Daniela F. ist seit drei Jahren Schulbegleitung beim ASB. Foto: Privat; Lichtgut/Max Kovalenko

150 Schulbegleitungen des ASB Stuttgart sind seit Donnerstag freigestellt, darunter Daniela F.. Sie sorgt sich nun um ihren Schützling. Am Dienstag protestiert sie im Rathaus.

Dass sie nicht mehr zur Arbeit kommen kann, hat Daniela F. nur durch Zufall erfahren. Normalerweise schaut sie selten in ihr E-Mail-Postfach, sie muss es beruflich nicht nutzen. Am Donnerstagmorgen entdeckte sie eine Nachricht ihres Arbeitgebers ASB Stuttgart vom Abend zuvor: „Einsatz an Schulen bis auf Weiteres ausgesetzt“. Ihre erste Reaktion: „Ich dachte, das ist ein schlechter Scherz.“

 

Am vergangenen Mittwoch, 4. Februar, hat die Stadt Stuttgart dem Hauptträger für Schulbegleitungen in Stuttgart fristlos gekündigt. Die Stadt sagt, es gäbe einen „gesetzlich vorgesehenen Kündigungsgrund“. Der ASB Stuttgart hat seinerseits rechtliche Schritte angekündigt und sofort seine rund 150 Mitarbeitenden freigestellt. Eine von den 150 ist Daniela F.

Arbeit als Schulbegleiterin ist für Daniela F. „meine Berufung“

Die 50-Jährige arbeitet seit drei Jahren in Stuttgart als Schulbegleitung, seit zwei Jahren ist sie an der Seite eines Jungen mit einer Hörbehinderung und starken Aufmerksamkeitsproblemen. Sie hilft ihm, sich zu konzentrieren und geht mit ihm auf den Flur, wenn sie merkt, dass er das braucht. Dann machen sie dort weiter. Sie liebe ihre Arbeit, sagt Daniela F., sie sei noch nie so glücklich gewesen in einem Job wie mit dieser Aufgabe. „Ich kann wirklich etwas bewirken“, sagt sie. Die Arbeit als Schulbegleiterin ist für sie „meine Berufung“.

Wenn sie an „ihren“ Zweitklässler denkt, „zerreißt es“ ihr „das Herz“. Der Junge weiß bisher nicht, was los ist. Seine Eltern haben ihm gesagt, dass seine Daniela krank sei, nicht, dass sie nicht mehr an seiner Seite sein kann. „Er würde das gar nicht verstehen“, sagt Daniela F.. Die Schulbegleiterin fürchtet um die Fortschritte, die sie gemacht haben. Sie hätten in den zwei Jahren ein „großes Vertrauensverhältnis aufgebaut“. Ein einziges Mal habe sie in den zwei Jahren für zwei Tage gefehlt. „Warum krank?“, habe der Junge sie danach verstört empfangen. Er spricht nicht in ganzen Sätzen.

Lage an Schulen ist „unübersichtlich“

Daniela F. hat keine Ahnung, wie es nun für sie weitergeht und ob sie an ihrem alten Einsatzort weitermachen kann. Ihr Mann ist pflegebedürftig, hat Pflegegrad IV. Sie seien auf ihren Verdienst angewiesen. Ob sie ihr Gehalt noch kriegt? Diese Frage sei erst später bei ihr aufgekommen, die ersten Gedanken hätten den betroffenen Kindern gegolten. Ihr Schützling kann notfalls auch ohne sie in die Schule, er muss nicht zu Hause bleiben. Wie viel er am Unterricht teilhaben kann, sei eine andere Frage.

Besonders betroffen ist die Helene-Schoettle-Schule. Dort haben 61 Kinder eine Schulbegleitung vom ASB. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die meisten betroffenen Kinder müssen jedoch seit Donnerstag zu Hause bleiben. Ihre Eltern können nicht arbeiten. Zwar gibt es inzwischen Notfallpläne. Doch die Lage sei „unübersichtlich“, so der geschäftsführende Schulleiter der sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren, Michael Hirn. Man versuche, zumindest 30 bis 40 Prozent der Kinder einen Unterrichtsbesuch zu ermöglichen. Die Stadt Stuttgart schreibt, man habe für „rund 40 Prozent der Kinder bereits Ersatz gefunden“. Als Ziel gibt sie die „vollständige Versorgung“ nach den Faschingsferien an. An den Schulen ist man skeptischer: Erst „im Laufe des Schuljahres“ werde man wohl eine Lösung finden, so Hirn.

Stiller Protest im Rathaus – auch Daniela F. geht hin

Am Dienstag ruft der Gesamtelternbeirat Stuttgart zu einem stillen Protest auf. Um 13.30 Uhr wollen sie sich vor dem Rathaus versammeln, bevor um 14 Uhr der Schulbeirat startet. Eltern wollen mit ihren Kindern kommen, so es ihnen möglich ist. Viele der betroffenen Kinder haben eine Autismus-Spektrum-Störung. Nicht allen ist es möglich, sich solch einer Situation auszusetzen. Auch Daniela F. wird kommen, um ein Zeichen zu setzen. Sie will ihren Mann mitbringen, der im Rollstuhl sitzt.