Profimusiker besuchen durch die Initiative „Kleine Leute – Große Töne“ Kitas in Stuttgart und stellen dort verschiedene Instrumente wie Geige, Bratsche, Horn, Klarinette und Fagott vor. Foto: IMAGO/Depositphotos

Der Musiker Alexander Cazzanelli bringt Kindern in Stuttgarter Kitas spielerisch klassische Musik näher. Doch das Projekt steht vor einer großen Herausforderung.

Wenn Alexander Cazzanelli einen Kindergarten besucht, wird es laut und lustig. Die Kinder dürfen dann selbst in ein Horn pusten, die Tasten drücken, die Vibration einer Stimmgabel mit dem Finger fühlen und tanzen und singen.

 

Normalerweise steht Cazzanelli als tiefer Hornist der Stuttgarter Philharmoniker im Frack auf der großen Bühne. Doch sein ehrenamtliches Engagement führt ihn in Kitas, wo er Kindern auf ungezwungene und spielerische Weise Musik näher bringt. Genau diesen Kontrast möchte Cazzanelli überwinden. Für ihn ist klassische Musik nicht nur Hochkultur und ernste Disziplin, sondern auch eine Kunstform, die allen Alters- und Gesellschaftsschichten zugänglich sein sollte.

Kleine Leute – Große Töne

Sein Ehrenamt betreibt er im Rahmen der Initiative „Kleine Leute – Große Töne“ der Kinderstiftung Stuttgart. Die Stiftung wählt Musiker für Kindergartenbesuche aus, die dort ihre Instrumente vorstellen und so die Erzieher bei der musischen Früherziehung unterstützten. Cazzanelli erzählt bei seinen 30- bis 40-minütigen Besuchen die Geschichte des Horns, zeigt den Kindern verschiedene Horninstrumente, lässt sie seine Musik durch ihren Tanz bestimmen und klärt viele Fragen mit ihnen, wie: Was ist ein Orchester? Wie entstehen Töne? Oder: Was macht ein Komponist? „Meine Besuche sollen kein einseitiger Frontalunterricht sein“, sagt Cazzanelli. Wichtig sei ihm, dass die Kinder auch die Möglichkeit haben, sich zu bewegen, zu singen und die Instrumente anzufassen. Er sehe sich nicht in der Aufgabe, die Kinder zu belehren, sondern sie für die Musik zu begeistern, sagt Cazzanelli. „Mir macht die Arbeit mit den Kindern große Freude“, sagt der vierfache Vater. Deshalb ist er jede Saison 15 bis 20 Mal in Kitas in ganz Stuttgart unterwegs.

Musik für benachteiligte Kinder in Stuttgarter Kitas

Aktuell unterstützt das Programm 24 Einrichtungen mit insgesamt 276 Kindern. Gemeinsam mit dem Jugendamt wählt die Kinderstiftung Stuttgart die Einrichtungen aus. Dabei handelt es sich größtenteils um städtische Kitas in belasteten Sozialräumen. Ziel ist es, benachteiligten Kindern aus sozial schwächeren Verhältnissen die Chance zu geben, einen Zugang zur Musik zu finden. Dabei arbeitet die Organisatorin der Initiative, Andrea Mentrup, im engen Austausch mit den Pädagogen, um ein passendes Programm für die jeweiligen Gruppen zu erstellen.

Das Programm zur musikalischen Früherziehung umfasst verschiedene Stationen. Neben den Besuchen in den Kitas gibt es eine Hausrallye im Gustav-Siegle-Haus, bei der die Kinder nach den Musikern suchen, die sich in verschiedenen Räumen befinden und ihre Instrumente spielen. Darüber hinaus werden Mitmachkonzerte an der Internationalen Bachakademie Stuttgart, sowie Kita-Jahresabschluss-Konzerte organisiert, an denen auch die Eltern teilnehmen dürfen.

Alexander Cazzanelli (links) engagiert sich ehrenamtlich bei „Kleine Leute – Große Töne“, Andrea Mentrup (rechts) organisiert die Initiative. Foto: Stuttgarter Kinderstiftung/Valerie Hammacher; Fotofabrik Stuttgart

„Die Kinder haben oft Sprachbarrieren und können sich nicht unterhalten. Aber wenn sie die Veranstaltungen verlassen, strahlen sie alle, singen zusammen, lachen miteinander. Es gibt für mich keine schönere Beschäftigung als dieses Projekt“, sagt Mentrup, die selbst Klavier unterrichtet und seit vielen Jahren in der Musikszene Stuttgart aktiv ist. Oft beobachtet sie, dass Kinder, die zu Beginn ängstlich einen Konzertsaal betreten, später freudestrahlend und lachend aus dem Saal stürmen. Auf dem Rückweg zur Kita singen sie dann die neu gelernten Lieder. „Mit Musik erreichen wir alle, egal welche Sprache sie sprechen,“ so Mentrup.

Doch obwohl das Projekt eine so positive Resonanz bekommt, steht es vor großen Herausforderungen: Zu wenige Musiker engagieren sich ehrenamtlich. „Dabei würden wir gerne unser Programm ausbauen und mehr Kitas mit aufnehmen“, erklärt Mentrup. Für die Erzieher sei es eine willkommene Auflockerung des Kita-Alltags und wichtig, weil aufgrund des großen Personalmangels Ausflüge immer schwerer umzusetzen seien. Um sich selbst zu engagieren, braucht es kein abgeschlossenes Musikstudium. Studierende und leidenschaftliche Hobbymusiker sind genauso willkommen wie Profimusiker in der Rente. Wichtig ist die Begeisterung für die Arbeit mit Kindern und die Fähigkeit, ihnen das eigene Instrument auf spielerische Art und Weise näherzubringen. Interessierte können sich über die Website der Stuttgarter Kinderstiftung für „Kleine Leute – Große Töne“ bewerben.