden-Württemberg gefährdet seien. Dazu gehört auch die katholische Klinik im Stuttgarter Süden.
Bereits in den vergangenen Jahren habe es in diesem Bereich Insolvenzen und auch eine Rekommunalisierung gegeben. Inzwischen werde es aber auch für öffentliche Träger wie Städte und Landkreise immer schwieriger, die Finanzlücken in den Krankenhäusern aus eigener Tasche zu schließen, so die BWKG weiter.
Duo wollte am Marienhospital Stuttgart „schwarze Null“ schreiben
Die bisherige Doppelspitze Graf und Lammers sollte am Marienhospital die Wende schaffen. Für 2024 gab es ehrgeizige Pläne. Die Zielsetzung damals: „eine operative ‚schwarze Null‘ zu erreichen“. Restrukturierungsmaßnahmen zielten „auf die Sicherung der Liquidität und eine Verbesserung der Ertragslage“, heißt es in der Konzernbilanz. Bis zum dritten Quartal 2024 lief dennoch ein Verlust von 5,4 Millionen Euro auf. Im November 2024 stellen die Gesellschafter zwölf Millionen Euro Kredite zur Verfügung, um die Zahlungsfähigkeit zu sichern.
Im „Mut und Zuversicht“ überschriebenen Jahresbericht 2024 sprach sich das Führungsduo gegen eine Sanierung aus. „Restrukturierung statt Sanierung“ hieß es dort, und weiter: „Wir können sehr gut medizinische Themen in Geld umsetzen“. Man sehe „sofort, was ein Prozess innerhalb des Hauses kostet, warum er funktioniert oder nicht“, so Graf. „Im Marienhospital restrukturieren wir“, betonte Lammers. Denn eine Sanierung sei „stark negativ behaftet und käme für viele einer Entmündigung gleich.“
Interimschef am Marienhospital Stuttgart ist dreifacher Vater
Die Folge: Nun hat man mit Jan Schlenker einen Sanierer geholt – genauer einen zertifizierten Restrukturierungs- und Sanierungsberater, wie es auf der Homepage der Managementberatung heißt. Weiter ist dort zu lesen, Schlenker sei dreifacher Familienvater, versierter Koch- und Grillexperte und habe seinen Lebensmittelpunkt in Meerbusch bei Düsseldorf
Graf und Lammers waren derweil gerade mal zwei Jahre im Amt. Im April 2024 hatten sie vom Vorgänger Thomas Wülle, der nach dem langjährigen Chef Markus Mord fünf Monate lang übergangsweise Geschäftsführer war, die Leitung der Klinik übernommen. Sie wollten für einen „innovativen und zukunftsorientierten Führungsstil mit Leidenschaft“ stehen, teilten sie damals mit. Noch im Januar diesen Jahres hatten die beiden im klinikinternen Podcast über ihre Ideen für 2026 gesprochen.