Bernd Sander (im Hintergrund) bittet zur Speichelprobe: Kurt Schraivogel ist wie 334 andere Männer auch dem Aufruf gefolgt. Foto: Max Kovalenko

Im Mordfall Anja Aichele setzt Polizei auf DNA-Test – Aus Nachbarschaft des Opfers kamen 334 Männer.

Stuttgart - Bunte Bilder an den Wänden, Spiele stapeln sich in den Schränken. Doch in der städtischen Kita im Cannstatter Stadtteil Muckensturm tollten keine fröhlichen Kinder. Zwei Tage lang hatte die Stuttgarter Kriminalpolizei die Einrichtung für eine DNA-Reihenuntersuchung im Mordfall Anja Aichele genutzt.

Per Brief hatte das Morddezernat rund 400 Männer aus Stuttgart vorgeladen, freiwillig ihren genetischen Fingerabdruck abzugeben. Für weitere 300 auswärtige Adressaten stellte die Stuttgarter Polizei Amtshilfeersuchen an Dutzende Polizeidienststellen bundesweit.

Die Vorgeladenen verfügen alle über fahndungsrelevante Gemeinsamkeiten in dem seit über 25 Jahren ungeklärten Kapitalverbrechen: „Sie waren am 27. März 1987, dem gewaltsamen Todestag von Anja Aichele, zwischen 14 und 60 Jahre alt“, erläutert der Stuttgarter Morddezernatschef Steffen Göttmann, der das Ermittlerteam in der Kita leitete. Und sie lebten zum Tatzeitpunkt in unmittelbarer Umgebung der Fundstelle.

„Täter muss starken Bezug zum Umfeld des Opfers gehabt haben“

Der Leichnam der damals 17-jährigen Schülerin aus Bad Cannstatt ist sorgfältig verscharrt gewesen in einem Garten neben einem einsamen Treppenweg zwischen Oberer Ziegelei und Anjas Wohnhaus im Muckensturm. „Der Täter muss einen starken Bezug zum Umfeld des Opfers gehabt haben“, gibt Kriminalhauptkommissar Göttmann Ermittlungsergebnisse früherer Kollegen wieder, die sich inzwischen in den Ruhestand verabschieden mussten, ohne den Mörder überführen zu können. Der Massengentest soll die Wende bringen.

Denn trotz stets weiter laufender Ermittlungen, ungeachtet auch eines bundesweiten Fahndungsaufrufs in der ZDF-Sendung „XY ungelöst“ tappte die Kriminalpolizei in dem Mordfall Anja Aichele jahrzehntelang im Dunkeln. „Bis es Spezialisten des Landeskriminalamts im Jahr 2008 mit neuen Analysetechniken gelang, eine DNA-Spur des Täters zu sichern“, so Kriminalhauptkommissar Peter Wengerek, der seitdem intensiv an dem Fall arbeitet.

„Das ist unser letzter Rettungsanker“

Wie unsere Zeitung im Dezember 2010 berichtete, führte ein erster DNA-Reihenabgleich im damaligen Bekannten- und Freundeskreis des Opfers nicht zum erhofften Treffer. Aus rund 200 Ermittlungsordnern filterte Wengerek schließlich rund 700 damalige Nachbarn von Anja Aichele für den aktuellen Reihentest aus. Sollte jetzt einer der genetischen Fingerabdrücke mit der DNA-Spur übereinstimmen, wäre der Mörder endlich gefunden. „Das ist unser letzter Rettungsanker“, so Dezernatschef Göttmann. Weitere Ermittlungsansätze biete der Fall nicht.

„Bitte Mund aufmachen, Zunge unten lassen“, sagen die Beamten jedes Mal, bevor sie mit einem Wattestäbchen über die Mundschleimhaut eines Vorgeladenen streichen. Zusammen mit der Einverständniserklärung werden Teststäbchen in Briefumschlägen eingetütet. „Vielen Dank, das war’s auch schon“, verabschieden die Beamten die vorgeladenen Männer. „Ich erinnere mich gut an die Geschehnisse nach dem Mord, alle waren geschockt“, sagt Thomas Bissler, der damals im benachbarten Zuckerleweg wohnte. „Was, wenn der Mörder bereits gestorben ist?“, fragt ein anderer Anwohner. „In diesem Fall kann der Genabdruck eines Verwandten zum Vergleich herangezogen werden“, antworten die Polizisten.

Wer nicht gekommen ist, wird in den nächsten Tagen kontaktiert

Dezernatsleiter Göttmann ist mit der Resonanz auf den Reihentest zufrieden. „Wer nicht gekommen ist, wird nicht automatisch zum Verdächtigen“, betont er. Man werde mit diesen Personen in den nächsten Tagen aber in Kontakt treten, kündigt er an. Ob die Kriminalbeamten am Wochenende ins Gesicht von Anjas Mörder geschaut haben, will der Dezernatschef nicht ausschließen. „Es gab immer wieder Fälle, wo der Täter selbst zum freiwilligen DNA-Test kam“, so Göttmann.

Im Frühsommer soll das Ergebnis des Massengentests vorliegen. Ist ein Treffer dabei, wäre einer der bekanntesten von derzeit 57 ungelösten Stuttgarter Mordfällen doch noch erfolgreich aufgeklärt.

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