„Lehrer können dazu beitragen, dass aus jungen Leuten mündige Bürger werden“: Muhterem Aras bei ihrem Besuch in Böblingen Foto: Stefanie Schlecht

Die Landtagspräsidentin Muhterem Aras will Jugendliche im Kaufmännischen Schulzentrum etwas über das Leben lehren.

Ein Feuerwerk an Fragen prasselte am Donnerstagmorgen auf Muhterem Aras ein. Die Präsidentin des Landtags von Baden-Württemberg war zu Gast am kaufmännischen Schulzentrum in Böblingen. „Die Schulen kommen zu uns, aber wir kommen auch gerne in die Schulen“, begrüßte sie die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe von Wirtschaftsgymnasium und Berufskolleg.

 

Einen zentralen Appell wiederholte sie gleich mehrfach. „Geht wählen!“, ermunterte sie die jungen Leute, „wählen ist Bürgerpflicht“, sagte sie mit Blick auf die Landtagswahl am 8. März kommenden Jahres.

Beeindruckender Werdegang

„Löchert die Dame“, begrüßte am Anfang auch Hausherr Roland Bernhard das Publikum aus den Reihen der insgesamt 11.000 Schüler an den beruflichen Schulen im Kreis Böblingen. Das musste der Landrat nicht zweimal sagen. Kurz stellte der Gast aus Stuttgart sich und seine politische Laufbahn vor. „Lehrer können dazu beitragen, dass aus jungen Leuten mündige Bürger werden“, weiß die heute 59-Jährige aus eigener Erfahrung – und erzählte, wie sie es als gebürtige Türkin von der Hauptschülerin ohne Deutschkenntnisse über weiterführende Bildungsabschlüsse zum Wirtschaftsstudium und dann zur selbstständigen Steuerberaterin geschafft hat.

Seit 2011 gehört Muhterem Aras dem Stuttgarter Landtag an, und seit 2016 ist sie als erste Frau, Grüne und Politikerin mit Migrationshintergrund dessen Präsidentin. Sitzungsleiterin, Chefin der Landtagsverwaltung und Werben für die parlamentarische Demokratie, beschrieb sie in aller Kürze die damit verbundenen Aufgaben. „Ich liebe dieses Land“, hielt sie außerdem ein flammendes Plädoyer für Deutschland, „dass wir immer griesgrämig rumlaufen, kotzt mich an.“

Dann waren die Schülerinnen und Schüler an der Reihe. Nachdem der erste Mutige eine Frage zum nicht nur aus seiner Sicht zu teuren öffentlichen Personennahverkehr gestellt hatte, war das Eis gebrochen. Warum sie Politikerin geworden sei, wollte eine Schülerin von der Landtagspräsidentin wissen. „Damit hat man die Möglichkeit, etwas an der Gesellschaft zu ändern“, so die Antwort. Sanktionen gegen Russland bewegen die jungen Leute, Waffenlieferungen an Israel und die katastrophale humanitäre Lage im Gazastreifen. Viel Beifall gab’s für Muhterem Aras’ Aussage: „Man muss Fehler benennen, auch wenn es die israelische Regierung ist.“

Wer braucht Gras für sein Glück?

Die aktuellen wirtschaftlichen Herausforderungen der heimischen Automobilindustrie treiben die Jugendlichen um, der Ausstieg aus der Atomkraft wird durchaus auch kritisch gesehen, genauso wie viel Geld für Waffen und auf der anderen Seite eine zunehmende Altersarmut und sich vergrößernde soziale Ungleichheit. Erbschaftssteuer, Bio-Landwirtschaft und die allgemein positiv bewertete Herabsetzung des Wahlalters in Baden-Württemberg auf 16 Jahre waren weitere angesprochene Themen.

„Die anderen Parteien haben Fehler gemacht“, musste Muhterem Aras bei der Frage nach den Zulauf von Rechtspopulisten eingestehen. Dazu gehört für sie offensichtlich auch das Gesetz zur Cannabisfreigabe. „Lasst die Finger davon, wozu braucht man Gras, um glücklich zu sein“, gab sie ihren Zuhörern mit auf den Weg und hatte Applaus und Lacher nach wie im Flug vergangenen eineinhalb Stunden auf ihrer Seite.