Olaf, der Schneemann, ist der Publikumsliebling. Foto: Stage Entertainment/Johan Persson

Das Musical „Die Eiskönigin“ beeindruckt bei seiner Premiere im Apollo Stage Theater.

Stuttgart hat auf „Die Eiskönigin“ gewartet – und empfängt sie überschwänglich. Am Dienstagabend lassen sich die Zuschauer im voll besetzten Stage Apollo Theater sehr gerne hineinlocken, in eine Welt, in der starke Gefühle und eiskalte Wut regieren, zwischen wahrer und falscher Liebe Naturgewalten losbrechen.

 

Die Welt verwandelt sich in Eis

„Die Eiskönigin“ erzählt von Elsa, die Zauberkräfte besitzt, Schneestürme, Eismassen zu entfesseln vermag. Als ihre Schwester Anna einen Prinzen heiraten möchte, gerät Elsa in Wut, verliert die Kontrolle über ihre Kräfte – und die Welt verwandelt sich in Eis. Elsa wird nun für eine Hexe gehalten, flieht in den Norden, aber Anna folgt ihr – und ein Eissplitter trifft sie. Alles scheint verloren.

Die Geschichte der Schwestern wird visuell atemberaubend in Szene gesetzt: Da schimmert der Nachthimmel, tun sich dunkle Ebenen von unendlicher Weite auf, leuchtet eine ganze Welt in märchenhaftem Glanz. Und wenn Elsa die Kontrolle über ihre magischen Kräfte verliert, springt das Eis mit einem scharfen Knacken an der Kulisse hinauf, frisst diese Welt in Windeseile, lässt sie erstarren, verwandelt sie in eine andere, mit einem kalten Funkeln überzogene, aber doch imposante, überwältigend schöne.

Die Technik bringt eine ungeheure Intensität

Die Vorhänge, die den Kristallpalast der Eiskönigin bilden, bestehen auf mehr als 40 000 Swarovski-Kristallen, Glas, das geschliffen wurde, um wie Diamant zu glänzen. Durch sie schreitet Ann Sophie, die Stuttgarter Elsa, und singt „Lass jetzt los“, das Lied, bei dem sie sich ganz ihren Kräften übergibt, immer mächtiger wird – der dramatische, umjubelte Höhepunkt der Premiere.

Aber schon lange ehe sich die Welt in Eis verwandelt ist es die Bühnentechnik mit ihren vielschichten Projektionen, die eine Atmosphäre von ungeheuerer Intensität ins Theater bringt. Die Geschichte der Eiskönigin beginnt mit den Kindern, den Schwestern Anna und Elsa, die im Schloss ihrer Eltern zusammen spielen. Als Elsas Kräfte sich zeigen, als sie ihrer Schwester versehentlich ersten Schaden zufügt, beschließen die Eltern, die beiden ganz abzuschotten – und das Schloss, mit seinen vielen hohen Türen, seinen spitzen Fenstern, schließt sich um die Kinder herum. Immer wieder entstehen auf der Bühne Effekte von verblüffender Tiefe und Räumlichkeit – die ganz den großen Emotionen entsprechen, die in diesem Stück toben.

Denn wer hätte gedacht, dass Prinz Hans, der erst so arglos erscheint, es nur abgesehen hat auf das Königreich der Schwestern? Simon Loughton singt den Prinzen mit freundlich schöner Stimme und tanzt mit Anna einen ausgelassen verrückten Tanz, ehe er ihr einen Antrag macht. Anna, fabelhaft gespielt von Alba Alaoui, ist die eigentliche Hauptperson der Geschichte: Eine lebhafte, freche junge Frau, die sich auf die Suche nach ihrer geflohenen Schwester macht und im Eislieferanten Kristoff (Jonathan Kügler) zuletzt die wahre Liebe findet. Kristoff ist unterwegs mit Sven, einem vorwitzigen Rentier, in dem der Schauspieler Arten Salastelnyk steckt. Auch mit dabei: Olaf, der Schneemann, den die Schwestern in ihrer Kindheit bauten. Kaj-Louis Lucke spielt die Figur, die Disneys Universum am nächsten ist und von den Zuschauern geliebt wird, mit einer großen Handpuppe. Eric Minsk schließlich ist Pitzbühl, der fiese Herzog, der das Volk gegen die Eiskönigin hetzt.

Vom Märchen ist das Musical weit entfernt

Die Tänzerinnen und Tänzer des Musicals sind Hofstaat und Volk, spielen die Trolle, die als dunkel leuchtende Silhouetten aus der Nacht hervortreten, wenn sie um Hilfe gerufen werden. Die Tanzszenen geben dem Geschehen große Dynamik – auch wenn Anna einkehrt in eine Hütte in der das Volk die dänische Gemütlichkeit feiert, und Oaken, der Händler aus dem Norden, in seltsam süddeutscher Zunge spricht: „I sag mal so: Des isch kein Pipifax!“

Vom Kunstmärchen des dänischen Dichters Hans Christian Andersen ist das Musical „Die Eiskönigin“ so weit entfernt wie der Disney-Film – und doch gelingt es der Inszenierung, eine Ahnung der abgründigen Seite dieser Geschichte zu geben: Hier wirbeln Emotionen auf wie der Schnee, der in der finsteren Nacht tanzt – und manche von ihnen sind gefährlich. Olaf, der drollige Schneemann, träumt derweil vom Sommer und davon, umarmt zu werden, obwohl dies sein sicheres Ende bedeuten würde.

Der Applaus im Apollo-Theater dauert lange an – während Nordlichter über den Vorhang geistern.