Gordana Marsic ist seit diesem Jahr Vorstandsmitglied der AOK Baden-Württemberg. Eine ihrer Missionen ist es, Mütter in Führungspositionen sichtbarer zu machen. Wie sie es schafft, den Vorstandsjob und das Familienleben mit zwei Kindern zu managen.
Gordana Marsic spricht schnell und sprudelnd und wer sie erlebt, kann nachvollziehen, warum sie sich dafür entschieden hat, ihren Kaffeekonsum auf eine Tasse am Tag zu reduzieren – so wach und schnell platziert sie ihre Botschaften. „Wenn ich morgens ins Büro komme, habe ich schon 20 Ideen“, sagt sie. Wenn sie, die schon seit 2002 bei der AOK Baden-Württemberg arbeitet, darüber nachdenkt, wie sich ihr Führungsstil im Laufe der Zeit verändert hat, kommt ihr schnell ein veränderter kommunikativer Austausch in den Sinn. „Früher mochte ich es gern harmonisch“, sagt die 41-Jährige. Das hat sich mit der Zeit verändert. „Heute suche ich gezielt nach den kritischen Stimmen in meinem Umfeld und höre mir gern an, was sie zu den 20 Ideen zu sagen haben.“
Seit ihrer Ausbildung 2002 ist Marsic insgesamt 13 Jahre als Führungskraft tätig. Unter anderem verantwortete sie den Geschäftsbereich Versorgungsmanagement in der AOK-Bezirksdirektion Stuttgart-Böblingen, dann den Geschäftsbereich Markt. Zuletzt wirkte sie als Stellvertretende Geschäftsführerin der Bezirksdirektion.
Im April 2023 wurde Marsic vom Verwaltungsrat der AOK Baden-Württemberg als neues Vorstandsmitglied gewählt und war von Mai 2023 bis zu Ihrem Amtsantritt Beauftragte des Vorstands. Seit Januar 2024 ist Marsic neues Vorstandsmitglied der AOK Baden-Württemberg und verantwortet den Bereich Personal sowie die Versorgungssteuerung der Südwestkasse.
Im Vorstand will sie sich vor allem darum kümmern, die Marke AOK Baden-Württemberg als Arbeitgeber zu positionieren. Die Kasse spürt den Fachkräftemangel. Auch aus diesem Grund ist es ihr ein Anliegen, Frauen zu unterstützen, die familiär eingespannt sind – sei es durch kleine Kinder oder pflegebedürftige Eltern. „Wir haben als AOK Baden-Württemberg den Grundstein dafür gelegt, wir sind zertifiziert als familienfreundlicher Betrieb, der sich für die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben in allen Lebensphasen einsetzt“, so Marsic.
Marsic will den Familienalltag ohne Nanny schaffen
Gordana Marsic ist selbst Mutter von zwei Kindern im Grundschul- und Kindergartenalter und findet es wichtig, dass Mütter in Führungspositionen für andere Frauen sichtbarer werden. „Frauen sind Leistungsmenschen“, sagt sie. „Sie schaffen eher als zu sprechen.“ Darum appelliert sie an Mütter in Führungspositionen, es öffentlich zu thematisieren, wie sie Familie und Beruf täglich managen. Marsic und ihr Mann, der zu 80 Prozent arbeitet, könnten auch eine Kinderbetreuung einstellen. „Aber das ist nicht unser Weg“, sagt sie. „Wir haben den Anspruch, zu 98 Prozent selbst einzuspringen, wenn die Betreuung nicht so funktioniert wie geplant“. Planung ist ein wichtiges Stichwort für Gordana Marsic.
„Wichtig ist beim Familienmanagement, einen Plan zu haben, der meistens funktioniert. Es braucht auch Plan B und C, die greifen, wenn Plan A nicht funktioniert.“ Auch ihre Familie ist etwa von den Personalengpässen bei den Kindergärten in der Region betroffen, von verkürzten Öffnungszeiten und Schließungen. Sie rät Eltern, solche Themen klar beim Arbeitgeber zu kommunizieren und proaktiv Vorschläge zu machen, in welcher Form die Arbeit an Problemtagen erledigt werden kann. Beispielsweise könne man vereinbaren, sich mittags um die Kinder kümmern und abends noch mal den Rechner hochzufahren.
Auch Homeoffice und flexible Arbeitszeitmodelle helfen. Bei der AOK Baden-Württemberg können die Beschäftigten zu 60 Prozent zuhause arbeiten und sollten 40 Prozent anwesend sein.
Die Führungskräfte haben auch die Möglichkeit, in Teilzeit zu arbeiten oder sich eine Chefposition zu teilen: 184 Führungskräfte der AOK Baden-Württemberg (16,5 Prozent) arbeiten in Teilzeit. Davon sind rund sieben Prozent Männer. 40 Teilzeit-Führungskräfte nutzen die Möglichkeiten zum Jobsharing.
Dass es immer noch weniger Männer sind als Frauen, die lange in Elternzeit gehen und später zugunsten der Familie die Arbeitszeit reduzieren, liegt laut Marsic auch an der Wirtschaftsstruktur in Stuttgart und der Region. „Der Arbeitsmarkt wird geprägt durch die Autoindustrie, in der hohe Löhne gezahlt werden und viele Männer beschäftigt sind“, sagt sie. Viele Mütter in Führungspositionen raten jungen Frauen, die ebenfalls Führungsambitionen haben, nicht zu lange in Elternzeit zu gehen. Dies umzusetzen, fällt vielen Frauen schwer, weil auch hier die sichtbaren Vorbilder fehlen und viele junge Frauen zuhause eine traditionelle Rollenverteilung erlebt haben.
Drei Monate nach der Geburt des ersten Kindes war Marsic wieder im Job
Auch Gordana Marsic hat sich für eine kurze Elternzeit entscheiden – und verschweigt nicht die Opfer, die dabei zu bringen sind. „Bei meinem ersten Kind bin ich drei Monate nach der Geburt wieder arbeiten gegangen“, sagt sie. „Das war eine sehr schwere Zeit.“ Die drei Monate Elternzeit hätten sich angefühlt wie drei Wochen. „Als der Tag der Trennung gekommen ist und mein Mann die Kleine übernommen hat, haben wir alle drei gekämpft.“ Aber alle haben sich in der neuen Rolle eingefunden. „Ich hatte mit meinem Chef eine Exit-Option vereinbart und es hat mich in meiner Entscheidung, das Richtige zu tun bestärkt, dass ich sie nicht ziehen musste.“
Dennoch hat sie sich bei ihrem zweiten Kind für eine sechsmonatige Elternzeit entschieden. Dass ihr Mann jeweils lange in Elternzeit war, ist für die Familie aus ihrer Sicht eine Bereicherung. „Ich bin davon überzeugt, dass die Bindung der Kinder zu meinem Mann wesentlich stärker geworden ist, ohne dass die Bindung zu mir schwächer geworden wäre.“
Während viele Frauen unter der Sorge-Arbeit in der Familie leiden, ist für Gordana Marsic die Familienzeit ihre wichtigste Kraftquelle. „Viele Frauen sagen mir, dass sie es bewundern, wie ich das hinbekomme, aber meine Botschaft ist: wenn man als Frau den unbedingten Willen hat, eine Führungsposition auszuüben, ohne auf eine intakte Familie zu verzichten, wird das gelingen.“