Die Geschäftsführer Adnan Ćuk, Frank Fleissner und Tobias Pfoh (von links) basteln weiter am Neuaufbau von Weru. Foto: Gottfried Stoppel

Ein Jahr nach dem Hochwasser werden in Rudersberg keine Fenster und Türen mehr produziert. Aber Weru richtet sich neu aus – der Standort soll dabei eine wichtige Rolle spielen.

Es ist still geworden in der alten Produktionshalle von Weru in Rudersberg. Wo einst Aluminiumtüren und Kunststofffenster über Förderbänder liefen, hallen nun nur noch Erinnerungen. Die Maschinen sind verschwunden, die Brücken – buchstäblich und im übertragenen Sinn – abgerissen.

 

Der Traditionsbetrieb hat das Gelände an den Vermieter zurückgegeben. Die Produktion? Geschichte. Der Standort? Im Umbruch. „Wir hatten einen wirtschaftlichen Totalschaden“, sagt Frank Fleissner, dienstältester der mittlerweile drei Geschäftsführer bei Weru.

Katastrophale Flut zerstört 2024 den Standort

Im Sommer des Vorjahres wälzte sich eine zweieinhalb Meter hohe Flutwelle durch das Werksgelände. Ausgelöst durch ein übergelaufenes Rückhaltebecken, riss das Wasser nicht nur Schlamm und Geröll mit sich – sondern Jahrzehnte Industriegeschichte. Der Schaden: ein zweistelliger Millionenbetrag. Die Folgen: 150 Arbeitsplätze weg, ein zerstörtes Werk, ein Unternehmen am Abgrund.

Links das Weru-Foyer im September vor einem Jahr. Der Schutt ist mittlerweile rausgeräumt. Foto: Frank Rodenhausen, Gottfried Stoppel/ 

Doch Weru ging nicht unter. Die Produktion wurde nach Ostdeutschland verlagert, in Werke der Konzernmutter Dovista.

Und in Rudersberg? Da richtet sich der Blick nun nach vorn. Wo früher produziert wurde, soll gedacht, geplant und entwickelt werden. Der Fokus liegt jetzt auf dem markanten vierstöckigen Verwaltungsgebäude. Noch wird der Strom per Notstromaggregat erzeugt, der Haupteingang liegt provisorisch auf der Rückseite. Doch die oberen Etagen sind wieder bezogen, teils modernisiert – ein wichtiges Lebenszeichen am alten Standort.

„Ende November erwarten wir endlich die neue Trafostation“, erklärt Adnan Ćuk, zuständig für Finanzen in der Geschäftsführung. Dann kehrt zumindest in Sachen Energieversorgung wieder so etwas wie Normalität ein.

Im Erdgeschoss allerdings herrscht weiter Ausnahmezustand. Schlamm und Geröll sind zwar ausgeräumt, Boden und Wände ausgebeint, doch der Wiederaufbau steht noch aus. Lange habe man intern gerungen, berichten die drei Geschäftsführer: Abriss? Neubau? Umsiedlung?

Die Entscheidung fiel zugunsten des Erhalts – verbunden mit einem neuen Konzept. Entstehen soll ein „Forum“, ein Ort der Begegnung und der Inspiration. Kunden, Architekt, Handwerker – sie alle sollen hier künftig Produkte erleben, Ideen entwickeln, Weru spüren können. Man wolle nahbar werden, betonen die Geschäftsführer. Adnan Ćuk rechnet damit, dass der Auftrag an einen Generalunternehmer bis Ende des Monats vergeben werden kann.

Weru plant für 2026 deutliche Umsatzsteigerung

Seit April ist Tobias Pfoh bei Weru mit an Bord, als Vertreter der Muttergesellschaft Dovista für das Deutschlandgeschäft verantwortlich. Und er bringt ehrgeizige Pläne mit. „Wir haben alle Rückstände aufgearbeitet. Die Produktion läuft – wenn auch an anderen Standorten. Wir werden dieses Jahr einstellig und damit besser als der Markt wachsen“, kündigt er selbstbewusst an.

Und nicht nur das: Für 2026 stellt Pfoh ein zweistelliges Wachstum in Aussicht. Die Werke in Gommla und Triptis übernehmen die Fertigung, Rudersberg bleibt als Verwaltungssitz – und wird mehr denn je zum strategischen Herz des Unternehmens.

Rudersberg soll künftig mehr als nur Firmensitz von Weru sein. Zwölf weitere Dovista-Marken sollen von hier aus betreut werden. Hier wird die Deutschlandzentrale des dänischen Konzerns verortet. Das bedeutet: neue Aufgaben, neue Strukturen – und möglicherweise auch neue Jobs. „Wir werden nicht nur die Mannschaft halten, sondern perspektivisch wahrscheinlich sogar aufstocken“, so Tobias Pfoh.

Die Deko steht in einem Hintereingang schon bereit. Foto: Gottfried Stoppel

In einem Markt, der unter Konsolidierungsdruck steht und in dem jeder Arbeitsplatz zählt, ist das eine Kampfansage – und ein Signal an die Region. Doch so klar der Blick nach vorn gerichtet ist, die Vergangenheit lässt sich nicht einfach abschütteln.

Zwischen Stolz und Schmerz: der Abschied von der Produktion

Der Verlust der Produktionsstätte ist tiefgreifend – wirtschaftlich, aber vor allem menschlich. 150 Mitarbeitende verloren ihren Job. Viele hatten Jahrzehnte bei Weru gearbeitet, bezeichneten sich selbst als „Weruaner“. Sie verloren mehr als nur eine Stelle, sie verloren ein Stück Identität.

Die Geschäftsleitung betont, man habe alles versucht, um den Übergang abzufedern. Mit Unterstützung der Arbeitsagentur wurde eine Jobbörse organisiert, 13 Unternehmen aus der Region warben um die entlassenen Fachkräfte. Wer keine neue Anstellung fand, wurde in eine Transfergesellschaft aufgenommen. Einige gingen in den Vorruhestand. Kurz vor Weihnachten sei der Interessenausgleich abgeschlossen gewesen, sagt Frank Fleissner.

Kritik an Weru-Geschäftsführung: War die Flut nur ein Vorwand?

Nicht alle glauben an das reine Krisenmanagement. Aus Reihen der Arbeitnehmervertretung kam der Vorwurf, die Flut sei ein willkommener Anlass gewesen, um eine ohnehin geplante Produktionsverlagerung durchzusetzen. Die Geschäftsleitung weist das zurück. Richtig sei: Bereits Ende 2023 habe es Überlegungen zur Verlagerung einzelner Linien gegeben. Aber: „Die Flut hat Tatsachen geschaffen“, sagt Fleissner. „Der Markt wartet nicht. Und wer nicht liefern kann, ist weg vom Fenster.“

Auch wenn sich Weru neu erfindet, die Emotionen in Rudersberg sind noch spürbar. Holzkreuze, Mahnwachen, Kritik am Management – die Reaktionen auf den Verlust der Produktion waren heftig. Und nachvollziehbar. Schließlich war Weru nicht irgendein Unternehmen, es warTeil der Identität der Wieslauftalkommune.

Doch inzwischen zeigen sich neue Wege. Das Bekenntnis zum Standort, die Pläne für das Forum, die strategische Aufwertung durch Dovista – all das soll nicht nur Symbolik sein, sondern ein Fundament, ein Versprechen: Rudersberg bleibt Weru. Nur eben anders.

„Wir wissen, dass wir den Leuten viel zugemutet haben“, sagt Frank Fleissner. Und doch ist in seinem Ton auch Zuversicht zu hören. Die Katastrophe hat vieles zerstört, aber auch Raum für Neues geschaffen. Zwischen Abrissbirne und Aufbruch liegt ein Jahr, welches das Unternehmen verändert – aber vielleicht auch stärker gemacht hat.

Fensterbauer mit Tradition

Weru
Die Weru GmbH wurde 1843 in Rudersberg gegründet und beschäftigt heute rund 295 Mitarbeitende, davon etwa 150 in der Verwaltung am Stammsitz. Das Unternehmen stellt Fenster, Türen sowie Hebe-Schiebetüren aus Aluminium und Kunststoff her. Seit 2024 erfolgt die Produktion ausschließlich in den thüringischen Werken Triptis und Gommla. Die Geschäftsführung liegt derzeit bei Frank Fleissner, der seit 2016 für Technik und Strategie verantwortlich ist, bei Adnan Ćuk, der seit 2024 Finanzen und Controlling leitet, sowie bei Tobias Pfoh, der seit 2025 als Konzernvertreter von Dovista das Deutschlandgeschäft betreut.

Dovista
Der Mutterkonzern Dovista A/S hat seinen Sitz in Dänemark und beschäftigt rund 7500 Mitarbeitende. Er betreibt 17 Werke in neun Ländern und vereint Marken wie Velux, Rationel, Velfac und Weru unter seinem Dach. Eigentümer ist die VKR Holding, ein familiengeführtes Unternehmen, das sich auf die Themen Tageslicht und Raumklima spezialisiert hat.