Lässige Harley-Fahrer mit weißen Mähnen und langen Bärten, junge Ostälbler mit ihren Sportmaschinen oder Familienväter, die auch mal was allein machen wollen:Die Löwensteiner Platte an der B 39 ist Treffpunkt für Biker jeglicher Couleur.
Die Knieschleifer von der Ostalb kommen. Man hört sie, lange bevor sie in der Applauskurve auf den Parkplatz biegen. Junge Männer mit ihren blitzenden Supersport-Maschinen, die auch gerne 200 PS haben dürfen und bei Tempo 250 erst richtig Fahrt aufnehmen. Zwei gechillte Senior-Biker stehen im Schatten neben ihren Harley und schauen zu, wie sich die Youngsters bei der Gluthitze die Helme herunterreißen. Sie machen eine Bemerkung, die Knieschleifer erwidern was. Man lacht.
Das wird wieder ein herrlicher Sonntagnachmittag auf der Platte – dem Aussichtspunkt an der B 39 oberhalb von Löwenstein, der in der Sommersaison zum großen Bikertreff wird. An den Wochenenden ist besonders viel los. Hunderte Motorräder reihen sich aneinander. Man sitzt im Gras oder auf Holzbänken, zuzelt ein Zitronengetränk mit Röhrle, isst die legendäre Paprikawurst vom Imbisshäusle, zum Dessert vielleicht ein Milka Tender und erfreut sich am Blick über das Sulmtal. Wobei es hier eigentlich weniger um Weitsicht geht. Viel interessanter ist, was sich da direkt vor einem alles abspielt, welch verwegene Tätowierungen man zu sehen bekommt und was man so mithören darf.
„Mit meim Kumpel war i mol in Urbino. Valentino Rossi kennsch, oder? Rennfahrer. Sei Geburtsort, bei Rimini. Zwei Tag nonder, zwei nuff, jeden Tag 500 Kilometer. Des ganze Dorf isch Rossi. Überall nurFahna und so. Voll geiles Erlebnis.“
„Da hast du Rück- und Vorkühlung und Mischkühlung, dann hast du das Ventil und das Ventil und den Schlauch und den Schlauch, und wenn ein Schlauch kaputtgeht, kannst du das Riesending abstellen.“
„Den hat’s auf der Kuppe brezelt.“ – „Derra hat’s dr Oberschenkel praktisch zerlegt.“ – „Der isch mit 140 über an Holzprügl – und des Erschde, was er nach’m Krankenhaus gmacht hat: a neis Motorrad kauft.“
„Ich find das fantastisch: Eine blondhaarige Frau mit Zopf, Hammerfigürle und heizt mit so ’nem Ding durch die Gegend. Da denk ich immer: Mensch, die traut sich was.“
Wenn Neue herfahren, wartet man schon gespannt, welche Gesichter die Helme freigeben. Manchmal werden die Erwartungen voll bestätigt, oft gibt es Überraschungen.
Die allermeisten sind Männer. Viele im Rentenalter mit jungen Herzen, langen Bärten, grauen Mähnen oder gar keinen Haaren. Hünen, die auf ihren zu kleinen Rennmaschinen wie auf einem Karussell-Motorrädle aussehen. Junge Heißsporne. Familienväter.
Die Platte ist auch Catwalk. Cowboystiefel, Westen mit Fransen sind beliebt. T-Shirts mit Aufschriften wie „American Highway“ oder „Loud Pipes save lives“. Die knallengen Lederkombis mit den Knie- und Rückenprotektoren lassen ihre Träger immer ein bisschen o-beinig und bucklig wirken. Eine Frau auf einer Enduro braucht zehn Minuten, um sich aus ihrer Montur zu schälen. Da hat es der Honda-Fahrer mit kurzer Jeans und Wildleder-Clogs leichter. Jeder darf sein, wie er ist. Man macht Rundgänge. Guckt, was da so parkt. Gibt sich Benzingesprächen hin.
„Klappt des mit denne Schlappa au in Kurva?“ – „Einwandfrei klappt des, nur bei Spurrilla muss i aufbassa.“
„Ich will mal zum Grand Prix nach San Marino. Und auch zur Gedenkstätte für Simoncelli, eine Viertelstunde von der Rennstrecke weg: Ein Drei-Meter-Auspuff, da kommt sonntags in der Dämmerung 58 Sekunden lang eine Stichflamme raus. Die 58 war doch sei Startnummer.“
„Vor meiner Kawa bin i a Fireblade gfahra. In jeder Kurv hat’s am Boda gstriffa.“ – „Mir gefällt die MT 10.“ – „Nichts Schöneres als eine TDM.“ – „I find die Tiger cool, die hab i scho seit jeher ufm Zeiger.“ – „I sag immer, du musch drei Motorräder in dr Garaasch han. A Panigale, die neue, die V4. Dann a Harley, die muss richtig knalla, die musch drei Stroßa weiter no höra. Und a BMW.“ – „Neulich hab ich einen Bericht gelesen über die V-Max. ,Es ist nie Ebbe, immer Flut‘, hat der Journalist geschrieben.“ – „Ach so . . . was meint der damit?“ – „Ha: Nie Ebbe! Immer Flut!“ – „Ach so . . .“
„Am Donnerstag hat es bei mir gewittert. Um drei hab ich gedacht, jetzt sind die Straßen wieder trocken. Aber um halb vier ist es wieder losgegangen.“ – „Bei mir war es so: Ich bin spazieren gegangen, und kaum war ich im Haus drin, hat es angefangen zu regnen. Da hab ich mir gesagt, endlich ein bisschen Abkühlung. Dann ist aber bald die Sonne wieder rausgekommen.“
„Hallo. Ist da noch Platz neben euch?“ – „Natürlich.“ – „Wenn man eine Stunde auf dem Motorrad gesessen ist, kann man sich ja auch mal wieder hinhocken.“ – „Genau.“
Auf der Platte herrscht eine angenehme Grundstimmung. Hier geht man gut miteinander um und fühlt sich gleich in Gemeinschaft, auch wenn man nur eine Weile nebeneinandersitzt, ohne was zu reden. Ständig muss gegen den Lärm startender Maschinen angeschrien werden. Ein orchestrales Ereignis. Kenner wissen gleich, was die Motormelodien über Zylinderanordnung, Kurbelwellenform, Zündfolge, Hubraum verraten. Da sind die Bikes, die wie nervöse Insekten tönen, da sind die Schnurr-Kätzchen, Zwölfender-Hirsche, Highland-Bullen. Es gibt die Nähmaschine und den Schiffsdiesel. Die Trompete und die Tuba.
„Vorigen Monat sind wir auf den Grand Ballon, das muss man mal gesehen haben.“ – „Ja, des isch geil, die Berg nauf, die Pässe, des isch noch mol was anders wie dahanna.“
„Komisch, wenn ich mit meiner Giulia unterwegs bin, dann fahr ich meistens nur mit Top und kurzer Hose oder einem Röckle. Auf mein Motorrad bin ich immer nur mit Vollmontur gestiegen – aber oft auch nur Tempo 100 gefahren. Nur beim Roller denk ich irgendwie, das muss nicht sein.“
„Mein Sohn hat ja auch ein Moped. Für uns war so ein Moped ja alles, früher in der Jugend. Aber der fährt bloß ins Geschäft, keinen Meter weiter. Oder, wo er noch kleiner war, und ich hab gesagt: Komm, wir fahren Eis essen mit dem Motorrad. Da hat er bloß geguckt: ,Bei 35 Grad?‘ Das ist dem alles nur lästig mit den Klamotten.“
„Neulich hab ich mich hier kurz mit einem unterhalten, der war schon 78. Der hat den Sattel und die Fußrasten bei seiner Aprilia nach hinten gesetzt, der liegt dann quasi komplett auf dem Tank drauf und kann tiefenentspannt fahren.“
„Wir waren neulich in Rot am See. Da gibt’s gar keinen See! Nur einen Tümpel, wo so ein Schwan drauf rumpaddelt. Dann sind wir weiter zum Kochertal und wollten wo einen Eiskaffee trinken. Angehalten, hingesetzt – jetzt war das ein Vietnamese. So einen grässlichen Eiskaffee hatte ich mein ganzes Leben noch nicht. Das Vanilleeis mit Knoblaucharoma. Bestimmt hat er es in der Gefriertruhe neben dem Knoblauch gelagert, und dann es hat den Geschmack angenommen. Kristallisiert war das Zeug auch.“
„Bei der Supertrapp-Anlage hörsch du jeden Zylinder – bam, bam, bam.“
Eine Familie im Opel mit Vogtländer Kennzeichen, die hier wahrscheinlich Rast machen wollte, rollt mit fragenden Blicken am Motorradauflauf vorbei, biegt schließlich wieder auf die Bundesstraße und fährt von dannen. Kein freier Platz für einen Pkw.