Vor dem Stuttgarter Landgericht läuft der Prozess wegen eines illegalen Autorennens in Ludwigsburg mit zwei Toten. Foto: Kovalenko/Lichtgut

Im Ludwigsburger Rasermord-Prozess sorgen die verlesenen Briefe des Angeklagten für emotionale Szenen im Gerichtssaal. Was die Zeugen über den Unfallabend berichten.

„Müssen wir uns das anhören?“, fragt eine Frau im Zuschauerraum des Stuttgarter Landgerichts empört und verlässt den Sitzungssaal. Und das ist nur der Anfang: Kurz darauf marschiert der Großteil der Freunde und Bekannten der beiden beim Unfall in Ludwigsburg am 20. März getöteten jungen Frauen aus dem Gerichtssaal. Auch die Nebenkläger halten es nicht mehr aus. Vielen laufen die Tränen über die Wangen, noch durch die geschlossenen Türen ist Schluchzen auf dem Flur zu vernehmen.

 

Der Grund: Am fünften Prozesstag verlasen die Richter der 19. Großen Strafkammer mehrere Briefe des Angeklagten G., die dieser an seine Verlobte geschrieben – und die das Gericht beschlagnahmt hatte. Sie geben einen Einblick in das Seelenleben des 32-Jährigen, der in diesem Prozess unter anderem wegen Mordes angeklagt ist. „Ich wollte das nicht. Warum glaubt mir denn keiner? Ich bin doch kein Mörder“, heißt es in einem der Briefe. Eine andere Passage lautet: „Niemand schaut in meine Seele. Ich würde Arme und Beine opfern, um alles rückgängig zu machen.“

„Ich erlaube mir nicht mehr zu lächeln.“

Weiter berichtet er seiner Verlobten von Schlafstörungen: „Die Szenen gehen mir nicht mehr aus dem Kopf. Selbst bei der Gefängnispsychologin fühle ich mich nicht verstanden.“ In einem Brief vom September heißt es: „Der Staatsanwalt hat so traurige Sachen in die Anklage geschrieben. Ich habe geweint, als ich das gelesen habe. Ich bin seelisch kaputt. Ich erlaube mir nicht mehr zu lächeln.“ Er übernehme Verantwortung für vieles, aber nicht für das, was ihm vorgeworfen werde. Nur ganz selten schimmert in einzelnen Passagen Hoffnung auf: „Die Gnade der Justiz wird mit uns sein. So Gott will, gehen die Türen irgendwann wieder für mich auf.“

Die Briefe wühlten nicht nur die Angehörigen der verstorbenen Merve und Selin auf. Auch dem Angeklagten und seinem Bruder machte es sichtbar zu schaffen, dass seine innersten Gedanken und Gefühle öffentlich wurden. Beide schauten nach innen gekehrt auf den Tisch vor sich, irgendwann legt der Angeklagte G. seine Stirn auf die Tischplatte. Der Vorsitzende Richter Norbert Winkelmann zeigt sich davon unbeeindruckt: „Das ist die Folge, wenn man sich vor Gericht nicht einlässt. Dann müssen wir Ihre Gefühle aus den Briefen holen“, sagt er zu G.

Zeugenaussagen: Mehrere mutmaßliche Rennen beobachtet

Darüber hinaus hörten sich die Richter am fünften Verhandlungstag einige Zeugen an, die Beobachtungen im Umkreis der Schwieberdinger Straße rund 60 bis 90 Minuten vor dem Unfall gemacht hatten. Diese Beobachtungen lassen den Schluss zu, dass am Abend des 20. März ein illegales Autorennen geplant gewesen sein könnte. So berichtete ein 66-jähriger Rentner, er sei gegen 18.50 Uhr mit seiner Frau auf dem Weg zu einem Abendessen gewesen und habe in der Blumenstraße zehn Meter vor der Einmündung zwei Autos mit glänzenden Felgen die Uhlandstraße Richtung Bahnhof entlang rasen sehen.

„Meine Frau hat gesagt: Das sind doch Verrückte, die fahren Rennen“, berichtete der 66-Jährige. Er habe geantwortet: „Das seien doch Waffen, die lassen sich nicht kontrollieren.“ Auch er habe den Eindruck eines Rennens gehabt, das Ganze sei „wie ein Spuk“ gewesen. Die Autos seien mit geschätzten 80 bis 100 Kilometern pro Stunde hintereinander gefahren, mit einem Abstand von ein bis eineinhalb Metern. Er frage sich, warum solche Fahrer nie geblitzt würden, dann hätten die keinen Führerschein mehr. „Bei mir steht immer irgendwo ein Blitzer, wenn ich nur ein klein wenig zu schnell bin“, schloss der Zeuge schmunzelnd.

So sah der Mercedes des Angeklagten nach dem Unfall am 20. März aus. Foto: KS-Images.de / Andreas Rometsch

Einem 23-Jährigen, der auf dem Weg zum Restaurant Mauritius in der Uhlandstraße unterwegs war, waren die Fahrzeuge am Tatabend ebenfalls aufgefallen. „Die haben sich gebattelt, die wollten zeigen, was sie unter der Haube haben, nämlich 585 PS“, erklärte der autoaffine Zeuge. Die drei Autos seien mit hoher Drehzahl unterwegs gewesen, der V8-Motor habe geröhrt. „So was macht man zum Angeben, um Aufsehen zu erregen“, meinte der 23-Jährige. Ähnlich äußerte sich ein 24-jähriger Zeuge, der die Autos ebenfalls in der Uhlandstraße vor einem Döner gesehen hat: „Sie fuhren Vollgas mit heulendem Motor und wollten zeigen, dass sie schnell fahren können.“ Die Motorengeräusche habe man noch auf 100 Meter Entfernung gehört.

In diesem Jahr ist für den Prozess, in dem die Anklage auf Mord und verbotenes Kraftfahrzeugrennen lautet, nur noch ein Sitzungstag am 19. Dezember geplant. Fortgesetzt wird er dann am 12. Januar, danach sind weitere 13 Termine bis zum 7. April geplant.